stehen , wie im vorigen Jahre , sah Kathrins erstauntes Gesicht . Da hörte ich die Kirchenglocken läuten . Ich stand auf und nahm Tuch und Hut . » Adieu , Kathrin « , sagte ich . » Bet für mich mit « , murmelte die Alte und blickte von ihrer Bibel auf . Dahin schritt ich allein den Weg , den er mit mir zusammen ging . Ich sah wieder hinüber zu dem Grabe meiner Mutter und kniete nieder davor , aber allein , und heiße , heiße Tränen rollten auf den Hügel . Aus der Kirche klang es wie damals : Vom Himmel hoch da komm ' ich her . Ich bring ' euch heute frohe Mär , Dann saß ich in dem alten Predigerstuhl und konnte endlich beten , ordentlich beten , kindlich und gläubig wie früher , für sein Glück , für sein Wohlergehen , und die Stimme des jungen Pfarrers tönte mild in mein Gebet : » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen . Amen . « Aus unseren Fenstern strahlten mir die Kerzen des kleinen Weihnachtsbaumes entgegen , mein Vater und Kathrin warteten auf mich mit ihren kleinen Überraschungen und mit den Herzen voll Liebe . Mein Vater erzählte von dem Weihnachtsabend , den er im vorigen Jahre allein im Süden gefeiert , wie er sich gesehnt nach deutschem Tannenbaum und deutschem Weihnachtsgesang , und wie traurig er gewesen sei an jenem Abend , so fern von der Heimat und von seinem Kinde . » Nun bleiben wir immer zusammen « , sagte ich leise und schmiegte mich an ihn , » immer , bis wir sterben . « Nachher schlich ich mich in meines Vaters Stube und starrte hinüber nach dem Schlosse und seinen erleuchteten Fenstern . » Daß Gott dich behüte ! « flüsterte ich . » Daß dir niemals ein Augenblick der Reue komme ! Die Schmerzen für mich , das Glück für dich . Hab ' Dank , daß du dich einmal freundlich zu mir herabgebeugt , du hast mich die Liebe kennengelehrt – hab ' Dank , ich werde dich nie vergessen ! « Und die Zeit rauschte weiter , man merkte kaum ihren gewaltigen Flügelschlag , in dem kleinen Dorfe , in unserem stillen Hause . Einsam flossen die Tage dahin , und doch verging der Winter . Der Frühling kam und Hanna war wie das Glück selbst mit strahlendem Lächeln , ihr Töchterchen auf dem Arm , in meine stille Stube getreten . Das kleine , süße Ding , mit den blauen Augen seiner Mutter , hatte mich freundlich angelächelt , und wir hatten glückliche Stunden miteinander vertändelt . Ich war nur noch selten im Schloß gewesen , seitdem die schöne Frau Eberhardts Braut geworden , und nur , wenn ich überzeugt war , ihn nicht dort zu treffen . Er befand sich nach Beendigung seines Kommandos nach Potsdam wieder in G. und wollte seine junge Frau nach dort holen . Hanna sprach wenig darüber zu mir , nur daß sie zur Hochzeit kommen werde , erwähnte sie . Durch Frau Renner , die gern und wichtig über das bevorstehende Ereignis redete , erfuhr ich wider Willen , daß die Trauung in der Kirche sein sollte , und zwar abends um sieben Uhr ; daß das kleine Gotteshaus mit Orangenbäumen und Blumen geschmückt und mit zahllosen Kerzen erleuchtet werden sollte . » Und im Schlosse soll es auch gar prächtig sein « , erzählte sie weiter . » Die Gäste kommen von nah und fern , da kriegt man mal was zu sehen . Sie gehen doch auch brautschauen , Fräulein Gretel , oder sind Sie mit bei der Hochzeit ? « Nein , man hatte mich nicht geladen . Ruths Freundin war ich ja nie , und Hanna und Bergen hatten wohl auch davon abgeredet , der Baron wäre der einzige gewesen , der vielleicht daran gedacht hätte . Er schien aber nicht mehr so freundlich gegen mich zu sein wie sonst , und hatte gar einmal etwas von » dummem Benehmen « und » Undankbarkeit « fallen lassen , weil ich so selten aufs Schloß kam – . Ach , undankbar war ich gewiß nicht ! Der Hochzeitstag , sein Hochzeitstag brach an . Golden schien die Sonne auf die frühlingsgrüne Erde , und die Apfelbäume saßen so voll von rosigen Blüten wie noch nie . Das ganze Dorf war in Aufregung . Die Frauen standen vor den Haustüren und plauderten von der schönen Braut , die Kinder bewunderten die Ehrenpforte , die man an dem Eingang des kleinen Kirchhofs gebaut hatte . Ich hörte das ferne Rollen der Wagen , welche die Gäste brachten . Hanna kam einen Augenblick zu mir , sie hatte eine Träne im Auge , als sie mich umfaßte und küßte . Sie litt mit mir , ich wußte es . Ruhig besorgte ich meine kleinen Pflichten , Kathrin streichelte mir dann und wann leise die Hand . Als es dunkel wurde , tönte die Glocke des Kirchleins und sagte mir , daß er jetzt bald an den Altar treten würde . Ein heißes Verlangen , ihn noch einmal zu sehen , stieg in mir auf . Ich nahm mein Tuch um , und scheu hinter den vielen Menschen fortschleichend , die vor dem Haupteingang standen , schlüpfte ich durch eine Nebenpforte in die Kirche . Blendend hell war es hier , und ich drückte mich angstvoll in den finstersten Winkel , hinter die alten hölzernen Säulen , die den Chor und die Orgel tragen und mit grünen , duftenden Blättern umwunden waren . Eine glänzende Gesellschaft reihte sich um den kleinen Altar , die Fülle der Blumen duftete beinahe betäubend durch die Kirche , deren kahle , nackte Wände man verschwenderisch mit Grün geschmückt hatte . Hannas süßes Gesicht strahlte aus der bunten Menge wie ein freundlicher Stern zu mir herüber . Frau v. Bendeleben sah in der Kirche umher