. Da hab ich beispielsweise , ganz vor kurzem erst , eine kleine reizende Geschichte von Heyse gelesen , in der ein junger Gelehrter , ja , wenn mir recht ist , sogar ein archäologisch Angekränkelter , also eine Art Spezialkollege von mir , eine junge Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wiedergeliebt wird ; er weiß es nur noch nicht recht , ist ihrer noch nicht ganz sicher . Und in diesem Unsicherheitszustande hört er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke , wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer Freundin allerhand Confessions macht , von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert und sich ' s nur leider nicht versagt , ein paar scherzhaft übermütige Bemerkungen über ihre Liebe mit einzuflechten . Und dies hören und sein Ränzel schnüren und sofort das Weite suchen ist für den Liebhaber und Archäologen eins . Mir ganz unverständlich . Ich , lieber Onkel , hätt es anders gemacht , ich hätte nur die Liebe herausgehört und nicht den Scherz und nicht den Spott und wäre , statt abzureisen , meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füßen gestürzt , von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glück . Da hast du meine Situation , lieber Onkel . Natürlich kann man ' s auch anders machen ; ich bin für mein Teil indessen herzlich froh , daß ich nicht zu den Feierlichen gehöre . Respekt vor dem Ehrenpunkt , gewiß ; aber zuviel davon ist vielleicht überall vom Übel und in der Liebe nun schon ganz gewiß . « » Bravo , Marcell . Hab es übrigens nicht anders erwartet und seh auch darin wieder , daß du meiner leiblichen Schwester Sohn bist . Sieh , das ist das Schmidtsche in dir , daß du so sprechen kannst ; keine Kleinlichkeit , keine Eitelkeit , immer aufs Rechte und immer aufs Ganze . Komm her , Junge , gib mir einen Kuß . Einer ist eigentlich zuwenig , denn wenn ich bedenke , daß du mein Neffe und Kollege und nun bald auch mein Schwiegersohn bist , denn Corinna wird doch wohl nicht nein sagen , dann sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug . Und die Genugtuung sollst du haben , Marcell , Corinna muß an dich schreiben und sozusagen beichten und Vergebung der Sünden bei dir anrufen . « » Um Gottes willen , Onkel , mache nur nicht so was . Zunächst wird sie ' s nicht tun , und wenn sie ' s tun wollte , so würd ich doch das nicht mit ansehn können . Die Juden , so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem erzählt , haben ein Gesetz oder einen Spruch , wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt , einen Mitmenschen zu beschämen , und ich finde , das ist ein kolossal feines Gesetz und beinah schon christlich . Und wenn man niemanden beschämen soll , nicht einmal seine Feinde , ja , lieber Onkel , wie käm ich dann dazu , meine liebe Cousine Corinna beschämen zu wollen , die vielleicht schon nicht weiß , wo sie vor Verlegenheit hinsehen soll . Denn wenn die Nichtverlegenen mal verlegen werden , dann werden sie ' s auch ordentlich , und ist einer in solch peinlicher Lage wie Corinna , da hat man die Pflicht , ihm goldne Brücken zu baun . Ich werde schreiben , lieber Onkel . « » Bist ein guter Kerl , Marcell ; komm her , noch einen . Aber sei nicht zu gut , das können die Weiber nicht vertragen , nicht einmal die Schmolke . « Sechzehntes Kapitel Und Marcell schrieb wirklich , und am andern Morgen lagen zwei an Corinna adressierte Briefe auf dem Frühstückstisch , einer in kleinem Format mit einem Landschaftsbildchen in der linken Ecke , Teich und Trauerweide , worin Leopold , zum ach , wievielsten Male , von seinem » unerschütterlichen Entschlusse « sprach , der andere , ohne malerische Zutat , von Marcell . Dieser lautete : » Liebe Corinna ! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner innigsten Freude wissen lassen , daß , verzeih , es sind seine eignen Worte , Vernunft wieder an zu sprechen fange . Und , so setzte er hinzu , die rechte Vernunft käme aus dem Herzen . Darf ich es glauben ? ist ein Wandel eingetreten , die Bekehrung , auf die ich gehofft ? Der Papa wenigstens hat mich dessen versichert . Er war auch der Meinung , daß Du bereit sein würdest , dies gegen mich auszusprechen , aber ich habe feierlichst dagegen protestiert , denn mir liegt gar nicht daran , Unrechts- oder Schuldgeständnisse zu hören ; - das , was ich jetzt weiß , wenn auch noch nicht aus Deinem Munde , genügt mir völlig , macht mich unendlich glücklich und löscht alle Bitterkeit aus meiner Seele . Manch einer würde mir in diesem Gefühl nicht folgen können , aber ich habe da , wo mein Herz spricht , nicht das Bedürfnis , zu einem Engel zu sprechen , im Gegenteil , mich bedrücken Vollkommenheiten , vielleicht weil ich nicht an sie glaube ; Mängel , die ich menschlich begreife , sind mir sympathisch , auch dann noch , wenn ich unter ihnen leide . Was Du mir damals sagtest , als ich Dich an dem Mr.-Nelson-Abend von Treibels nach Hause begleitete , das weiß ich freilich noch alles , aber es lebt nur in meinem Ohr , nicht in meinem Herzen . In meinem Herzen steht nur das eine , das immer darin stand , von Anfang an , von Jugend auf . Ich hoffe Dich heute noch zu sehen . Wie immer Dein Marcell . « Corinna reichte den Brief ihrem Vater . Der las nun auch und blies dabei doppelte Dampfwolken ; als er aber fertig war , stand er auf und gab seinem Liebling einen Kuß auf die Stirn : » Du bist ein Glückskind . Sieh ,