, er hatte ein Heim , er hatte einen Menschen , der für ihn sorgte , sein Essen bereitete , seine Wäsche wusch , sein Leben treulich regelte , und er hätte dafür dankbar sein müssen . Er war es auch , er war dankbar , aber er konnte es nicht zeigen ; er war es , wenn er allein war , doch in Gertruds Nähe verwandelte sich der Dank in Trotz . War er fern von ihr , so freute er sich auf die Rückkehr und malte sich ihre Freude aus . War er bei ihr , so übte er stille Kritik und wollte alles an ihr anders haben . Die Kanzleirätin im ersten Stock beklagte sich , daß Gertrud sie nicht gegrüßt habe . » Sei doch freundlich mit den Nachbarn , « schalt er . Am nächsten Sonntag gingen sie zusammen aus , die Kanzleirätin kam ihnen entgegen , und Gertrud grüßte sie . » So ergeben brauchst du nicht zu lächeln , « murrte er . Da dachte sie lange darüber nach , wie man grüßen müsse , ohne die Leute zu verletzen und ohne Daniel zu ärgern . Sie wurde befangen und fürchtete sein Urteil . An solchen Tagen versalzte sie die Suppe , nichts ging ihr von der Hand und aus lauter Beflissenheit , pünktlich zu sein , verfehlte sie die Zeit . Wie grausam war es dann , wenn er schwieg , wenn er wortlos in seine Stube ging . Ohne Regung saß sie da und lauschte ; zitterte , wenn er sich erhob , um ans Klavier zu treten und ein Motiv zu erproben , sah gespannt in sein Gesicht , wenn er wieder hereinkam . Und es geschah dann wohl , daß er sich zu ihr setzte und plötzlich gütig war . Von seinem Leben erzählte , von seiner Heimat , von seinem Vater und seiner Mutter . Da hätte sie jedes seiner Worte zweimal hören mögen und jeden seiner Blicke trinken . Da wurde sein Auge ruhig und seine reizbaren Hände lagen still auf den Knien . Da nahm sein zuckendes , eckiges , von Wettern überstürmtes Gesicht einen Ausdruck der Trauer an , der es verschönte . Und wenn sie Kopfschmerzen hatte oder müde war , äußerte sich seine Besorgnis in rührender Weise . Auf den Fußspitzen ging er dann umher und schloß die Türen mit Behutsamkeit . Bellte ein Hund auf der Straße , so stürzte er ans Fenster und schaute wütend hinaus . Und am Abend half er ihr beim Auskleiden und brachte ihr , was sie verlangte , ans Bett . Auch war es seltsam , daß er sie nicht gern allein ausgehen ließ . Seine Unruhe , wenn sie fort und er zu Hause war , hatte etwas Kindliches . Sie schien ihm ohne seine Gegenwart von Gefahren umdroht und am liebsten hätte er sie eingesperrt und gefangen gehalten , um sicher zu sein , daß sie in Sicherheit war . Dies machte sie schwächer und von ihm über alle Maßen abhängig , während er einem Menschen glich , der mit Angst und Qual das an sich preßt , was er errungen hat ; es an sich preßt , weil es sein einziger Besitz ist , dieses wohl ; aber auch darum es umklammert , um nicht hindenken zu müssen an ein anderes , Kostbareres , das er verloren hat . Einmal kam er zu Gertrud , als sie die Harfe spielte , schlang die Arme um sie , schaute ihr wild und finster ins Gesicht und stammelte : » Du , ich liebe dich , liebe dich . « Es war das erstemal , daß er dieses ewige Wort sagte , und sie wurde bleich , erst vor Glück , dann vor Schrecken . Denn in seinem Ton lag eher Haß als Liebe . 8 Er meinte , der Umgang mit wahlverwandten Männern könne ihn über manche schlimme Stunde bringen . Aber als er nach solchen Männern zu suchen begann , wurde die Stadt zur Einöde . Der Provisor Seelenfromm kam einige Male ins Haus . Daniel war unduldsam und auffahrend gegen den scheuen Menschen , der einen hohen Respekt vor ihm an den Tag legte und Gertrud stumm verehrte . Ein junger Architekt , der bei der Renovierung der Sebalderkirche beschäftigt war und die Musik liebte , hatte Daniels Gefallen erweckt , aber der Mann hatte die leidige Gewohnheit , beim Reden hie und da mit der Zunge zu schnalzen , das machte Daniel rasend , sie hatten einen Wortwechsel darüber und trennten sich im Zorn . Dauernder war die Beziehung zu einem Franzosen namens Rivière , der für einige Jahre in der Stadt Aufenthalt genommen hatte , weil er ein Buch über Caspar Hauser schreiben wollte . Er hatte ihn bei Frau von Auffenberg kennen gelernt und sich ihm angeschlossen , weil er ihn an Friedrich Benda erinnerte . Monsieur Rivière liebte es , wenn Daniel am Klavier phantasierte ; er verstand so wenig Deutsch , daß er Daniels Bissigkeiten höflich belächelte und bei seinen Wutausbrüchen ängstlich auf seinen Mund starrte . Er hatte eine Warze auf der Wange und trug Sommer und Winter hindurch einen Strohhut . Er kochte sich seine Mahlzeiten selbst , denn es war seine fixe Idee , daß man ihn wegen seiner Forschungen über das Leben Caspar Hausers vergiften wolle . Wenn der Provisor und Monsieur Rivière an Sonntagabenden in der Stube saßen , griff Daniel bisweilen nach einem Band E.T.A. Hoffmann oder Brentano , nur um im Bogen einer fremden Welt Ruhe zu gewinnen , um nicht weinen zu müssen beim Anblick der unbewegten Menschengesichter und las vor , bis seine Stimme heiser wurde . Da heftete Gertrud tiefe Blicke auf ihn und stellte sich die Frage , wie ein Mann , dessen Leben die Musik war , das Paradies des Herzens und des Geistes , so dumpf , so zerstört , so umwölkt sein könne . Sie begriff die Pein , in der er schuf