ihr nach , — eine eigentümliche Wehmut ergriff mich . Ich konnte mir unter diesen wilden dun ­ keln Gebüschen , hinter dieser hohen Mauer kein fröh ­ liches Gesicht , konnte mir in der Brust dieses einsa ­ men finsteren Wesens kein glückliches Herz denken . Die Nacht brach herein , während ich noch vergebens nach ihr spähte . Ich eilte nun zu dem Lehrer unter dem Vorwand , Hilsborn abzuholen und erfuhr dort , daß die Unbekannte Ernestine Hartwich sei . Sie habe vor kurzer Zeit das , verzauberte Schloß ‘ , wie man es nannte , gemietet und da man in dem Dorfe nicht sehr aufgeklärt war , mochte man sich auch einer ge ­ wissen geheimnisvollen Scheu vor dem schönen Mäd ­ chen nicht erwehren — denn man meinte , es könne nicht gut um einen Menschen stehen , der sich so streng von allem Lebendigen abschließe und gar , das war das Schlimmste , nie in die Kirche gehe ! Ein Entschuldigungsgrund wurde freilich in dem schlechten Einfluß eines Stiefonkels und Vormunds gefunden , der sie seit dem frühen Tode beider Eltern erzogen habe und sie gänzlich beherrschen soll . Es ist dies jener berüchtigte Doktor Leuthold Gleißert , von dem Ihr wohl Alle gehört habt . “ „ Aha der ! “ murmelten die Herren verächtlich und der alte Heim fügte noch ein herzhaftes : „ der Schurke ! “ bei . „ Nun — “ , fuhr Johannes fort : „ Ich denke , Ihr Alle werdet mir glauben , daß ich nicht der Tor bin , der sich auf den ersten Blick in ein schönes Ge ­ sicht verliebt , aber bei dieser Erscheinung trifft das zusammen , was einen Menschen unwiderstehlich fes ­ seln kann : Schönheit , Geist und Tugend . “ „ Tugend ? “ wiederholte Herbert : „ Wissen Sie das so genau ? “ „ Ja , wäre die Hartwich nicht tugendhaft , so würde sie nicht in so strenger Abgeschlossenheit leben . Wer einmal dem Genusse gefrönt , der sucht ihn immer wieder , — in solcher Einsamkeit , in solcher Hingabe an eine große Idee findet nur eine reine Seele Befriedigung ! — Ich gehe sogar noch weiter , ich stütze mich als Physiolog auf das Prinzip der Erhaltung der Kraft und sage : ein Weib , das sich so außergewöhnliche geistige Aufgaben gestellt und sie gelöst hat , verbraucht hiezu seine ganze Kraft und stirbt für alle Sinnlichkeit ab . Deshalb finden wir bei Frauen , welche übertriebene Geistesanstrengungen machen , so häufig ein verkümmertes Gemüt , weil ihr Vorrat von Kraft meist nicht ausreicht für die doppelte Seelentätigkeit von Denken und Fühlen . Und deshalb fürchte ich nur , daß in dieser schönen Hülle schon jetzt kein warmes Herz mehr schlägt ! “ Die Professoren sahen sich einander bedeutungsvoll an und die Staatsrätin flüsterte bekümmert mit Angelika . „ Nun , “ sagte Herbert aufstehend : „ Ich dächte , wir überließen unsern verehrten Kollegen seinen Träumen und wünschten ihm , daß seine Schülerin in der Lehre von den Empfindungsnerven nicht ebenso bewandert sei , wie in der von den Hemmungsfasern ! “ Die Herren erhoben sich . Johannes heftete seinen Blick fest auf Herbert : „ Ein Träumer bin ich nicht , Kollege Herbert , wenn ich auch noch an eine Tugend glaube , ohne nach ih ­ rem polizeilichen Leumundszeugnisse zu fragen . Und ich wiederhole Ihnen , ich glaube so fest an diese Tugend , daß ich Jeden als einen Verleumder strafen würde , der sie auch nur mit einem Worte anzutasten wagte ! “ „ Mein Herr ! “ rief Herbert gereizt und sich in die Brust werfend : „ das ist eine Beleidigung ! “ „ Nur für den , der sich getroffen fühlt ! “ sagte Johannes ruhig . Angelika flog auf Johannes zu und schlang die Arme um ihn : „ Johannes , Johannes , denke nur , für wen ereiferst Du Dich so ? Du kennst sie ja nicht einmal ! “ „ Ja , ja , da hat sie Recht , “ bestätigten Mehrere . Johannes hob Ernestinens Schrift empor und sprach mit tiefem Ernst : „ Ich kenne sie ! “ Herbert nahm seinen Hut , verneigte sich stumm und wollte das Zimmer verlassen , da stürzte der Pe ­ dell herein und überreichte Johannes einen Brief : „ Herr Professor , Herr Professor , dieser Brief von Sr. Magnifizenz sei eilig und gehe alle die Her ­ ren an . “ — Johannes erbrach das Papier und Herbert blieb noch horchend auf der Schwelle stehen . Johannes blickte , nachdem er gelesen , heiter im Kreise umher : „ Meine Herren , wir sind in unerhörter Weise mysti ­ fiziert worden . Jene Preisschrift über den Raumsinn des Auges , 18 als deren Verfasser wir Alle Hilsborn vermuteten , ist — von der Hartwich ! “ Ein Ausruf des Erstaunens beantwortete diese Mitteilung . Die Herren drängten sich um Johan ­ nes und sahen in den Brief , selbst Herbert kam wie ­ der herbei , um sich von dem Unerhörten zu überzeu ­ gen . Es war so , es stand unwiderruflich fest : die Herren hatten den Preis , welchen die Universität für die beste Schrift über den Raumsinn des Auges festgesetzt , der Arbeit Ernestinens erteilt , derselben , die sie heute nicht in ihre Kollegien aufzunehmen beschlos ­ sen , weil sie ein Weib war . — Das war höchst un ­ angenehm , und die Professoren sahen sich betreten an . „ Was ist nun zu tun ? “ fragten Einige . „ Dieser Fall ändert freilich die Sache “ , meinte Berk . „ Möllner “ , rief Meibert , „ das ist eine fatale Geschichte — ich denke , wir sollten doch umstimmen . “ „ Einer Frau , die wir mit dem Preise krönten , können wir den Doktorhut nicht wohl vorenthalten “ ,