Ach , Lorenzen , immer wieder , wie beneide ich Sie ! « Während Koseleger noch so sprach , erschien Frau Kulicke . Sie schob die Zeitungen zurück , um zwei Couverts legen zu können , und nun brachte sie den Rotwein und ein Cabaret mit Brötchen . In dünngeschliffene große Gläser schenkte Lorenzen ein , und die beiden Amtsbrüder stießen an » auf bessere Zeiten « . Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei , weil sich der eine nur mit sich , der andre nur mit andern beschäftigte . » Wir könnten , glaub ich « , sagte Lorenzen , » neben den besseren Zeiten noch dies und das leben lassen . Zunächst Ihr Wohl , Herr Superintendent . Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin , der uns doch heute zusammengeführt . Ob wir ihn durchbringen ? Katzler tat so sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz gewiß . Aber ich habe trotzdem Zweifel . Die Konservativen - ich kann kaum sagen , unsre Parteigenossen , oder doch nur in sehr bedingtem Sinne - , die Konservativen sind in sich gespalten . Es gibt ihrer viele , denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist . Fortiter in re , suaviter in modo , hat neulich einer , der sich auf Bildung ausspielt , von dem Alten gesagt , und von suaviter , wenn auch nur in modo , wollen alle diese Herren nichts wissen . Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen , der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist ... « » Versteht sich . War neulich bei mir . Ein Mann von drei Redensarten , von denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind . « » Nun , dieser Gundermann , wie immer die Dummen , ist zugleich Intrigant , und während er vorgibt , für unsern guten alten Stechlin zu werben , tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen , daß der Alte senil sei und keinen Schneid habe . Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns . Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu , also so ziemlich das Schlechteste , was einer sein kann . Ich bin schon zufrieden , wenn dieser Jämmerling unterliegt . Aber um den Alten bin ich besorgt . Ich kann nur wiederholen : es liegt nicht so günstig für ihn , wie die Gegend hier sich einbildet . Denn auf das arme Volk ist kein Verlaß . Ein Versprechen und ein Kornus , und alles schnappt ab . « » Ich werde das Meine tun « , sagte Koseleger mit einer Mischung von Pathos und Wohlwollen . Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck , daß sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing . Und so war es auch . Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart ? Ihn beschäftigte nur die Zukunft , und wenn er in die hineinsah , so sah er einen langen , langen Korridor mit Oberlicht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift : » Dr. Koseleger , Generalsuperintendent . « So ziemlich um dieselbe Stunde , wo die beiden Amtsbrüder » auf bessere Zeiten « anstießen , hielt Katzlers Pürschwagen - die Sterne blinkten schon - vor seiner Oberförsterei . Das Blaffen der Hunde , das , solange der Wagen noch weitab war , unausgesetzt über die Waldwiese hingeklungen war , verkehrte sich mit einem Mal in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne . Katzler sprang aus dem Wagen , hing den Hut an einen im Flur stehenden Ständer ( von den ewigen » Geweihen « wollte er als feiner Mann nichts wissen ) und trat gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene , matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau . Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen , als sie war . Sie hatte sich , als der Wagen hielt , von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne , wie sie regelmäßig zu tun pflegte , wenn er aus dem Walde zurückkam , zu freundlicher Begrüßung entgegen . Ein als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch , in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone hineinstickte , hatte sie , bevor sie sich vom Sofa erhob , aus der Hand gelegt . Sie war nicht schön , dazu von einem lymphatisch-sentimentalen Ausdruck , aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art , wie sie sich kleidete , ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches erscheinen . Sie trug , nach Art eines Morgenrockes , ein glatt herabhängendes , leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz , von dem es unsicher blieb , ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte . Das Ganze hatte etwas Gewolltes , war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder kleidsam . Es sprach sich ein Talent darin aus , etwas aus sich zu machen . » Wie glücklich bin ich , daß du wieder da bist « , sagte Ermyntrud . » Ich habe mich recht gebangt , diesmal nicht um dich , sondern um mich . Ich muß dies egoistischerweise gestehen . Es waren recht schwere Stunden für mich , die ganze Zeit , daß du fort warst . « Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück . » Du darfst nicht stehen , Ermyntrud . Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei . Das strengt dich an und hat , wie du weißt , auf alles Einfluß . Der gute Doktor sagte noch gestern , alles sei im Zusammenhang . Ich seh auch , wie blaß du bist . « » Oh , das macht der Schirm . « » Du willst es nicht wahrhaben und mir nichts sagen , was vielleicht wie Vorwurf klingen könnte . Ich mache mir aber den Vorwurf selbst . Ich mußte hierbleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung . « » Du mußtest