dem Kinderbett stand , saßen die beiden Frauen in totenhaftem Schweigen neben dem kleinen Kranken . Severina brütete darüber , wie das Wiedersehen mit Joachim sein werde , wenn das Kind da in seiner stummen Qual vorher stirbt , und ob sein Herz dann lernen werde , wie schmerzlich es sei , zu verlieren , was man liebt . Adrienne aber sah unverwandt auf ihr Kind . Der Anfall war vorüber , die sonst so weichen Züge des Kleinen trugen in scharfen Linien die Spuren der Erschütterung und machten es ganz alt . So hatte es eine merkwürdige Aehnlichkeit mit seinem Vater , und diese Aehnlichkeit steigerte die Angstgefühle im Herzen des jungen Weibes . Wenn nur jemand da wäre , der aus tiefster Seele mit ihr sorgte , mit ihr bangte ! Ach - so ganz , so mit allen Fibern konnte das nur einer , der Eine , der fern , weltfern war . Aber doch mußte es eine Wohlthat sein , Fannys kluges Auge mit an dem Bette wachen zu sehen , in Joachims Gesicht die große Sorge um den von ihm so geliebten Knaben zu lesen . Das Mädchen da an der andern Seite des Lagers saß wie ein Bild von Stein ; auf ihren erstarrten Zügen war nichts zu lesen , weder Sorge noch Mitleid . Eingeschüchtert , Adrienne wußte selbst nicht wodurch , wagte sie lange nicht , die Bitte an Severina zu richten : » Schreibe an Fanny . « Als sie es endlich doch gethan , erhob das Mädchen sich augenblicklich und ging in das Wohnzimmer nebenan . Hier saß sie lange über einem Briefbogen brütend , die Feder verkehrt in der Hand . Fanny rufen , das hieß Joachim rufen , die tödlichste Entscheidung herbeirufen . Sie stand wieder auf , ging lange hin und her und sagte zuletzt , mit dem Auge scheu Adrienne vermeidend : » Der Kleine wird gewiß morgen besser sein . Was sollen wir Fanny die Ferien stören , die sie sich so selten gönnt ? « Die junge Frau atmete auf . Ja , wenn Severina glaubte , daß er morgen besser sei ... sie konnte es beurteilen , sie war seit früher Jugend mit der Krankenpflege vertraut . In der That kehrten die Anfälle nicht wieder . Der Arzt kam und zeigte sich ganz unbesorgt und mit den von Severina getroffenen Maßregeln einverstanden . Den ganzen folgenden und die nächsten beiden Tage schien es , als sei jede Angst thörichte Uebertreibung . Daß der Kleine nicht aß und so schnell abmagerte , wie nur so kleine Kinder pflegen , war wohl die natürlichste Folge der überstandenen Leiden . Zuweilen ward Adrienne von jäher Unruhe ergriffen . » Wir wollen es doch Fanny schreiben , « meinte sie dann . Aber Severina wußte es ihr immer auszureden und endlich konnte man schon Tag und Stunde von Fannys Wiederkehr ausrechnen , da , so meinte selbst der Pastor , da wäre es ja doppelt alarmirend für Fanny gewesen , wenn man sie kurz vor ihrer ohnehin erfolgenden Heimkehr beriefe . Während man sich im Hause rüstete für die zahlreichen Gäste , die nun folgenden Tags mit der Herrin einziehen sollten , wachte Adrienne , blaß und hohläugig , am Bett ihres Knaben , der an diesem Nachmittag einen schwachen erneuten Krampfanfall bestanden hatte . Alle mit Gewalt zurückgedrängte Angst kehrte , bis zu wahnsinniger Unruhe gesteigert , in ihr Herz zurück . Und niemand war bei ihr , diese Not zu teilen . Selbst Severina ging im Hause unermüdlich treppauf , treppab , mechanisch ihr Teil Pflichten an den Festvorbereitungen erledigend . Welch eine Vorstellung - morgen sollten alle Räume dieses Hauses von frohem Lärm widerhallen und hier rang ihr Kind zwischen Leben und Tod ? Nein , das konnte Fannys Wille nicht sein . Und plötzlich erschien es Adrienne , als seien Severinas Weigerungen , zu schreiben , geflissentlich und von geheimen Gründen bestimmt gewesen . Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich ihrer , und in derselben wurde sie plötzlich wie hellsehend - von jener Art Hellseherei , welche wohl die Wahrheit , aber diese in falscher Beleuchtung sieht . Severina liebte Joachim , und sie wollte nicht , daß er kommen solle , um seinen Liebling sterben zu sehen , um an seinem Lager mit zu leiden - für Männer ist ein jäher Schlag immer erträglicher als langsames Hinquälen . So war es . Wie eine Irre entfloh das junge Weib dem Zimmer und ließ das Kind allein . Sie lief zum Hause hinaus und über den abenddunklen Hof in die Ställe . Dort beschwor sie den Kutscher , noch heute , jetzt in dieser Minute einen Reitknecht nach der Taißburg zu schicken . - Das ginge nicht , der würde erst um zehn Uhr ankommen . - Nun , so möge er dort nächtigen . Nein , es ginge durchaus nicht , denn morgen früh um fünf müßten die Wagen hinüber , um die Frau und ihr Gepäck zu holen . » So schicken Sie die Schlitten jetzt fort . Dann kann Frau Förster am frühen Morgen hier sein , sonst wird es Nachmittag . Und sagen Sie , daß mein Sohn so krank sei - so krank , daß er sterben könne . « Der Kutscher versprach , daß er thun wolle , was möglich sei , bloß um die junge Frau zu beruhigen , denn für ihn war es oder schien es doch unmöglich , die Pferde noch anzuspannen , die heute schon Stroh nach der nächsten Garnisonstadt gefahren hatten . Adrienne kehrte etwas gefaßter in ihre Zimmer zurück . Wann auch immer Fanny kam , Gäste würde sie nun keine mitbringen . Als sie wieder an das Bett trat , lag der Kleine in heftigen Zuckungen . Ihr Schreckensschrei gellte durch das Haus . Severina und die Dienstboten kamen herzugelaufen . Alles umstand in schweigender Sorge das Bett , vor dem die Mutter auf den Knieen lag . Adrienne winkte heftig