niemand , dem die Hälfte von Luischens Lächeln gehörte , niemand , der mit ihr des Kindes Thränen trocknete . In leidenschaftlicher Lust hatte sie das Kind an die Brust gepresst und zum Dank hatte Luischen sie angelächelt mit ihren blauen , sonnigen Augen , und ihre kleinen rosigen Lippen hatten süsse , unverständliche Laute gelallt . Lotte aber hatte das Lächeln und das Lallen zu verstehen geglaubt . Es hiess ihr : was brauchen wir andere , Du und ich , wenn wir nur uns haben ! Mit einer stillen Sicherheit , mit einem ruhigen Glücksgefühl , wie sie es seit Jahren nicht gekannt , nie mehr , seit sich das Mutterauge ihr geschlossen hatte , war sie heute von ihrem Kinde fortgegangen . Was sie in Liebe und Zorn für Gerhart empfunden , war ausgelöscht in ihr . Sie hatte nur noch ein Gefühl für ihn , das der Dankbarkeit , dass er ihr dies Kleinod geschenkt , und dass er kein Verlangen danach trug , es mit ihr zu teilen . Unbewusst gab sie in ihrem tiefsten Herzen Frau Korn zum erstenmale recht , dass es unter Umständen besser sei , solch ein Kindchen vaterlos für sich zu besitzen , als eine Ehe zu erzwingen , deren Schicksale vielleicht schwerer zu ertragen waren , als ein zweifelhaftes Ansehen vor der Welt . Als Lotte so , noch im vollen Mittagssonnenschein , in gehobener Stimmung nach Haus zurückkam , froh und frei wie seit langen Monaten nicht , fand sie einen Gast auf ihrem Zimmer . Franz Krieger war angekommen . Zuerst befiel sie wieder ein zager Schrecken , als sie den Freund so unerwartet vor sich sah . Aber die Stunde mit ihrem Kinde hatte ihr eine wundersam nachwirkende Kraft verliehen . Niemals hätte Lotte es für möglich gehalten , dass sie dem Freunde so ruhig und gefasst würde entgegentreten können , als sie es nach einer kurz aufwallenden , Franz kaum bemerkbaren Bewegung über sich gewann . Wie hatte sie gezittert vor diesem Augenblick des Wiedersehens und mit wieviel selbstverständlicher Natürlichkeit vollzog er sich nun ! Franz hatte sich sehr verändert . Das Tastende , Unsichere , das ihn Lotte gegenüber stets befallen , das ihn oft fast knabenhaft hatte erscheinen lassen , war einer selbstsicheren Männlichkeit gewichen , und so sehr sich ihm bei Lottes Anblick , bei der Betrachtung ihrer dürftigen Umgebung das Herz zusammenkrampfte , er verriet sich nicht und bewahrte seine Haltung . Er war mit dem festen Vorsatz nach Berlin gekommen , dies Mädchen , das er seit seinen Knabenjahren mit unveränderter Treue liebte , sich zu gewinnen . Nicht nur seine grosse Neigung zu Lotte , auch alle äusseren Verhältnisse sprachen für eine baldige Ehe . Er war unverhofft schnell zu einem ansehnlichen Besitztum gelangt . Sein Haus verlangte nach einer Hausfrau , ihn selbst , bei der starken Inanspruchnahme , die eine ausgedehnte Geschäftsführung mit sich bringt , nach einem traulichen Herd , an dem sich ' s ausruhen liess von des Tages Mühen . Wenn er dies Ziel erreichen wollte , musste er Schritt für Schritt vorgehen . Lotte war keine Natur , die sich im Sturm erobern liess . Er durfte sich nicht verraten , sich keine Blösse geben , wie früher so oft , wenn seine Hoffnung sich erfüllen sollte . Sie durfte in ihm nur den Freund , nicht den Bewerber sehen , wollte er sie nicht vorzeitig einschüchtern . Schwerer als er es vermutet hatte , wurde ihm diese selbst auferlegte Zurückhaltung . Hätte er Lotte wiedergefunden , wie er sie wiederzufinden geglaubt , in einer kleinen aber gesicherten Stellung , gesund und zufrieden in der selbstgewählten Lebenslage , es würde ihm nicht so sauer angekommen sein , seine tiefe Zärtlichkeit für sie zurückzuhalten . So aber , wie er sie fand , zart und schwach nach langer Krankheit , die Heiterkeit , die sie zur Schau trug , auf den ersten Blick ein Ergebnis der Resignation , oder schlimmer noch , eine gut gespielte Komödie , dazu die äussere Not , die ihn aus allen Ecken und Enden angrinste , musste er an sich halten , um sie nicht in seine Arme zu schliessen und ihr mit aller Innigkeit , die er für sie im Herzen barg , zu sagen : » Komm mit mir . Ich will Dich gesund machen und stark . Ich will Dir Ruhe und Behagen geben . Du sollst bei mir wohl geborgen sein , armes , verflogenes Vögelchen Du . « Trotzdem bewahrte er seine Ruhe ; er erzählte ihr von den Absichten , die er für seine Geschäftsbegründung in Berlin habe , von der Heimat , vom Vater , von den Gräbern ihrer und seiner Mutter . Sie hörte ihm zu mit ihrem sanften , stillen Blick , der zuweilen etwas fremdes annahm , das ihn beunruhigte , weil er es nicht enträtseln konnte . Von sich selbst sprach Lotte so gut wie gar nicht . Nur von Lena erzählte sie , wie weit sie ' s gebracht in Berlin , und wie stolz sie sein würde , ihm alles zu zeigen , was sie erreicht , gerade weil er an ihrem Fortkommen so starke Zweifel gehegt hatte . Sie hatte dabei ihr liebes Lächeln um den feinen Mund , das er hätte festküssen mögen für alle Zeiten . Von Lena sprach sie so viel , dass es am Ende etwas krankhaft Gewolltes bekam . Sie lobte die Schwester unausgesetzt über Gebühr und setzte sich selbst wie mit absichtlichem Nachdruck immer mehr hintenan . Aber Franz wollte sie nicht verstehen . Sein Herz rebellierte dagegen . Je mehr sie Lenas Geschäft und ihre Häuslichkeit herausstrich , desto mehr lobte er alles , was sie selbst umgab : die hübsche freie Aussicht , das ruhige Zimmerchen , das man so still nur unter dem Dach haben könne , die gute Luft hier draussen , die Blumen vor den schmalen Fensterchen . Am Ende gelang ihm , was