war , und es verstand , allein zu sein . Er liebte ihn beinahe , als die Tür in später Abendstunde sich hinter ihm geschlossen hatte , und der Gedanke , daß Annas erste Schwärmerei ihm gegolten , tat ihm wohl . Noch ein paar Tage vergingen rascher als man gedacht , mit Einkäufen , Besorgungen , Vorbereitungen aller Art. Und eines Abends fuhren Georg und Anna nacheinander , in zwei Wagen , am Bahnhof vor und begrüßten sich gegenseitig in der Vorhalle zum Spaß mit großer Höflichkeit , wie entfernte Bekannte , die sich zufällig begegneten . » O mein Fräulein , was für ein glücklicher Zufall , reisen Sie vielleicht auch nach München ? « » Jawohl , Herr Baron . « » Ei , wie trifft sich das gut . Und haben Sie etwa Schlafwagen , mein Fräulein ? « » Jawohl , Herr Baron , Bett Nummer fünf . « » Nein , wie sonderbar , ich habe Nummer sechs . « Dann gingen sie auf dem Perron hin und her . Georg war sehr gut aufgelegt , und es freute ihn , daß Anna in ihrem englischen Kleid mit dem schmalkrempigen Reisehut und dem blauen Schleier aussah wie eine interessante Fremde . Sie schritten den ganzen Zug ab , bis zur Lokomotive , die außerhalb der Halle stand und in aufgeregten Stößen hellgrauen Dampf zum dunkeln Himmel sandte . Draußen auf der Strecke , im matten Schein , erglühten grüne und rote Laternen . Angstvolle Pfiffe kamen von irgendwoher aus der Weite , und langsam aus dem Dunkel hervor ringelte ein Zug sich in den Bahnhof . Ein rotes Licht schwankte zauberhaft auf der Erde hin und her , schien meilenweit zu sein , und wie es stille hielt , war es mit einem Mal ganz nah . Und draußen , schimmernd und im Unsichtbaren sich verlierend , zogen die Gleise ihren Weg , nach Nähen und Fernen , in die Nacht , in den Morgen , in den nächsten Tag , ins Unerforschliche . Anna stieg ins Kupee . Georg blieb noch eine Weile draußen stehen und amüsierte sich über die Reisenden , die eilig Aufgeregten , die vornehm Ruhigen und die , die die Ruhigen spielten , und über die verschiedenen Abarten der Begleiter : die Wehmütigen , die Heitern , die Gleichgültigen . Anna beugte sich aus dem Fenster . Georg plauderte mit ihr , tat so , als dächte er gar nicht daran abzureisen , stieg im letzten Moment ein . Der Zug fuhr ab . Auf dem Bahnsteig standen Leute unbegreifliche Leute , die in Wien zurückblieben , und denen wieder all die andern unbegreiflich schienen , die nun ernstlich davonfuhren . Ein paar Taschentücher wehten , der Stationschef stand wichtig da und sandte dem Zug einen strengen Blick nach , ein Träger , in blau weiß gestreifter Leinenbluse hielt eine gelbe Tasche hoch und blickte gierig in jedes Fenster . Merkwürdig , dachte Georg beiläufig , es gibt Leute , die davonfahren und ihre gelben Taschen in Wien zurücklassen . Alles verschwand , Tücher , Tasche , Stationschef , Bahnhofsgebäude , das hell erleuchtete Signalhaus , die Gloriette , die flimmernden Lichter der Stadt , die kleinen , kahlen Gärten am Damm ; und der Zug sauste weiter durch die Nacht . Georg wandte sich vom Fenster ab . Anna saß in der Ecke , hatte Hut und Schleier neben sich liegen ; kleine , sanfte Tränen rannen ihr über die Wangen . » Aber « , sagte Georg , umschlang sie , küßte sie auf die Augen , auf den Mund . » Aber Anna « , wiederholte er noch zärtlicher und küßte sie wieder . » Was weinst du denn ? Es wird ja so schön sein . « » Du hasts leicht « , sagte sie , und über ihr lächelndes Antlitz flossen die Tränen weiter . Es wurde schön . Zuerst hielten sie sich in München auf . In den hohen Sälen der Pinakothek spazierten sie umher , standen entzückt vor alten dunkelnden Bildern , wanderten in der Glyptothek zwischen marmornen Göttern , Königen und Helden ; und wenn Anna plötzlich ermüdet auf einem Diwan sich niederließ , fühlte sie Georgs zärtlichen Blick über ihrem Scheitel . Sie fuhren durch den englischen Garten , in breiten Alleen , unter noch entlaubten Bäumen , eng aneinander geschmiegt , jung und glücklich , und glaubten gern , daß die Menschen sie für Hochzeitsreisende hielten . Und sie hatten ihre Plätze nebeneinander in der Oper , bei Figaro , bei den Meistersingern , bei Tristan ; und es war ihnen , als webte sich aus den geliebten Klängen ein tönend durchsichtiger Schleier um sie allein , der sie von allen andern Zuhörern abschied . Und sie saßen , von niemandem gekannt , an hübsch gedeckten Gasthaustischen , aßen , tranken und plauderten wohlgelaunt . Und durch Gassen , die den wunderbaren Hauch der Fremde hatten , wandelten sie heim , wo im gemeinsamen Zimmer die milde Nacht ihrer wartete , schlummerten beruhigt Wange an Wange ein , und wenn sie erwachten , lächelte vor dem Fenster ein freundlicher Tag , mit dem sie schalten durften wie es ihnen beliebte . Sie waren ineinander beruhigt , wie sies nie gewesen und gehörten einander endlich ganz . Dann reisten sie weiter , dem rufenden Frühling entgegen ; durch gedehnte Täler , auf denen der Schnee glänzte und zerrann , dann , wie durch einen letzten , weißen Wintertraum , über den Brenner nach Bozen , wo sie mittags auf dem grellen Marktplatz in Sonnenstrahlen badeten . Auf den verwitterten Stufen des weiten Amphitheaters von Verona , unter einem kühlen Osterabendhimmel , fand sich Georg endlich der ersehnten Welt gegenüber , in die eine wahrhaft Geliebte zu geleiten ihm diesmal gegönnt war . Aus rötlich blassen Fernen , zugleich mit all den ewigen Erinnerungen , die auch andern Menschen gehörten , grüßte ihn die eigene , entrückte Knabenzeit ; ja ein