wie so oft - schämte sich - bat den fernen schwarzen Augen alles ab ... Und fünf Minuten vor fünf depeschierte er doch an Professor Rädels , daß er sogleich nach Hamburg weiterreisen müsse und am Abend nicht mit ihm zusammen sein könne ... Während er die Depesche schrieb , quoll ihm die Güte , die weiche Sehnsucht nach der Frau als Rührung im Herzen hoch . Nein , sie sollte nicht früh in den rauhen Morgen hinaus . - Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit aus der Nacht empor . Das wollte er ihr ersparen - er wollte sie überraschen . - - Und seltsam - als er sich jäh vorstellte : sie nimmt die Ueberraschung vielleicht unfreundlich auf - da siedete so etwas wie Haß über das weiche Gefühl hin - und ließ ihn erbeben . - - Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld . Sie sank aber in feigste Unschlüssigkeit zusammen im Augenblick , wo er den Fuß auf den Asphalt des Hamburger Bahnsteigs setzte . Wo war sie ? Einsam und friedlich zu Haus ? Mit den neuen Bekannten im Theater ? Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie für den Abend eingeladen ? Vielleicht war Frau von Hellbingsdorf so gütig gewesen . Oder lud sie sich irgendeine Gesellschaft ein ? Marieluis ? Oder - oder Allert ? ... Der Mann fühlte : sein Mut versank ihm , wie Boden unter den Füßen beim Erdbeben ... Plötzlich dachte er , daß er zunächst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle . Allert selbst war darin so aufmerksam : kam er heim von einer Geschäftstour , müde , abgespannt , so trat er doch noch oft spät bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem Erfolg . Es erschien mit einemmal als die nächste Pflicht : zuerst zu Hellbingsdorf . Der war ja nun , seit seine Mutter hier wohnte , jeden Abend bei ihr . Außerdem : Frau von Hellbingsdorf war so gütig , nahm sich Julias an , obgleich sie sie nicht mochte - ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit einem Male . - Ja , wahrscheinlich - Julia war dort . - - Also dahin - gleich - zuerst . - - Und er schleppte , völlig wie verbohrt in seine Gedanken , seinen Handkoffer selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach » An der Alster « - wenige Minuten ... Dann treppan - treppan . - Und der schrille , zitternde Klang der elektrischen Glocke fuhr über seine Haut als Frösteln . Therese öffnete . » Ih , Jotte doch , der Herr Doktor Dorne - nee , das wird die Herrschaft aber bedauern ... Was meine j ' nä Frau is , die is mit Fräulein Rositz in de Oper ... Herr von Hellbingsdorf ? Ih nee , wenn die j ' nä Frau nich zu Haus sind , kommt er nich hier Abend essen ... « » Darf ich einen Augenblick eintreten , « bat er . » Aber jewiß doch - darf ich ' n Ilas Wein bringen ? Oder ' n Happen Butterbrot - Herr Doktor seh ' n flau aus ... « » Danke , danke ... , « wehrte er ab . Therese fand es ja ein bißchen wunderlich , daß er in das große Wohnzimmer vorn eintrat und ihr abwinkte , als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was wollte sie machen ? Wo es doch eben Herr Doktor Dorne war ... Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster . Es war matt durchhellt vom Licht , das die Räume einer Weltstadt immer füllt , das in Straßen und auf Plätzen die Nacht vertreibt und noch bis zu den höchsten Stockwerken hinauf seinen Schein sendet . Er sah hinaus und hinüber ... Die Nacht war klar . Schwarzblank flutete da unten das Wasser , und das Verkehrsleben zog drüber hin . Erleuchtete kleine Dampfer krochen , gleich Riesenglühwürmern , hin und her - begegneten sich , zogen in geraden und geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander - ruhten an Brücken zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit Sternen besäet über ihm . Kein Lüftchen regte sich . Drüben , hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers , sah er die Häuser . In ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie längliche viereckige , unregelmäßig aufgeklebte Stückchen Glanzpapier auf dunklem Grund . Und er sah so deutlich zwei , die rotgelb schimmerten . - Vielleicht sah er sie nicht wirklich - oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafür . - - Ja , so deutlich sah er sie - daß er dahinter , durch die Seide und den Tüll der Vorhänge , eine Frau auf umdämmerten Kissen sich dehnen sah - und sie war nicht allein ... Therese kam aus ihrer Küche heraus . Sehr eilends und erschreckt . Da war doch eine Tür hart ins Schloß geworfen worden ? Und sie ging nach vorn . Nein - das ! Weg war der Doktor , und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ... Der Mann lief treppab - er rannte an der Uferstraße hin und rannte Menschen an - er kam an die Lombardsbrücke - seine Füße wurden schwer - immer langsamer ging er . - Und ob er gleich endlich nur noch schlich - einmal kam er doch an ... Er ging auf und ab vor dem Hause - lange . Dann schritt er über den Straßendamm und betrat die Anlagen am Ufer , die die Straße jenseits einfaßten . Von da konnte er an der Front des Hauses emporsehen . Und nun sah er sie wirklich , diese beiden sanften , von rotgelbem Licht so warm und lockend erfüllten Fenster , und sah die dicht zusammengezogenen Vorhänge , durch die all dieser wohltuende Schimmer kam ... Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelöster Panzer - er war plötzlich kalt , entschlossen , sicher . - Dies