den anstürmenden Kindern umdrängt , und halb lachend , halb verweisend die Ordnung aufrechthaltend , da schlürfte Frau Griebel bedachtsam den goldigen Trank aus ihrem Glase , und die klugen , blinzelnden Augen hingen an dem Mädchen – die flinken Hände dort guckten doch merkwürdig sonnverbrannt und dunkel aus den weißen Mullärmeln ! Am Halse , unter der Spitzenkrause blinkte ein gehenkeltes Goldstück , und das schöne Gesicht – na ja , sie hatte ja schon einmal gesagt , daß man solch ein Gesicht weit und breit suchen könne ! Aber jetzt sagte sie nichts , gar nichts ; sie stieß nur mit Herrn Markus an auf den » Schatz , den er hebe « , wie er ja gestern selbst gesagt hatte , und meinte , so wie sie die Sache beurteile , sei er wirklich ein Glückspilz und habe sich nicht verrechnet ... Und als sie später mit dem Brautpaar in das obere Stockwerk hinaufstieg , weil Agnes das Erkerzimmer zu sehen wünschte , da zeigte sie auf das Bild der seligen Frau Oberforstmeisterin und sagte geheimnisvoll : » Fräulein Braut , das war seine erste Liebe im Hirschwinkel – in den gemalten schönen Krauskopf da hatte sich unser junger Herr völlig verguckt , die Flachslocken hatten es ihm angetan – « » Die Flachslocken am wenigsten , Verehrteste ! « lachte der Gutsherr . » Nein , der Zauber dieser Erscheinung wirkte erst wahrhaft hinreißend auf mich , nachdem ich einen tiefen Blick in das innere Leben der seltenen Frau getan hatte ! « wandte er sich , sehr ernst werdend , an seine Braut . » So zart und lieblich , scheinbar ein schwaches Weib , und dabei eine Seele voll Kraft und Energie ! Diese wundervolle Charaktermischung trat mir hier zum erstenmal vor Augen und hat mich geschickt gemacht , dich zu verstehen , zu würdigen , Agnes ! « Das junge Mädchen , das er bei diesen Worten zärtlich an sich zog , war zu Lebzeiten der alten Freundin nie in den Hirschwinkel gekommen , eine derartige Unterbrechung ihrer Einsamkeit hatte die Gutsherrin nicht geliebt ; wohl aber war sie selbst öfter auf der Domäne Gelsungen gewesen , wo sie , Gelegenheit genug gehabt hatte , Amtmanns Nichte und Pflegekind kennen und schätzen zu lernen . Die alte Dame hatte auch dort botanisiert , und auf diesen Streifzügen durch Wald und Feld war Agnes ihre stete Begleiterin gewesen . Sie sah sich jetzt gerührt , mit feuchten Augen um in dem anheimelnden Zimmer , dessen Wände alle Stadien eines verwaisten Frauenherzens , vom ersten wilden Schmerzensausbruch an bis zur mild schweigenden Entsagung herab , mitangesehen . Bisher hatte sie zu dem Erker nur im Vorübergehen voll ehrfürchtiger Scheu emporgeblickt – nun durfte sie eintreten , und der traute Winkel sollte ihr Mädchenstübchen sein , bis der geliebte Mann kam , sie heimzuführen . » Ja , bei Lebzeiten der seligen Frau Oberforstmeisterin ist mir das Glashäuschen , der Erker da , immer vorgekommen wie ein Schmuckkästchen , voll blühender Reseda und Alpenveilchen , und um Weihnachten gab ' s Maiblumen und Tulpen auf den Fensterbrettern , wie im schönsten Treibhause ... « sagte Frau Griebel . » Ach ja , es war gar etwas Eigenes um unsere alte Dame – › die reine Poesie ‹ – sagt meine Luise immer bei dergleichen ! Aber deswegen war sie doch entschlossen und praktisch wie irgendeine – das Notwendige und Nützliche kam immer in erster Reihe , ja , ja , da wurde nicht gefackelt ! ... Na , und was ich sagen wollte , Herr Markus , viele Sprünge können Ihre Gäste hier oben nicht machen , der Platz ist gar zu knapp – « » Liebste Griebel , erschrecken Sie mich nicht ! Ich wollte eben noch einen neuen Bewohner anmelden – der Sohn des Amtmanns ist angekommen – « » I was ! Der aus dem Goldlande ? « » Ja , der . Und er ist krank gewesen und soll sich hier erholen . Und ich selbst bleibe natürlicherweise auch im Hirschwinkel , solange ich kann – Sie müssen Rat schaffen ! « » Ei , jawohl , daran soll ' s nicht fehlen ! Sie beherberge ich unten in meiner Wohnstube , und hier oben – na , da lassen Sie mich sorgen ! « – Im Forstwärterhause hingen schon nach einigen Tagen die blauen Rollvorhänge nicht mehr hinter den Scheiben , und die Tillröder Jugend , die jetzt mehr als je eine ungewöhnlich reiche Beerenernte in den Wald lockte , sah das Brautpaar alle Tage zu dem » Forstwärter « auf Besuch gehen . Der Kranke erholte sich zusehends . Anfänglich war er freilich sehr niedergeschlagen gewesen ; er hatte gehofft , dem Gutsherrn , der ihn in seiner so trostlosen Lage gesehen , nie wieder zu begegnen ; ja , noch in seinen letzten lichten Augenblicken , vor Ausbruch der Krankheit , hatte er Agnes und den Forstwärter beschworen , mit keinem Wort seine Anwesenheit zu verraten – er hatte für die Bewohner des Gutshauses durchaus nicht mehr vorhanden sein wollen ... Nun kam aber der prächtige , achtunggebietende Mann Tag für Tag an sein Bett und half ihn pflegen . Und der brüderliche herzliche Ton , den er anschlug , half schließlich dem Heimgekehrten über das Gefühl grenzenloser Demütigung hinweg . Wahrhaft neubelebend aber wirkte die Nachricht auf ihn , daß ihm das Vorwerk als Eigentum zufallen solle . Von diesem Tage an erhob sich seine gebeugte Gestalt in sichtlicher Wiederkehr geistiger Spannkraft und eines befestigten Willens . Das war der eine Teil der Mission , die Herr Markus von den Schultern seines geliebten Mädchens nunmehr auf die seinen genommen ; der andere , auf dem Vorwerk sich abspielende , machte ihm ungleich mehr zu schaffen – der Amtmann ließ sich seinen Glauben an die kalifornischen Reichtümer durchaus nicht nehmen . Er hatte für jeden ausgesprochenen Zweifel ein verächtliches Auflachen , und seine beißenden Erwiderungen ließen durchblicken , daß