er bei mir seine nächtliche Siesta hält . Ach , dieser Karneval ! Wenn ich Bel-amis Schlaf bewache oder Johnny zu irgendeinem Fest schminken und kostümieren helfe , da wird es mir doch manchmal arg schwer , immer zu Hause zu bleiben - aber dies Jahr darf ich nicht tanzen - wer weiß , ob später . März Nun ist bald Frühjahr - und dann geht Johnny fort - vielleicht auf Jahre . Aber wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen . - Eigentlich sind wir überhaupt sehr weise , nehmen das Leben nun von der Sonnenseite , soweit es uns zusammen angeht . Wir wissen wohl , was der andre an trüben und schweren Sachen zu tragen hat ; aber das behält jeder für sich . Es gibt keine abgründigen Gespräche zwischen uns über Seelenzustände und dergleichen , aber auch keine Verstimmungen und keine Szenen . Der Tag gehört jedem allein und der Tagesordnung , die man nie miteinander teilen sollte . - Wir kennen eben alle Weisheiten . Und Eifersucht , ich glaube , davon wissen wir auch nichts . Oder doch - ich fühlte so etwas , weil er ein Kind hat . Sonntags kommt die Mutter manchmal damit , um es ihm zu zeigen - einmal auch , wie ich da war . Und dabei wurde mir ganz weh - man hat mir gesagt , daß ich wohl nie eins haben werde . Und wenn ich dann solche kleine Wesen sehe , schmerzt mich das Gefühl , daß es eine Sehnsucht gibt , die mir nie erfüllt werden kann . Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht , als ich ihn bat , er sollte es mir schenken . August Lange , lange nichts aufgeschrieben - daran kann ich selbst immer messen , ob mein Leben still und einsam gewesen ist , oder ob es mich mitgerissen und durchgeschüttelt hat . Ich bin viel gesünder , seit ich draußen auf dem Lande bin , male den ganzen Tag . - Und doch denke ich immer wieder , daß ich nicht lange leben werde - , daß es mich doch wieder hinwerfen könnte und ich mich eilen müßte . Dann kommt ein förmliches Fieber über mich , ich möchte in jeden Tag hineindrängen , was er nur fassen kann , an heißer Arbeit und heißem Leben . Wenn ich mein Tagebuch lese - das klingt alles so , als ob ich immer in tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche . Und dabei gibt es keinen Menschen , der so viel lacht wie ich - niemand glaubt , daß ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein könnte , oder daß mir irgend etwas tief geht . Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht völlig , daß ich immer noch ganz dieselbe bin . Aber immer noch könnte ich für einen Moment der Freude meine ewige Seligkeit verkaufen . - Ich könnte es nicht nur , ich tue es auch . Seit Johnny fortging , ist es fast wie das Leben im herumziehenden Zigeunerwagen , das ich mir als Kind träumte - von einem Ort zum andern und über dem Hier das Dort vergessen . Nur immer weiter , nicht rückwärts sehen und nicht vorwärts , den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern . Ich denke oft daran , wie ich als Kind war . Ich dachte mir immer , mein Leben müßte etwas ganz Besonderes werden , und später auch noch : Ungeheure Dinge leisten , in der Kunst , in allen möglichen Verwegenheiten , am liebsten hätte ich auch Seiltanzen und Akrobatenkünste gelernt , überhaupt alles können , alles beherrschen . Und vielleicht wäre ja auch allerhand daraus geworden , wenn sich nicht von Anfang an alles dagegen gestemmt hätte . Zu Hause - ich kann meine Eltern doch heute noch nicht recht begreifen - ; Eltern sollen doch froh sein , wenn ihre Kinder viel wollen , und sie sind immer nur entsetzt . Ich habe wohl kein Wort so gehaßt wie das : Es geht nicht . - Es ist das unwahrste Wort , das es gibt . Und später , ja , hätte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt , mir wieder eine Kette an den Fuß gehängt - - , denn darüber gibt ' s wohl keine Täuschung : Ein ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder , wenn ich auch nach außen hin so tue und so lebe . Und das ist doch das einzige , wirkliche Unglück , das einen treffen kann . Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen : Es geht nicht . September Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt . Ein Abend mit Bel-ami . Der ist wie ein Anker in der Brandung , er weiß wohl ungefähr , wie ich lebe , aber wir reden nicht davon . Wir zwei verlieben uns nicht ineinander , auch nicht vorübergehend , kommen uns auch freundschaftlich nicht näher , es liegt eine weite Ferne zwischen uns , und die geringste Übertretung würde alles zunichtemachen . Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl . Es wurde immer später , und ich versuchte ein paarmal , ihn aufzuwecken . Es ist etwas Eigenes , jemand schlafen zu sehen - bei diesem ist ' s , als ob der wirkliche Mensch dann erst zum Vorschein käme , seine Züge bekommen etwas Zerwühltes , Gequältes , er sieht aus , als ob er nie jung und froh gewesen wäre . Ich weiß wenig von seinem Leben , aber ich denke manchmal , daß er ebenso ruhelos ist wie ich , sein Gesicht sagt es , wenn er schläft . Vielleicht hält uns das zusammen - , obgleich wir es uns niemals eingestehen würden . Schließlich werde ich auch müde , lege mich aufs Bett . Dann und wann wache ich auf und sehe mich um : dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit - der große , wüste Tisch