kupferige Nase , diese schwimmenden , unstäten Augen , - das war leider Alles Natur . Auch die Bewegungen , dieses Fallenlassen der Arme , die dann an den Schenkeln herumsuchten und tasteten , dieses nervöse Zucken der Schultern , dieses zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne , dieses langsame Auf- und Niederneigen des Kopfes , dieses Nachschleifen der Füße beim schwankenden Gange , - auch dies war im Grunde Natur , nur unterstrichen , perspektivisch berechnet . Aber nun : Was er sprach und sang ! Es war so eine Soloszene , wißt ihr : Monologe mit Gesangseinlagen wechselnd ; man kennt das ja ; diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern ; ein paar haben sich indessen sogar auf der großen Bühne erhalten . Aber Stilpe hat , ich sage es ohne Überschwänglichkeit , ein Kunstwerk daraus gemacht . Ich wäre auch ergriffen zwischen Lachen und Grausen hin- und hergeworfen worden , wenn kein persönliches Interesse mitgewirkt hätte . Er kam langsam , ruckweise schwankend aus der linken Coulisse und bewegte sich im Zickzack , scheu sich umsehend , nach einer Bank rechts . Wie er sich auf die hinfallen ließ , wie er den Cylinder müde abnahm , sich durch die Haare fuhr und nun mit einem leeren , ängstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah , das war für mich schon ein Eindruck , wie ich ihn selten von einer Bühne herab gehabt habe . Plötzlich kicherte er , bückte sich und hob einen Zigarrenstummel auf , griff dann lässig an sich herum , fuhr suchend in die Taschen , zog die Hände resigniert heraus und sagte dann leise vor sich hin : Ja , Feuer ! Is nich ! Wieder ein paar Blicke im Kreise . Dann plötzliches Aufrichten und im Vorwärtsschreiten das Bemühen , nicht zu schwanken , sondern anständig , mit Würde zu gehen . Und nun , an der Rampe , eine höfliche Verbeugung vor dem Baßgeiger und im Tone vollendeter Höflichkeit mit gebrochener Stimme : Dürfte ich Sie um etwas Feuer bitten , werter Herr ? Er erhält ein Streichholz , verbeugt sich wiederum sehr höflich und zündet sich den Stummel an ; stößt die Tabakwolken mit Genuß von sich , betrachtet den Stummel mit Zärtlichkeit , lächelt und sagt : Sie müssen nämlich wissen : Ich bin auch Künstler ! Der Baßgeiger sieht ihn fragend an . - Ach nein , so schön geigen kann ich nicht . Nein . Aber - dichten ! Haben Sie keine Kindtaufe in Aussicht ? Ich machs billig . Wenn nur vom Essen was übrig bleibt ... Dies sehr demütig , traurig . Aber auf einmal wird er wild und fängt an zu schimpfen : Auf das Gesindel , das Geld und kein Talent hat , auf alle , die ihn verachten , weil sie Kameele sind , während er ein Genie ist u.s.w. - Ich sage euch : Ein fabelhafter Ausbruch mitten in den johlenden Mob hinein , der sich königlich zu amüsieren anfängt , während der Dichter , an der Rampe hin- und herrennend wie ein Eisbär im Käfig , Zorn , Wut , Verachtung nach allen Richtungen schleudert . Ich hatte die Empfindung , daß Stilpe dies alles improvisierte . Dann fiel er wieder in den demütigen Ton und bat um Verzeihung und ein Glas Gilka . Nachdem ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der Hast eines Verdurstenden hinuntergestürzt hatte , erklärte er , nun wolle er auch nicht so sein und seinerseits etwas zum Besten geben . Und er begann im Schauerballadenstil sein Leben , das Leben des verkommenen Genies , herunterzusingen . Es war einfach grausig , sag ich euch , wie er immer sich selber als zweite Person behandelte und gleichsam mit dem Stocke auf sich wies , wie die alten Jahrmarktsmorithatensänger auf die warnenden Exempel . Dabei stellte er in großen Zügen wirklich sein eigenes Leben dar , natürlich grotesk verzerrt und mit burlesken Beigaben . Aber ich habe dieses sein Leben nie mit so greller Deutlichkeit erkannt , wie während dieser Ballade , die überdies als parodistische Leistung ein Leckerbissen zu nennen ist . Am Schlusse immer der Kehrreim : O lockert eure steinernen Geberden ! Ich bin ein Lump und ihr könnt Lumpe werden . Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein , Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein . Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen hatte , trat er unter johlendem Beifall ab . Der Beifall hielt an , und er erschien wieder , trat ganz an die Rampe vor und sagte : » Übrigens haben Sie mich vorhin gestört . Ich bin nicht hier hergekommen , Ihnen was vorzuflöten . « Dann ganz leise : » Es ist doch kein Schutzmann unter Ihnen ... ? ... « Rufe aus dem Publikum : Ich wo ! - Stilpe : » Ich ... ich ... möchte mich nämlich erhängen . « Ihr werdet es kaum glauben , aber das wurde in einem Tone gesagt , daß selbst dieses Publikum erschrak . Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf : Sie denken wohl , das ist unangenehm ? Im Gögenteil ! Ich habe mir sagen lassen , man erlebt da seine schönsten Sachen alle noch einmal . Jotte nee , was ick mir auf Laura ' n freue ! Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit vorgestrecktem Bauche , eine laszive Szene ohne Worte , die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief . Gemein ! Gemein ! Das Publikum wand sich vor Entzücken . Stilpe aber hielt plötzlich inne und rief : Aber wissen Sie denn auch , warum ich mich erhängen will ? Und nun folgte , ich kann es nicht anders nennen , eine Dissertation über den Selbstmord . Und zwar so , daß er erst alle möglichen gewöhnlichen Selbstmordgründe ablehnte , um schließlich als einzig zwingenden und berechtigten Grund den anzuführen : Es giebt kein Getränk mehr , das mich umbringen könnte , drum muß ick