... Das seltenste , köstlichste Glück vergeudet - um welchen Preis ! « Ein Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder . Im Innersten entrüstet , äußerlich jedoch starr und unbeweglich , hatte Tessin ihr zugehört . Wie er sie jetzt haßte , die Törin , die sich - um ein geringes zu spät - in ihren Mann verliebt hatte ; wie er sie lächerlich fand mit ihrer Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue ! Eine kleine Abkühlung tat not , und so murmelte er denn höhnisch : » Wie müssen Sie mir geflucht haben . « » Nur mir ... Sie sind ohne Rechtsgefühl ; ich hatte es und täuschte dennoch das edelste Vertrauen , betrog - - um Sie ! « Ihr Blick glitt über ihn hin , und er spürte ihn wie etwas Körperliches , das von ihm herunterwischte : allen Wert , alles Selbstbewußtsein , alle eingebildete Herrlichkeit ... Er knirschte , er meinte Notwehr üben zu müssen , und dazu war ihm jedes Mittel gut . » Sie regen sich auf « , sprach er frostig . » Wollen Sie sich töten ? « » Nein , ich will leben , um mein Kind zu erziehen ... Ich will es lehren , rechtschaffen sein und wahr und stark ; ein Feind alles dessen , was glänzt und scheint und lügt ... Er soll ... « ihr keuchender Atem stockte . » Sagen Sie es doch kurz heraus « , rief Tessin mit bitterem Lächeln . » Er soll das Gegenteil von dem werden , wofür Sie mich halten ... Glück auf , Gräfin - möge die Erziehung gelingen . Nur rate ich Ihnen : seien Sie nicht zu rüde - manche Lektion schlägt deshalb nicht an , weil sie in gar zu schonungsloser Weise gegeben wurde . « Maria hatte ihr Haupt gesenkt , sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu seinen Worten . - » Er soll auch - « begann sie , » nie erfahren , daß Sie sein , sein - « es war ihr unmöglich , es auszusprechen . » Sie bleiben immer für ihn ein Fremder ! ... Das fordere ich , darüber werde ich wachen , dabei muß es bleiben , wenn ich nicht mehr da bin , ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluß , Ihrem Beispiel ... Ein Fremder . Schwören Sie mir - - oder nein - versprechen Sie mir ... Aber nicht , wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht , einer Frau , der gegenüber Ehrlosigkeit nicht entehrt ... Warum ? warum ? - Vielleicht weil sie euch nicht zur Rechenschaft ziehen kann . « Sie zitterte und bebte , und es schien , daß er eine gewisse Befriedigung empfand über ihre maßlose Aufregung . Er war die gelassene , kaltblütige Überlegenheit selbst , er war kräftig und gesund , seine Nerven waren von Stahl . » Gräfin « , sagte er in ermahnendem Tone , » Sie wollen etwas von mir und hören nicht auf , mich zu beleidigen . Ist das klug ? « Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn . » Unklug ! « jammerte sie , » ganz töricht und unklug ... Verzeihen Sie mir ... « Es klang schrill , wie ein der innersten Natur , dem widerstrebenden Willen mit übermächtiger Gewalt abgerungener Schrei : » Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine Bitte . « Er tat , als wenn er sich besänne , und sagte nach einer Weile : » Es soll geschehen . « Maria fiel rasch ein : » Bei allem , was Ihnen - - aber was ist Ihnen heilig ? « setzte sie entmutigt hinzu . Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt : » Die Erinnerung an die Stunde , die Sie aus Ihrem Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen alle Erdengüter . Bei dieser Erinnerung verspreche ich ' s. « Er stand langsam auf . Ein wilder Wunsch , sie an sich zu reißen , sie noch einmal an seine Brust zu pressen , ergriff ihn . Da erhob sich auch Maria , und sie standen Aug in Auge . Später , als er alles , was er je angestrebt , errang , das Glück sich an seine Fersen heftete , Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien , gedachte er manchmal jenes seltsamen , stummen , kurzen Kampfes zwischen ihm und einer zarten , sterbenden Frau - in dem er unterlegen war . Sie hatte nach der Tür gewiesen , und er hatte sich bezähmt und Gehorsam geleistet . Maria blieb aufrecht ... sie mußte aufrecht bleiben . - Wenn sie sich jetzt verriete , sie sich selbst , welche Torheit wäre das ... Nein , sie tut es nicht , sie will nicht , sie ist stark . Die Tür öffnet sich wieder , Erich kommt hereingelaufen . » Mutter ! « ruft er , » der Herr ist schon fortgefahren . « » Ja - jawohl - - « Und jetzt spricht Lisette , die dem Kind gefolgt ist : » Merkwürdig , nein , wie merkwürdig ! ... Felix Tessin - den Namen kenn ich nicht , aber den Menschen ... Was hat der nur gewollt ? Ich möcht darauf schwören , daß es derselbe ist , der zuletzt beim armen Wolfi war . « » Es wird so sein - « stammelte Maria unverständlich - , » Bruder und Schwester durch ihn gemordet - « und sie stürzte leblos zusammen . Lange Zeit verging , bevor ihr Bewußtsein wiederkehrte . Im jähen Schrecken hatte Lisette an den Professor , an Wolfsberg , an Wilhelm telegraphieren lassen : » Gräfin erkrankt , gleich kommen . « Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und hörte nicht auf zu schreien : » Sie ist tot , mein Kind ist tot ! « Bei dem ersten Zucken jedoch , das durch den Körper der Ohnmächtigen lief , bei dem ersten Aufschlagen ihrer Augen machte