! « Margarete schlug empört die schwarze Gardine auseinander und trat aus der Fensternische . In demselben Augenblick kam aber auch Herbert eiligen Schrittes aus dem Salon - er hatte in der Nähe der Thüre gestanden . Ohne ein Wort zu sagen , nahm er den Knaben an der Hand und führte ihn an Reinhold vorüber die Stufen hinauf . » Lieber auf den Mund ! « sagte der Knabe , das erblaßte Gesichtchen von der wachsbleichen , in Blumen gebetteten Hand wegwendend , in seiner kurzen , knappen Ausdrucksweise halblaut zu seinem Führer . » Er hat mich auch manchmal geküßt - wissen Sie , im Thorweg , wo wir ganz allein waren . « Der Landrat stutzte einen Moment ; dann aber nahm er den Knaben auf seinen Arm und hob ihn über den Sarg . Und da bog sich der schöne Kinderkopf tief auf den » stillen Mann « nieder , so daß seine braunen Locken die kalte Stirn überfluteten , und küßte ihn auf die bärtigen Lippen . Dem jungen Mädchen , das noch , wie im energischen Hervortreten begriffen , mit beiden Händen den schwarzen Tuchbehang auseinander hielt , ging es wie ein Aufleuchten über das verhärmte Gesicht , und ein dankbarer Blick flog hinüber zu dem , der mit ernstem , entschiedenem Protest die Lieblosigkeit von der geheiligten Stätte wies . Indessen waren die im Fortgehen begriffenen Anwesenden geräuschlos aus dem Salon gekommen . » Gott , wie erschütternd ! « hauchte die Baronin Taubeneck , während der Landrat die Stufen herabstieg und den Knaben sanft aus seinen Armen entließ . » Aber wie ist mir denn ? « - wandte sich die Dame leise an die Frau Amtsrätin - » ich kann mich mit dem besten Willen nicht erinnern , daß noch so junge Angehörige der Familie existieren . « » Sie haben ganz recht , gnädige Frau ; meine Schwester und ich sind die einzigen Ueberlebenden , « fiel ihr Reinhold fast heftig , tief erbittert und verbissen in das Wort . » Der zärtliche Kuß sollte nur ein Dank für genossene Wohlthaten sein ; sonst hat der Junge in unserer Familie absolut nichts zu suchen - er gehört dem Manne da ! « Bei diesen Worten zeigte er auf den alten Maler , der schweigend die Hand des Kindes ergriff und mit einer dankenden Verbeugung gegen den Landrat den Flursaal verließ . Es war , als gehe jeder Laut menschlicher Stimmen mit ihm , ein so tiefes , verlegenes Schweigen trat ein . Der Widerspruch , so unschicklich laut am Sarge eines Geschiedenen erhoben , mochte das Gefühl aller peinlich berührt haben . Es fiel kein Wort mehr . Mit stummer Begrüßung ging man auseinander , und gleich darauf fuhren drunten die Wagen nach allen Richtungen weg . » Daß du auch so frühe fort mußtest , Balduin ! « murmelte der alte Amtsrat in schmerzlicher Klage . » Gnade Gott den armen Leuten , über die der herzlose Bursche nun Macht hat , die unter seine Fuchtel müssen ! « Der alte Herr war mit seiner Enkelin allein im Flursaal zurückgeblieben , während die anderen den Fortgehenden das Geleit gaben . » Geh , mach ein Ende , Gretel ! Sei tapfer ! « mahnte er bittend , indem er über das lockige Haar der Weinenden strich , die im bitteren Abschiedsweh auf der obersten Stufe kniete . Sie küßte die kalte Hand - war ihr doch , als dürfe sie den Hauch des Kindermundes auf den Lippen des Toten nicht weglöschen - dann erhob sie sich und ging an der Hand des Großvaters nach den anstoßenden Zimmern . » So , meine liebe Gretel , das Allerschwerste wäre überstanden ! « sagte er drinnen . » Und nun gehe du in Gottes Namen auf ein paar Wochen nach Berlin zurück . Dort besinnst du dich am ersten wieder auf dich selber , und der arme , gequälte Kopf da lernt wieder fest und aufrecht sitzen ... Dann aber denke auch an deinen alten Großvater . Es wird gar einsam werden draußen in unserem lieben Dambach , denn - er kommt nicht mehr ! « - um den weißen Schnurrbart zuckte und bebte es . - » Mir war er ein guter Sohn , mein Kind ; wenn mir auch sein eigentliches inneres Wesen zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist . « Darauf ging er hinaus und schloß die Thüre hinter sich , und Margarete flüchtete in das abgelegenste Zimmer , den roten Salon - sie wußte , daß jetzt draußen mit dem Kerzenlicht der letzte Glanz eines in den Augen der Welt weit bevorzugten , reichen Erdendaseins erlosch , daß die letzten Vorbereitungen zu der morgen in aller Frühe stattfindenden Uebersiedelung nach dem stillen kleinen Haus vor dem Thore getroffen wurden ... Ja , morgen um diese Zeit war alles vorüber , und auch sie war weit , weit weg vom verwaisten Vaterhause ! Heute noch , mit dem letzten Zug kam der Onkel Teobald aus Berlin zu der Beerdigung , und morgen mittag reiste er wieder ab und sie mit ihm . Sie ging auf und ab in dem schwach erleuchteten Zimmer , von dessen weiten , hohen Wänden jeder ihrer Schritte widerhallte . Man hatte die ausgeräumte Bel-Etage einstweilen nur notdürftig wieder hergerichtet - die Teppiche fehlten , und der gesamte Bilderschmuck stand noch im Gange des Seitenflügels . Ein mächtiges Viereck dunkelte auf der verblichenen Tapete - da hatte das Bild der Frau mit den Karfunkelsteinen gehangen , der Schönen , Heißgeliebten , deren arme Seele der grausame Aberglaube hundert lange Jahre im alten Kaufmannshause hatte umherirren lassen , bis der Sturm hereingebraust war und sie auf seine Flügel genommen haben sollte ... O , jene Sturmnacht ! Da hatte die Verwaiste zum letztenmal in das Vaterauge geblickt ! » Auf morgen denn , mein Kind ! « hatte er gesagt - das war der letzte Hauch seines Mundes für sie gewesen ; dieses