der Verse , die ihr bei jener ersten Lektüre aufgefallen waren , und sie hatte die Genugtuung , daß Stellen , deren Schönheit sie frappierte , auch vom Publikum aufgefaßt zu werden schienen . Nicht etwa durch laute Bravos bekundete sich das , denn damit halten die kritischen Zuschauer in den Eingangsszenen einer Erstaufführung zurück ; es ist nur wie ein kaum hörbares Aufseufzen - vielleicht ist es nicht einmal ein Laut , sondern nur ein Zucken jenes elektrischen Rapports , der eine versammelte Menge den gleichzeitig erweckten Beifall empfinden läßt . Mit beruhigtem , immer sicherer werdenden Genuß gibt sich Sylvia jetzt dem Bühnenspiel gefangen . Zu der Süßigkeit der Versmelodien , zu der Pracht der hinwogenden Rede , die sie schon beim Lesen so entzückt hatte , war nun auch der Zauber dargestellten Lebens hinzugekommen . Die Träger der Hauptrollen Fritz Krastel und Stella Hohenfels - waren die verkörperte Poesie . Das eigentümliche Silbergeriesel des Hohenfelsschen unvergleichlichen Organs verlieh den Versen neben ihrem gedanklichen Wert noch den sinnlichen Reiz des Klanges . Und dazu : was es zu schauen gab ! Das Stück war ein Märchenspiel , also waren der Phantasie des Dichters keine Grenzen gesetzt . In verschwenderischer Üppigkeit boten die vorgeführten Bilder , was ein Maler nur erträumen kann - an Farbenglut und Formenpracht . Nach der ersten Verwandlung war der Schauplatz ein Zaubergarten . Eine Fee , eine wirkliche Fee , hatte der Regie geholfen ein Bild zu schaffen , das für das Auge ein Rausch war - die Fee Elektrizität . Mit ihren unwahrscheinlichen Leuchteffekten , ihren violetten , blauen und rosa Feuern , mit ihren Silberlichtern und Goldgluten und Lavaflammen , tauchte sie die Gestalten und Dekorationen in immer neue und magische Glanzwogen ; eine Flora , wie sie noch kein irdisches Auge gesehen , wucherte in diesem » Garten des Glücks « , in dessen Hintergrund ein diamantener Tempel ragte . Die Lust des Schauens beeinträchtigte aber nicht die Lust des Hörens , denn die Dichtung erlahmte keinen Augenblick . Auch da glitzerte es von Witz und strahlte in Pathos . Als der Vorhang fiel , brach das Haus in lauten Beifall aus . » Bresser , Bresser ! « rief man von mehreren Seiten . Aber Bresser erschien nicht . In seinem Namen dankte der Regisseur Sollte er den Zug versäumt haben , oder verschmähte er es , sich zu zeigen ? Sylvia empfand es als eine Erleichterung , daß er dem Hervorruf nicht gefolgt war . Die Schöpfung war dem Publikum preisgegeben , zu Beifall oder Tadel - nicht der Schöpfer . Nur sein Geist schwebt über dem Werke , nicht seine Person hat sich davor zu stellen . Wie kommt er dazu , sich vor jenen zu verbeugen , die er beschenkt hat , warum soll er dafür danken , daß sie ihm dankbar sind ? Aus diesen Gedanken wurde Sylvia durch Hugos Vater gerissen , der in die Loge trat . Sie reichte ihm die Hand : » Ich wünsche Ihnen Glück , « sagte sie - » es ist ein Erfolg . « » Das kann man noch nicht wissen , « antwortete der alte Herr . » Der erste Akt ist gut ... aber ein Erfolg entscheidet sich erst am Schluß ... Warum ist die Baronin Tilling nicht gekommen ? « » Mama ist unwohl - sonst wäre sie schon hier ... sie hatte sich schon lebhaft auf diese Vorstellung gefreut . « » Und Ihr Gatte ? « » Ist heute in der Oper . « » Ah - ja . « Ein Ausdruck des Ärgers huschte über Doktor Bressers Gesicht . » Ihr Sohn sollte heute aus Dresden zurückkommen und nun - « » Er ist zurückgekommen und er ist im Theater - ganz im Hintergrund der Direktionsloge verborgen . Er will sich nicht zeigen . « Die Direktionsloge lag der ihrigen schräg gegenüber , also konnte er sie sehen - der Gedanke berührte sie angenehm . Und daß er , wie sie es vorausgesetzt , es vorzog , sich dem Applaus zu entziehen - in Bescheidenheit und zugleich in Stolz - das war ihr auch eine Genugtuung . » Sie müssen doch große Freude an Ihrem Sohn haben , Doktor Bresser . « » Mein Gott , wenn ich ihn glücklich wüßte ... aber das Dichterhandwerk scheint ihn stark herzunehmen - er ist oft von einer Schwermut ... als ob die Liebe zu den Musen eine unglückliche Liebe wäre . « Sylvia wußte wohl , wer seinen Liebesgram verschuldete . Jene Schwermut war in einige der zwanzig Sonette gelegt , die sie heute zum erstenmal gelesen , von denen sie aber schon manche Strophe auswendig wußte . Zum zweiten Male hebt sich der Vorhang . Jetzt war Sylvia gespannter wie zuvor , denn was nun folgen sollte , war ihr neu . Immer hatte Bresser sich geweigert , ihr mitzuteilen , was die übrigen Akte enthielten ; und zwar aus dem Grunde , damit sie einst ganz unbefangen beurteilen könne , wie die Dichtung von der Bühne herab wirke . Sie hatte das Gefühl , als sollte nun das Stück ihr allein vorgespielt werden ; die anderen waren nur so nebenher zugelassen - als Richterin war nur sie berufen . Ob ihr » der tote Stern « gefallen werde , ob sie gespannt , gerührt , erhoben , befriedigt sein würde , das war die Frage , die den in der Loge drüben verborgenen Verfasser ganz erfüllte - das wußte sie Der zweite Akt spielte im » Garten des Schmerzes « . So hell und lieblich die Bilder des ersten Aufzugs gewesen , so düster und erschütternd waren die Vorgänge , die sich jetzt abspielten . Die Sprache hielt sich auf gleicher Höhe , und in dramatischer Steigerung bewegte sich die Handlung weiter . Als der Vorhang zum zweitenmal fiel , erhob sich wieder lauter , langanhaltender Beifall . Hätte sich aber auch keine Hand im Saale gerührt , Sylvia hätte doch gewußt