der Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei , der ihm unter allem , was er auf diesem Gebiete kenne , den nachhaltigsten Eindruck gemacht habe . » Eines Protestanten ? « fragte Judith neugierig . » Wessen ? « » Thomas Carlyles . « » Und der Spruch selbst ? « » Entsage ! « Niemand antwortete . Nur Franziska sagte : » Wie schön ! « Und eine momentane Stille folgte . » Kannst du ' s ? « fragte der alte Graf leise , während er sich zu Franziska niederbeugte . Sie sah eine Weile vor sich hin . Dann hob sie das Auge wieder und sah ihn still und ruhig an , und etwas wie Wehmut und Bitte lag in ihrem Blick . Vierunddreißigstes Kapitel Er war durch diesen Blick entwaffnet , zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm Franziskas Hand und küßte sie , dann rasch aufbrechend , sprach er von Briefen , die noch zu schreiben seien , und ging in den andern Flügel hinüber . Hier nahm er an seinem Schreibtisch Platz , erhob sich aber bald wieder , um auf und ab schreitend erst ruhiger in seinem Gemüte zu werden . » Es war ein Bekenntnis , wie sie mich so ansah und mit ihren klugen Augen ihr zu verzeihen bat . Aber was soll ich ihr verzeihen ? Immer die törichte alte Frage . Nichts , nichts . Während ich sie beständig warnte , das Leben nicht als Märchen zu nehmen , hatt ich mir doch meinerseits ein Märchen ausgedacht , und ihr guter Wille , mir zu Willen zu sein , bestärkte mich in dem Glauben an eine Märchenmöglichkeit . Ja , ihr guter Wille , mir zu Willen zu sein ! Das war es ; sie hat mich einfach verwöhnt . Hätte sie mir von Anfang an gesagt : Aber eines muß sein , Petöfy , darauf dring ich ; wir bleiben in Wien , unter Menschen , und ich vergrabe mich nicht in eine Schloßeinsamkeit ; ich muß Verehrer und Anbeter um mich haben , die mir schöne Dinge sagen und die mich heut in das Konzert und morgen in die Oper begleiten - ja , hätte sie sich von Anfang an auf solch freien und allerfreiesten Ton gestellt , auf einen Gesellschafts- und Lebensfuß , auf den sie sich stellen durfte , so hätte mir ihre Plauderei genügt , und ihr bon sens und der Sonnenschein ihrer ewig guten Laune wären mein Glück gewesen . Das war es , was ich damals in Öslau wollte . Statt dessen hatte sie ' s besser mit mir im Sinn ... Wohl , ich wäre glücklicher geworden , wenn sie dies Bessere nie gewollt und , statt auf ihr Recht und ihre Freiheit zu verzichten , sich umgekehrt von Anfang an auf ihr Recht und ihre Freiheit gestellt hätte . Gewiß , gewiß . Aber soll ich den Entrüsteten spielen , bloß weil sie sich freiwillig höher eingeschätzt hat , als ihr Vermögen war ? ! « Er stellte sich vor den Kamin und warf ein Scheit in die halb erloschene Flamme . » Mein Kalkül war falsch , und Judith hatte recht . Das ist alles . Es tut nie gut , sich in künstliche Situationen hineinzubegeben und sich auszurechnen , wie ' s kommen müsse . Die Rechnung stimmt nie . Wir kennen uns nie ganz aus , und über Nacht sind wir andere geworden , schlechter oder besser . Schlimm , wenn wir uns schlechter finden , aber oft schlimmer noch , wenn besser . Es gibt dann ein Wirrsal , draus kein Entrinnen ist , und daß wir , sie wie ich , das Leben ernsthafter zu nehmen anfingen , als es geplant war , das entscheidet nun über mich und vielleicht auch über sie . « Von der Flamme fort sah er jetzt in die Höhe , wo dicht über dem Kamin , ja mit dem breiten Goldrahmen die Kaminkonsole berührend , ein Bild hing , sein Bild , im Attila und das Ordensband über der Brust . Typisch der Kavalier . Und er lächelte . » Ja , was ich wollte , war eine Kavalierslaune , von der ich schließlich einsehen muß , daß sie nicht der Schlüssel war , der überallhin schließt . Aber für das , was ich noch vorhabe , für das , was noch zu tun übrigbleibt , dafür paßt sie ; nur nicht Umkehr oder die Blâme der Unkonsequenz , und wenn es von alter Zeit her als ein Höchstes gegolten hat , anderen zuliebe zu leben , so kann es unmöglich ein Niedriges sein , demselben Zweck und Ziel auch mal von der andern Seite her beikommen zu wollen . Auf den Zweck kommt es an , der entscheidet , der heiligt . Alter Grundsatz der Kirche . Wie sich wohl Feßler dazu stellen wird ? « Er setzte sich jetzt nieder und schrieb eine Stunde lang , anscheinend Geschäftliches , das er schließlich untersiegelte . Dann nahm er einen Briefbogen , warf rasch einige Zeilen hin , überflog noch einmal den Inhalt und verschloß beide Schriftstücke . Den andern Morgen war er früher als gewöhnlich auf und klingelte . » Bringe das Frühstück , Andras . In einer Stunde will ich ausreiten . « Im Palais war alles noch still , als der Graf sich in den Sattel hob und zunächst über den Josephsplatz auf den Kärntnerring und die Schwarzenbergbrücke zuritt . Andras folgte . Das Eckhaus der Salesinergasse , darin Franziska gewohnt hatte , lag in einem grauen Novembernebel ; er sah hinauf , aber die Fenster der oberen Etage waren unerkennbar . » Ich soll es nicht sehen . Alles hat seine Bedeutung . « Auf dem Heumarkt , am Fluß und seiner Brücke hin herrschte schon das lebhafte Treiben , das hier allmorgendlich anzutreffen ist , aber es hatte nichts von seiner gewohnten Buntheit , und die Gestalten schoben sich wie Schatten aneinander vorüber .