Scheu , mit nach Lindenberg zu gehen , nicht mehr zu verkennen war . Aus der letzten Bemerkung schöpften die Eltern überdies den Verdacht , die Tochter werde zum Abschreiben angehalten , so unwahrscheinlich es sie sonst gefunden hätten , daß sie es leiden würde . Genug , die Mutter vermochte nicht länger die Zeit zu verlieren , dem Ziele ihres Ausfluges näherzukommen , und sagte , die Hand der jungen Frau ergreifend , mit milden , aber eindringlichen Worten : » Sag uns jetzt den wahren Grund , warum du nicht mitgehen willst ! Wir sind deshalb gekommen und wollen erfahren , was zwischen euch vorgefallen ist , daß ihr nicht mehr miteinander verkehrt und euch bei uns nicht mehr blicken laßt ! Warum bist du so gedrückt , ja traurig , wirst rot und bleich , und vielleicht finden wir deine Schwester im gleichen Zustand ! « » Rede nur , Kind , es muß sein , wir gehen nicht fort , ohne Klarheit zu haben ! « fügte der Vater hinzu . Die Tochter stand da , ohne ein Wort hervorzubringen . Die Eltern wurden selbst verlegen und wußten nicht , sollten sie weiter in die Tochter dringen oder nicht . Zuletzt sagte Salander noch aufs Geratewohl : » Ist vielleicht das Glück ausgeblieben oder schon verschwunden , auf das ihr hofftet ? « » Ja , so ist es ! « antwortete Setti fast tonlos . Sie zog ihre Hand aus derjenigen der Mutter , suchte nach dem Taschentuch und bedeckte sich Mund und Augen , indem sie ein krampfhaft ausbrechendes Schluchzen zu ersticken suchte . Sie ließen die Arme sich etwas erholen , ehe sie weiterforschten . Endlich fing sie von selbst wieder an . » Es ist nichts mit ihnen ! Sie haben keine Seelen ! O Gott , wer hätte das denken können ! « » Wer ? Ihr selbst ! « sagte die Mutter , die sich die Tränen zornigen Mitleidens aus den Augen rieb . » Wir wissen es und schämen uns vor Vater und Mutter , und an den jungen Bruder mögen wir gar nicht denken ! Aber auch vor uns selber schämen wir uns gegenseitig und können uns nicht ansehen . Sobald wir der schrecklichen Täuschung recht innegeworden sind , haben wir uns fliehen müssen wie Menschen , die eine gemeinsame Untat verübt haben . Und doch habe ich Heimweh nach der Schwester und sie gewiß auch nach mir ! Aber wenn wir zusammen sind , so ist es , als ob jede zwei böse Gewissen in sich fühlte ! « Martin und Marie Salander gingen aufgeregt nebeneinander hin und her . » Für jetzt wollen wir es genug sein lassen ! Du mußt mit uns kommen , Setti ; ihr sollt euch wieder zurechtfinden , so wird es schon besser gehen . Jetzt wasch die Augen aus , der Mann kann jeden Augenblick erscheinen , und wir dürfen uns nichts merken lassen , eh wir alles überlegt haben und wissen , was wir tun wollen ! « » Es wird nichts zu tun sein ! « entgegnete Setti etwas gefaßter , » es steht eben nicht so , daß wir nach Brauch und Sitte vor der Welt einen Grund zur Trennung fänden . « Sie begab sich hinaus , den Rat des Vaters zu befolgen und das Gesicht abzukühlen ; gleich darauf kam Isidor gestürmt , der unterwegs erfahren , welchen Besuch er zu Hause finden werde . Er war sehr aufgeräumt und begrüßte die Schwiegereltern als eine ihm sehr schmeichelhafte Überraschung , entschuldigte sich aber sogleich , daß er schnell noch in der Kanzlei nachsehen müßte , lief aber statt dessen in die Küche und das Speisezimmer , um das Geköche und den Tisch zu untersuchen , ob auch seine Ehre gewahrt und trotz des Zuwachses für seine eigene Eßlust gesorgt sei . Am Tische ließ sich von dem , was vorausgegangen , keine Spur entdecken . Frau Setti schien die Gelassenheit selbst , welche durch die Gegenwart der Eltern und das ihnen abgelegte Bekenntnis noch erleichtert und vermehrt wurde . Die Mutter erkannte als Frau aus dieser vollkommenen Ruhe und Selbstbeherrschung , wie nichtig der junge Mann für das Herz seiner Gattin geworden sein mußte . Sie konnte ihn ertragen , wie man ein böses Geschick erträgt , das man selbst verschuldet hat . Der Vater mußte seine Aufmerksamkeit mehr dem Notar zuwenden , und er wunderte sich , wie ihm nicht früher schon die Schuppen von den Augen gefallen seien . Es fiel nicht ein rundes oder , wie man zu sagen pflegt , nicht ein vernünftiges Wort von seinen Lippen . Der schlaue junge Streber hatte Amt , Haus und Frau ; darüber war seine Persönlichkeit schon zu Ende geraten und konnte sich nur noch im Geräusche von vielen ihresgleichen geltend machen . In der Stille des Hauses , wo man die einzelnen Worte vernimmt , war nichts mehr an ihm . » Wir haben vor , « teilte Salander dem Notar mit , » diesen Nachmittag auch die Leute am Lindenberg zu besuchen , und wollen unsere Tochter mitnehmen . Sie haben doch nichts dagegen , Herr Sohn ? Sie sagt uns zwar , Sie hätten auch auswärtig zu tun , es wird sich aber vielleicht beides für einmal vertragen ? « » Ei warum nicht , Herr Vater ? Ich hätte Lust , selber mitzugehen und bitte nur um Dispens ! « Isidor war froh , daß er mit guter Manier seiner Wege gehen konnte , denn das prüfende Auge der schweigsamen Schwiegermama tat ihm nicht wohl . Dagegen begleitete er die Frau und ihre Eltern eine kleine Strecke weit , als sie aufbrachen . Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes , eine Umgebung , die nicht mit Geld zu bezahlen sei . » O ja , es macht sich nett ! « sagte der Schwiegersohn . » Nur wird es nicht