elenden Herberge vorübergekommen , waren ihm die Waisen eingefallen , die vor ihm unter dem nämlichen Dache dem nämlichen Blute entsprungen waren . In seinem heutigen Hochgefühl würden sie ihm noch weniger eingefallen sein . Da öffnete sich die Tür , und ein Kind in den Armen wiegend , trat das weiße Fräulein über ihre Schwelle . Er hätte ihr entgegenlaufen , ihr die bevorstehende Überraschung ankündigen mögen ; allein der lange , ernsthafte Blick , mit welchem sie zu ihm hinübersah , bannte seinen Schritt . Vielleicht war es nur das bunte Junkerkleid , das sie in Verwunderung setzte ; vielleicht verglich sie aber auch in ihrer nachdenklichen Art dieses durch die Liebe gerettete Kind mit dem siechen Wurm , den sie in der vorigen Minute auf der Streu sich hatte winden sehen und den sie zur Beschwichtigung in das Freie trug . Und als ob es diesem Mädchen bestimmt sei , die verborgensten Lebenskeime in dem Knaben zu erwecken , drang sein stiller Blick ihm in das Herz . Zum ersten Male fühlte er sich gemahnt an die Brüder , die in der Welt umherirrten , vielleicht gestorben , verdorben waren , er wußte nicht , wo und wie . Es war kein Blutessehnen , das sich in ihm regte . Aber er sah sich zurückgedrängt auf seinen natürlichen Grund , und eine Aufgabe für seine Mannesjahre hatte sich angebahnt . Der Propst , der zur nächsten Frönerhütte vorangeschritten war , winkte Lydia zu sich heran ; sie legte das Kind in seiner Mutter Arm und eilte an Dezimus vorüber dem Vater nach . Von der Höhe herab flog jubelnd , mit ausgebreiteten Armen das liebe Röschen , das den verloren gegangenen Bruder im Kahne stehend erkannt hatte . Es gab einen und dann noch einen zweiten lauten , bunten Tagesschluß , in welchem Dezimus seines weißen Fräuleins still mahnenden Blick vergaß . Als er aber nach der Gutsherrin Abreise zum ersten Male wieder durch die Schlucht in das Tal hinunterstieg , stand er wie erstarrt : das Hutmannshaus war verschwunden ; abgetragen bis auf den Grund , die arme Frönerfamilie zeitweise in einem Nebenbau des Schlosses untergebracht . Tag für Tag trieb es den Knaben nun hinunter an den leeren Platz , und Tag für Tag sah er etwas Neues entstehen . Der vorhängende Felsen wurde abgetragen , der gewonnene Raum geebnet , ein frischer Grund gelegt , Mauer um Mauer aufgezogen ; noch vor Winters stand ein sauberes kleines Haus an Stelle des armen Nestes , in welchem er das Erdenlicht erblickt hatte . Im Laufe der Zeit wandelten , eine nach der anderen , sämtliche Frönerhütten sich in freundliche Wohnstätten um , wurde die Straße gepflastert , von Bäumen eingefaßt und so zu der nettesten im ganzen Dorfe hergestellt . Es war nicht Fräulein Lydias frommer Liebessinn , welcher diese Umwandlung bewirkt oder auch nur angeregt hatte ; es war Fräulein Thusneldas Schönheitssinn , der empört worden war , als sie bei der Auffahrt zu ihrem Väterschloß sich derartig von Verfall und Unflat umgeben sah . » Unter einem italienischen Himmel erträgt sich das allenfalls , « hatte sie zu Freund Blümel gesagt ; » hier aber will ich selbst als Leiche diesen Ekelweg nicht noch einmal passieren . « So griff sie denn tief in ihren Säckel , erhob den Ortspfarrer zu ihrem Schatzmeister , seine Gattin zu ihrer Werkführerin und spornte zur Eile . Denn wer über das siebenzigste Jahr hinaus sich noch eine Grabesstraße anlegen will , der darf nicht lange fackeln lassen . Dezimus hatte diesen Zusammenhang bald genug erfahren . In seiner Phantasie aber schwebte das weiße Fräulein , so wie er es zum letzten Male aus seinem Geburtshause hatte treten sehen , als Engel des Trostes über der erneuerten Stätte . Und mit dem natürlichen Wege , auf welchen jener stille Blick wie ein Leitstern ihn gewiesen hatte , soll seine Knabenstufe abgeschlossen sein . Der Kampf am Jugendhimmel Und wieder ist nahezu ein Stufenjahr zurückgelegt ; solch eine Spanne , in welcher die Knaben Jünglinge , die Männer Greise werden , die Greise ihre Augen schließen , und deren sachter Wandel in dem Pfarrhause von Werben nichts geändert hat , als daß nur noch zwei Kinder darin glücklich sind . Aus dem Röschen ist eine Rose geworden , die holdeste Blüte in Konstantin Blümels Töchtergarten ; Bruder Dezimus , nach wie vor ein frisches Hirtenblut , ist fortgeschritten auf ebener Bahn und steht jetzt dicht vor jener hohen Schwelle , die aus der Vaterhut in die Freiheit führt . Kurze Zeit nach der Gutsherrin Wiederabreise hatte der Propst an Pastor Blümel die Bitte gerichtet , seinen Pflegesohn den mathematischen Unterricht mit Martin , dem ältesten der Hartensteinschen Kinder und vier Jahr mehr zählend als Dezimus , teilen zu lassen . Der Vater machte kein Hehl daraus , daß dem Knaben alles Lernen ohne treibenden Sporn schwer falle . Sei nun bisher Schwester Lydia selber in alten Sprachen seine Studiengenossin gewesen , so müsse auf deren Teilnahme bei jener strengen Disziplin doch füglich verzichtet werden ; und eben in ihr wäre eine bedeutendere Ausbildung geboten , da Martin sich für die militärische Laufbahn entschieden habe . » Der Verzicht , ihn zu einem Diener unseres Amtes heranzuziehen , ist mir hart angekommen , « äußerte der Propst . » Leider aber hat er die schmiegsame Natur seiner Mutter geerbt , und was zu anderer Zeit paradox klingen würde , für die heutige gilt , daß der geistliche Stand mehr Energie erheischt als der des Soldaten . Der letztere schließt die Selbständigkeit aus , welche jener bedingt . Mein zweiter Sohn mit seinem lebhafteren Temperament wird , will es Gott , die Hoffnung erfüllen , die ich auf den ältesten gesetzt hatte . Ich hätte Martin nun gern bis nach seiner Konfirmation unter der Zucht meines Hauses erhalten ; schlügen Sie mir meine Bitte indessen ab , würde ich mich genötigt sehen , ihn schon jetzt dem Hannoverschen Alumnat einzureihen