Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken , Herr Graf ? « » Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen , die er mir vorenthielt . « » Wie ? Geheime Aufzeichnungen ? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt . « » Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden . « » Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch , das er vom Präsidenten erhalten hat ? « Stanhope griff diesen Gedanken , der ihn aus der schiefen Situation halbwegs rettete , mit Vergnügen auf . » Ja , gerade dieses , ohne Frage dasselbe « , beteuerte er rasch , indem er sich zugleich gewisser verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann . » Ich weiß nicht , wo er es aufbewahrt , « sagte Herr von Tucher ; » ich würde auch Anstand nehmen , es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern . Im übrigen weiß ich zufällig , daß er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch das Bildnis des Präsidenten , das sich auf der ersten Seite befand , herausgeschnitten und das Ihre , Herr Graf , an dessen Stelle gesetzt hat . « Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe , die auf dem Schreibpult lag , zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte es Stanhope . Es war Feuerbachs Porträt . Der Lord sah eine Weile darauf nieder , und beim Anschauen dieser jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht . » Das ist also der berühmte Mann , « murmelte er ; » ich bin im Begriff , ihn aufzusuchen , ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht . « Doch alles , was er plante , der Weg dorthin , der Zwang , dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen , versetzte ihn in eine Befangenheit , deren er nicht Herr werden konnte . » Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein , Ihre Bekanntschaft zu machen « , sagte Baron Tucher höflich , und da Stanhope sich anschickte zu gehen , bat er ihn , dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu übermitteln . Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße dahin . Es war ein arger Sturm , in Wellen und Spiralen krümmte sich der Staub empor , der Lord kauerte , in Tücher eingehüllt , in der Ecke des Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlichtrübseligen Landschaft . Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch Wälder , sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu durchspähen . Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings . Als kurz vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde , drückte er die Hände gegen die Ohren , wandte sich ab und stöhnte seine zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens . Danach saß er wieder aufrecht , hart und kalt wie Stahl , ein Hexenlächeln um die dünnen Lippen . Zweiter Teil Gespräch zwischen einem , der maskiert bleibt , und einem , der sich enthüllt Es regnete in Strömen , als die Kalesche des Lords am späten Abend über den Ansbacher Schloßplatz donnerte . Dazu scheuten die Pferde plötzlich vor einem über den Weg trottenden Hund , und der elsässische Kutscher fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut , daß sich hinter den dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten . Die Zimmer im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet , der Wirt tänzelte mit einem Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen Komplimenten und Kratzfüßen . Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe , da trat ihm ein Herr in der Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen , sehr eilfertig , mit regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel vor , der die Ehre gehabt habe . Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig , » leider allzu flüchtig « , begegnet zu sein . Er nehme sich die Freiheit , dem Herrn Grafen seine Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten , und bitte um Vergebung für die einem Überfall ähnliche Störung , aber es sei zu vermuten , daß Seine Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe , darum wolle er nicht versäumen , in erster Stunde nachzufragen . Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an . Er sah ein frisches , volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei zärtlich ergebenen Augen . Unwillkürlich zurücktretend hatte Stanhope das Gefühl , daß hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug , gleichviel zu welchen Zwecken ; nichts Neues war ihm der begehrlich streberische Glanz solcher Blicke , schon glaubte er seinen Mann in- und auswendig zu kennen . Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon ? Wer hatte ihn auf die Fährte gebracht ? Eine feine Nase war ihm jedenfalls zuzutrauen . Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte Stunde seinen Besuch , worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und ebenso eilig , wie er gekommen war , wieder in den Regen hinausrannte . Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen Zimmern Kerzen aufstellen , da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren ; während der Kammerdiener den Tee bereitete , nahm er ein in Saffian gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu lesen . Oder wenigstens hatte es den Anschein , als lese er , in Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken , die Ruhe des kleinen Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille . Nach dem Imbiß ließ er den Wirt rufen , befragte ihn über dies und jenes , über die Verhältnisse im Ort , über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft . Der Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen . Er hatte noch die selige Markgrafenzeit erlebt , und mit dem Tag , wo Höfling und Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten , war es aus mit dem Glanz der Welt ; ein stinkendes Rattennest war sie geworden , ein Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat , eine Tintenhöhle , ein Paragraphenloch . Damals , ach