hatten , daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde , und daß sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten . Derart hatten sie ausgemacht , daß sie des Morgens abwechselnd früher aufstehen wollten , denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein , und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das Bett verlassen , um für beide den Morgenkaffee herzurichten . Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau , und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen , da sah er durch die halboffene Tür , wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ , und während das heiß wurde , maß sie den Kaffee ab in die Mühle , nahm die zwischen die Knie und begann zu mahlen . Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch einmal ab und rückte die Stühle davor , holte den Frühstücksbeutel herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht . Und wiewohl das alles nur ganz einfache Dinge waren , die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten , so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz , indem er zufrieden in seinem Bette lag . Am andern Tag war die Reihe an ihm ; da stand er vorsichtig auf , um seine Frau nicht zu wecken , die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte , als schlafe sie noch ; mit ungeschickten Händen brachte er die Kochmaschine in Ordnung , wie er es gestern gesehen ; aber schon als er das Wasser in die Kasserolle ließ , war er irr , und wie er die Bohnen mahlen sollte , wußte er nicht , wie viel er nehmen durfte . Da mußte er zu ihr gehen und sie fragen , sie aber antwortete , daß er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen werde , und daß die Männer überhaupt solche Sachen nicht verstünden , und dann sprang sie geschwind aus dem Bett , nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte mit Schnelligkeit das Frühstück , indessen der Mann gehorsam zuschaute . In solcher Weise geschah es , daß nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm , indem sie freilich ihren Mann häufig ausschalt ; dieser aber , der sich schnell zu großer Geduld entwickelt hatte , nahm solches Schelten nicht übel , da es ja nicht böse gemeint war und eigentlich eine Zärtlichkeit ausdrücken sollte . Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das Geschirr aufgeräumt , so begann für die beiden der schönste Teil des Tages , denn der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes Buch , etwa Bebels » Frau « oder Zimmermanns » Wunder der Urwelt « , las vor und erklärte ; die Frau aber , die fleißig stopfte und flickte , hörte eifrig zu , fragte und widersprach , und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande . In den meisten Fällen drehte sich der Streit darum , was die Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun könnten , indem der Mann meinte , daß sie sich aufklären müßten und Bildung erwerben , die lebendige Frau aber schalt , daß die Männer träge und mutlos seien und zu Taten vorgehen müßten , und wenn sie selbst ein Mann wäre , so würde sie gewiß suchen , die Arbeiterklasse durch ein Attentat von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien , damit die andern Furcht kriegten . Hierauf erwiderte der Mann , daß sie durch solche Handlungen ja Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung stören , von dem man alles erwarten müsse . Indem die beiden dergestalt für sich lebten , geschah es ganz natürlich , daß sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder im Sammeln von Geld ; er sagte ihnen aber , daß er seinen Mann stehen werde , wenn es nötig sei ; und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu weiteren Unterdrückungsmaßregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten Erhebung antworteten , um die soziale Republik zu begründen , das etwa in zwei oder drei Jahren geschehen könne , so wolle er selbstverständlich sogleich mit in die Reihen der Kämpfenden treten . Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude , daß die Frau ein Kind erwartete , und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen , wie sie das nicht wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an alle die Erfindungen , welche die herrschenden Klassen benutzten , um das Volk niederzuhalten , und dazwischen erzählte die Frau von einem schönen Kinderwagen , auf den sie jetzt schon sparte , denn er sollte Gummiräder haben , und auch von Jäckchen und Mützchen sprach sie ; diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht , allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen , denn sie konnte viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr . Er selber trug sich indessen mit noch andern Absichten ; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen , daß die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke , die zu Bauplätzen bestimmt waren , in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachteten , die allerhand Gemüse und Blumen auf dem sandigen Boden zogen und sich eine Laube bauten und am Feierabend mit Weib und Kind sich hier in ländlicher Arbeit erfreuten . Einige Arbeitsgenossen von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung , die sie » Klein-Kamerun « nannten ; diesen dachte er sich anzuschließen , wenn er seine Frau von der Vortrefflichkeit des Planes überzeugte , und die Frau sollte das Abendbrot in der Laube zurichten , und da würden sie dann im Freien essen , und das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und