und frug ihn : » Da Du den Mann empfohlen hast , kannst Du ihn doch nicht für einen Boxer gehalten haben ? « » Sicherlich nicht ! « antwortete Tschun . » Nun , und was ist jetzt Deine Ansicht ? Glaubst Du , daß es einer ist oder nicht ? Ihr wißt doch am besten über einander Bescheid . « Tschun aber war inzwischen selbst schwankend geworden . Die Anklage , die er anfänglich für einen bloßen Racheakt gehalten , sah jetzt doch anders aus . So sagte er nur : » Ich weiß nicht . « » Aber Du mußt doch eine Ansicht haben , « fuhr der gelehrte Herr fort , » willst Du sie mir nicht sagen ? « » Ich kann darüber nicht sprechen , « antwortete Tschun . » Warum denn nicht ? « drang der Herr in ihn . Da antwortete Tschun ganz leise : » Weil ich nicht gegen meine Landsleute aussage . « Der fremde Herr schaute ihn einen Augenblick ganz verwundert an , dann zuckte er die Achseln und sagte : » Euch kennt man doch nie aus ! « Der Händler wurde erschossen . In einem der Höfe des Yamens stand er vor einer Mauer . Er war ganz gefaßt . Der Korporal kommandierte ; dann krachten die Schüsse aus den Gewehren der Soldaten . Ganz wie Tschun es bei der Verteidigung des Petang so oft erlebt . Einige der Kugeln flogen daneben und schlugen in das Gemäuer . Aber die anderen hatten gut getroffen . Der Händler stürzte nieder und rührte sich nicht mehr . Zusammengesunken , als sei der Körper in den weiten Kleidern verschwunden , so lag er da . Auch wieder ganz so , wie Tschun es während der Belagerungswochen bei so vielen chinesischen Leichen gesehen . Aber das eben noch lebensvolle und jetzt so stille Gesicht wies ein merkwürdig verklärtes Lächeln auf . Tschun mußte plötzlich an den jungen fremden Offizier denken , der kurz vor dem Entsatz des Petang noch gefallen war und dort zu Füßen der steinernen Madonna begraben ruhte . Ganz so verklärt lächelnd hatte der ausgesehen , und der alte Bischof hatte gesagt , das komme davon , daß er so gläubig gewesen sei und gewußt habe , daß er für eine gute Sache sterbe . Sollte wie jener , so auch dieser angebliche Boxer für etwas gestorben sein , das des Sterbens wert gewesen ? Später kamen seine Verwandten . Sie baten um Auslieferung der Leiche . Sie hatten sehr Angst , daß sie ihnen von den Fremden am Ende gar vorenthalten würde . Drum sprachen sie sehr leise und unterwürfig , wie Leute , die , um die Erfüllung eines Herzenswunsches zu erlangen , bereit sind , etwas mehr oder minder Erniedrigung mit in den Kauf zu nehmen . Aber so demütig sie auch taten , Tschun sah doch den unzähmbaren Haß in ihren rasch wieder gesenkten Augen lodern . Ihre Bitte ward von dem Herrn gewährt . Tschun half ihnen , die Leiche aufnehmen . » Eine Sünde , eine Schande ist ' s , « hörte er sie dabei murmeln . » So ein stiller , guter Mensch ! « » Und mit den I ho Chüan hat er nie etwas zu tun gehabt . « Dann schritten sie mit ihrer Bürde durch den Hof . Aber wie sie schon beinahe am Tor waren , wandten sie unwillkürlich die Köpfe zurück nach den Quartieren der Fremden - und ganz leise hörte Tschun den einen flüstern : » Wir werden ihn rächen - an jenen dort . « Es war nur ein Hauch , ein Bewegen der Lippen gewesen und hatte doch einen Klang von Verhängnis . Tschun ward es ganz kalt bei den Worten . Er fühlte , daß sie kein unüberlegter Schmerzensausbruch , keine leere Drohung waren , sondern daß ihnen eine bestimmte Absicht zugrunde liegen mußte . Er wünschte , er hätte die Worte nicht gehört . Aber da er sie gehört hatte , konnte er sie aus seinem Bewußtsein nicht mehr wegwischen . Sie belasteten ihn mit einer Verpflichtung . Er empfand , daß irgendein grausiger Anschlag gegen seinen neuen Herrn und dessen Leute geplant wurde . Und so wenig er sie liebte , erkannte er doch die Forderung , sie zu schützen , wo vielleicht er allein es vermochte , da ja nur er eine Gefahr für sie ahnte . Aber welche Gefahr ? - Ja , das vor allem galt es zu wissen . Er mußte ergründen , was jene dort eigentlich im Schilde führten . Ohne weiteres Besinnen schlich er sich fort und folgte dem Trauerzuge nach . Daß er gleich kam , um vor dem aufgebahrten Toten seine Verbeugung zu machen , konnte von den Hinterbliebenen ja nur gut aufgenommen werden , und vielleicht gelang es ihm , irgendetwas zu erfahren , so daß er weiteres Unheil verhüten konnte . Freilich hätte es sich geziemt , zu solchem Besuch feierliche Kleidung anzulegen und vor allem das weiße Tuch Mao tao bei sich zu tragen , womit die rote Quaste des Hutes beim Betreten eines Trauerhauses bedeckt wird - aber es waren ja so ungewöhnliche Umstände - da durften vielleicht doch einmal die Regeln der Zeremonie umgangen werden ! Im Trauerhause waren die nötigsten Vorbereitungen für den Empfang des Toten getroffen worden , so gut es in diesen Zeiten kriegerischer Verwirrungen eben ging . Zettel , die den Todesfall meldeten , klebten schon auf den Pfosten des äußeren Eingangstores , und darüber hing das Stück Hanfgewebe , das bekundet , daß Kinder um Vater oder Mutter trauern . Im Hofe war , quer vor das Tor , ein weißer Wandschirm aufgestellt , der die Zeichen Pou-wen trug . Dem Toten flocht man eine weiße Schnur in den Zopf , und dann wurden ihm die Sterbekleider angelegt , die keine Metallknöpfe haben dürfen , da sie im Jenseits zu schwer sein würden ; auch Stiefel mit weichen Sohlen bekam er