nicht weiter leben . Er nahm kaum noch teil an dem , was draußeu passierte in der Welt , öfter blieben die Zeitungen unberührt er ging nicht mehr , wie [ 187 ] anfangs , nach dem Gasthof ins Klubzimmer – er saß bei Heini . Unermüdlich schnitzelte er Spielzeug zurecht für ihn , erzählte ihm Geschichten , und neulich hatte er die Idee gefaßt , er wollte den kleinen Kranken malen , inmitten der blühenden Büsche und junggrünen Blätter des Lenzes . So lebte er dahin . Er wußte , daß seine Frau viel ausfuhr , er bekümmerte sich nicht darum . Er wußte , daß der Herzog im letzten Herbst gesagt hatte . „ Der Kerkow ist total versimpelt , die Frau thut mir leid , die hat sich herausgemacht , ist ganz nett geworden . – Ja , der Herzog hatte recht , er war versimpelt , und Toni war aufgeblüht , er sah es ja auch , aber es machte keinen Eindruck auf ihn . „ Er ist verrückt , “ pflegte Frau Toni zur Tante Gruber zu sagen , „ er ist ein Pedant ! Mir könnt ’ s wahrhaftig auch lieber sein , ich wäre damals nicht ausgefahren , aber nun ’ s geschehen ist , kann ich ’ s doch nicht ändern , und wollte ich mir die Haare einzeln ausreißen ! Und so dachte sie auch jetzt wieder , als sie in Begleitung einer der Arnsteinschen Komtessen in der spitzbogigen Pforte des Schloßhofes erschien , die auf die Terrasse führte . Die Komtesse hatte Besorgungen gemacht in der Stadt und war zu ihrer lieben Frau von Kerkow auf einen flüchtigen Besuch gekommen ; sie brachte einen kleinen chinesischen Drachen an langem Faden mit für Heini . Toni , in einem Kleide aus zartblauem Leinen mit seidenen Aermeln derselben Farbe und breitem Spitzenkragen , war allerdings nicht zum Wiedererkennen gegen früher , wären nur die blassen kalten Augen nicht gewesen . Als sie Heinz erblickte , wurden sie noch kälter und härter . Die Komtesse war ein liebenswürdiges Geschöpf , sie hatte ein Verständnis für das , was dieser Mann litt , der ihr einige Schritte entgegentrat . Sie nahm nach ein paar freundlichen Worten einen Stuhl ihm gegenüber und begann irgend eine Plauderei . Sie war mit Papa in Berlin gewesen , hatte eine Parade gesehen , und von dort war man nach Dresden gekommen , wo sie in Musik geschwelgt habe . „ Und denken Sie sich , Herr von Kerkow , denke dir , liebe Toni – ihr erinnert euch gewiß noch der kleinen Aenne May , der Tochter von unserem alten Medizinalrat ? Na , ja , die habe ich singen hören – großartig ! Herrgott , die Dresdner waren ganz Mayverrückt ! Natürlich interessierte es mich , das Nähere zu erfahren ; ich las am andern Morgen im Hotel das Adreßbuch nach , machte mich auf die Sohlen und besuchte sie . – Ich stieg vier Treppen hoch in ein niedliches Mansardenquartier , ein ganz junges Dienstmädchen öffnete , doch leider war Fräulein May nicht zu Hause . Eine alte weißhaarige Frau aber erschien und lud mich ein , näherzutreten , und wie sie hörte , ich sei eine Landsmännin ihrer Nichte , flossen ihr Lippen und Augen über . So ein Glück – der Theaterintendant hatte sie vom Fleck weg für die Hofbühne haben wollen , aber sie will nur Konzertsängerin sein – denkt euch – solche Anerbietungen nach ihrem ersten öffentlichen Auftreten ! Unmassen von Verpflichtungen ist die Aenne eingegangen , bis nach Petersburg hinauf , und doch hat sie zwei große Konzerte abgesagt , weil sie drüben in Brendenburg singen will zum Sängerfest . „ Ich glaube , “ schaltete die Komtesse ein „ es ist Ende des Monats . “ Die Eltern sollten sie doch auch ’ mal hören , meinte die Tante , und die Lehrer vergötterten die Aenne ; so eine herrliche volle Stimme , ein solch eiserner Fleiß , solch wahrhaftes Streben aber auch ! Na , kurz , ich sage Ihnen , meine Herrschaften , ich schied ganz gerührt aus dem kleinen trauten Mansardenstübchen und dachte so bei mir , da hast du doch ’ mal das Glück leibhaftig gesehen , ein Glück wie im Märchen – sie wachte auf und war berühmt ! “ Heinz sah starr in die Ferne hinaus , die im leuchtenden Schimmer der untergehenden Sonne lag . „ Wie im Märchen ! “ sagte er zu sich . „ Glück zu , kleine Aenne ! Der eine so – die andere so ! “ „ Ich war vorhin in der Buchhandlung , um mir das Lied abzuholen , das ich neulich schon bestellte , “ fuhr die Komtesse fort . „ Aenne May sang es im großen Konzert des Dresdner Gewerbehauses , aber der Mann kannte es nicht , hatte auch nichts erfahren können , im Druck sei es nicht erschienen ; Kennen Sie es vielleicht zufällig , Herr von Kerkow ? Ein paar Strophen sind mir noch gegenwärtig : , 0 du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain . ’ Er lächelte trübe . „ Ich kenne es , “ sagte er leise . „ Auch das Gedicht war mir fremd . Von wem mag es sein ? “ forschte nun die Komtesse . „ Ich weiß es nicht , “ antwortete er . Er hätte um die Welt nicht eingestanden , daß er der Dichter war . Doch vor seinen Augen stand wieder das Bild eines in Glut getauchten Sommerabends , er hingelagert ins Heidekraut auf der Lichtung und sie daneben , in das Rot und Violett der Ferne schauend , die Arme um die Knie geschlungen , die reinste Andacht in dem jungen , schönen Antlitz . – „ Da ! “ hatte er plötzlich gesagt und ihr ein rasch beschriebenes Blatt hingereicht , das er aus dem Notizbuch gerissen . Und sie hatte