– jetzt – das war die Thür der Wohnstube ; jetzt stand sie vor Vater und Mutter . „ Ob man das Sprechen hier oben hören kann ? Was werden sie sagen ? “ Athemlos stand sie so über das Geländer gebeugt ; kein Laut drang zu ihr hinauf – nur ein paar Mal hörte sie Dörtens Stimme leise vor sich hin singen und Klappern von Tellern und Geschirr aus der Küche – dann war ’ s ruhig wie zuvor . „ Aber jetzt – das war der Vater ; ob er böse ist ? Er sprach so laut , und nun die Muhme . “ Lieschens Herz fing an gewaltig zu klopfen ; sie preßte beide Hände darauf . „ Wie , wenn der Vater nicht einverstanden wär ’ ? Aber das ist ja unmöglich , rein unmöglich ; der Army ist ’ s ja , der sie liebt . “ Das war ein Durcheinandersprechen dort unten – jetzt der Muhme Stimme ; das klang so besänftigend , und jetzt wieder der Vater – deutlich schallte es heraus ; wie betäubend drang es in ihr Ohr : „ Nein , nein und tausendmal nein , sage ich , und wenn Ihr allesammt vor mir aus den Knieen liegt , ich weiß allein , was ich zu thun habe . “ Einen Augenblick sahen die großen blauen Augen wie verständnißlos in ’ s Leere hinaus ; dann flog sie die Treppe hinunter , und im nächsten Momente stand sie mitten in der Wohnstube ; über ihr Gesicht flog bald eine glühende Röthe , bald überzog es tiefe Blässe . „ Vater ! “ bat sie . Er blieb stehen und sah sie an ; auf seiner breiten weißen Stirn ringelte sich blau eine kleine Ader ; sie kannte es wohl , das Zeichen der höchsten Erregung bei ihm , und seine Angen leuchteten förmlich Blitze zu ihr hinüber . Die Muhme aber hatte ein so tief bekümmertes Gesicht , als sie jetzt zu dem jungen Mädchen trat : „ Komm , Liesel , geh ’ hinauf ! “ „ Nein , Muhme , laß mich ! Ich will wissen , was der Vater sagt . “ „ Was der Vater sagt ? “ tönte jetzt seine Stimme in ihr Ohr ; „ der sagt , daß Du ein törichtes , dummes Ding bist , dem zu viel Willen und zu viel Freiheit gelassen wurde , aber das Versäumte wird jetzt nachgeholt werden – verlaß Dich darauf ! “ „ Das heißt , ich soll nicht Army ’ s Braut werden Vater ? “ Sie stand plötzlich dicht vor ihm und sah ihn fest an . „ Nein , mein Kind , zu Deinem Besten nicht . Ich dulde nicht , daß meine Tochter das Opfer einer Speculation werde . “ „ Speculation ? “ fragte Lieschen , die blaß geworden war wie der Tod , „ ich weiß nicht , was Du damit meinst , Vater ! Du glaubst vielleicht , Army hat mich nicht lieb ; das ist ja möglich , aber wenn er mich auch wirklich nicht so lieb hat , wie ich ihn , das darf für mich nicht in Betracht kommen ; ich weiß , daß das Leben erst wieder Werth für ihn bekommen wird , wenn er – “ „ Seine Schulden bezahlt hat , mein Kind . “ „ Muhme ! “ wandte sich Lieschen jetzt in höchster Erregung zu der alten Frau , „ Muhme , glaubst Du das von dem Army ? O , sprich ein Wort ! “ Sie sagte es so überzeugend ; der alten Frau schossen die hellen Thränen in die Augen . „ Komm , komm , mein Liesel ! “ flüsterte sie ; „ der Vater ist böse und aufgeregt ; morgen wird er ruhiger sein . “ „ Nein , nein , Muhme , Du mußt es dem Vater sagen , was Du denkst ; er giebt so viel auf Deine Meinung . “ Die alte Frau stand in peinvollster Verlegenheit ; die Thränen [ 824 ] rannen ihr über die gefurchten Wangen , und ihre Hände fuhren hastig an dem Schürzensaum hinunter . „ Du glaubst auch , Muhme – ? “ Es klang wie ein Aufschrei , aber noch kam keine Thräne in Lieschen ’ s Augen . „ Vater , ich weiß , daß es nicht so ist ; es ist nicht möglich , nein , es ist nicht möglich – ! “ „ Ich begreife Deinen Schmerz , Lieschen , “ sagte er ruhiger , „ aber wie konntest Du so thöricht sein und an eine plötzlich erwachte Neigung glauben ? Du bist sonst ein so vernünftiges kluges Mädchen ; sieh , er kennt Dich schon lange und zog doch eine Fremde Dir vor ; er hat niemals daran gedacht , Dich zu lieben , Dich heirathen zu wollen ; es waren Kinderspiele , die Euch einst zu einander führten , weiter nichts , und jetzt , jetzt , wo er nicht aus noch ein weiß , erinnert er sich des kleinen Mädchens , das ja Vermögen besitzt , und verlangt ihre Hand , um sich zu retten , und sie ist so thöricht , dies für Liebe zu halten . Muß ich erst an Deinen Mädchenstolz appelliren , Lieschen ? “ Sie antwortete nicht ; nur ihre Augen sahen mit beinahe irrem Ausdrucke zu dem Vater hinüber . „ Die Mutter Nelly ’ s ist auch so ein Opfer geworden , mein Kind ! Ist sie Dir jemals beneidenswert erschienen ? Muß sie sich nicht stets grenzenlos gedemüthigt vorgekommen sein , ihrem Gatten gegenüber , der sie nur als lustige Zugabe zu ihrem Vermögen betrachtete ? Weil er die Frau nicht liebte , führte er ein wildes tolles Leben und als ihre Mitgift verschwendet war , da erschoß er sich – ist das nicht namenloses Elend ? Lieschen , Kind , und würdest Du verlangen , daß ich Dich in einen