Die Einführung dieses Knaben in seine neue Heimat , « antwortete er ernst , indem er den Schlafenden von seinen Armen auf das Bett in meinem Zimmer niederließ . Ich witterte so etwas von einer Anwandlung Muhme Justines in dem geistlichen Herrn , entgegnete daher verstimmt , daß ich auch ohne sein Bemühen den kleinen Mönch im Kloster Laurentii glücklich abgeliefert haben würde . Er schwieg ; doch konnte mir eine gewisse bängliche Unruhe an dem gelassenen Manne nicht entgehen , und als er auf meine Frage : ob er etwas auf dem Herzen habe ? seufzend den Kopf senkte , rief ich : » Ich bitte : keine Vorbereitungen , Freund ; meine Eltern - - « » Sind gesund und wohlgemut in Erwartung der geliebten Tochter , « antwortete er . » Und Dorothee ? « drängte ich weiter , da mir die Bekümmernis auffiel , mit welcher sein Blick auf dem Knaben ruhte . » Ist Dorothee krank ? « » Nicht krank , nur - « » Nur ? « » Verheiratet , oder so gut wie verheiratet . « » Mit Christlieb Taube , also doch ! « » Nicht mit Christlieb Taube , aber mit - « » Mit - ? « » Mit Siegmund Faber ! « Mit Siegmund Faber ! Das war denn nun freilich eine Neuigkeit , die mir das Blut im Herzen stocken machte . Ich hatte ja niemals weder an seinem Leben noch an seiner Heimkehr gezweifelt ; aber so unvorbereitet , so rasch am Ziel - ich fiel wie vernichtet in einen Stuhl . » Sahen Sie ihn ? « fragte ich nach einer langen Pause . » Nicht ihn selbst , « versetzte er . » So sahen Sie Dorothee ? « » Auch nicht . « » Von wem erfuhren Sie denn aber - - « » Von Ihrem Herrn Vater , Fräulein Hardine . « » Wann , wann , wann - - « » Gestern nachmittag , als ich kaum von der Reise heimgekehrt war . « » Und wissen Sie , glauben Sie , daß Dorothee ihm die Wahrheit bekannte ? « » Ich weiß es nicht . Aber Sie , meine junge Freundin , die Sie sie besser kennen als ich - glauben Sies ? « » Nein ! « sagte ich entschieden , und auch er schüttelte den Kopf . » Und dennoch verheiratet , wirklich verheiratet ? « fragte ich . » Das letzte Aufgebot sollte heute , Sonntag , stattfinden . Wenn die Trauung vielleicht bis morgen verschoben worden ist , so geschah es in Erwartung Ihres Eintreffens , Fräulein Hardine . « » Heute morgen erst , und Sie erfuhren es gestern , Mann ! « schrie ich auf , indem ich entrüstet seinen Arm schüttelte . » Sie hatten Zeit , warum schritten Sie nicht ein ? « » Weil dieses Einschreiten nicht begehrt worden ist , « antwortete er ruhig , » und weil es , unbegehrt , in so später Stunde zwecklos oder gefahrvoll gewesen sein würde . « » Es wird , so Gott will , noch zu dieser Stunde nicht zwecklos sein und die höchste Gefahr abwenden , nicht herbeiführen , « sagte ich und stürzte aus der Tür . Nachdem ich den Wirt beauftragt hatte , mir augenblicklich Extrapost zu bestellen , kehrte ich zu dem Propst zurück , der nachdenklich neben dem schlafenden Knaben saß und dessen Hand in der seinen hielt . Ich rannte ungeduldig im Zimmer auf und nieder . Nie im Leben hatte ich mich in ähnlicher Aufregung gefühlt . Jede Minute des Wartens deuchte mir eine Ewigkeit , ich hätte mir Flügel anheften und von dannen fliegen mögen . » Beruhigen Sie sich , liebes Kind , « mahnte endlich der Freund . » Sie erreichen Ihr Haus noch in dieser Nacht . Einige Minuten früher oder später - allemal früh genug oder zu spät . « » So erzählen Sie , « rief ich , und der alte Herr hob mit absichtlicher Breite also an : » Da ich Ihren Brief in Jena vorgefunden , verweilte ich dort noch ein paar Tage in heiterster Stimmung , unter literarischen Anregungen , mit deren Schilderei ich Sie heute verschone , Fräulein Hardine . Erst gestern bei grauendem Tage trat ich die Postfahrt nach meiner Anstalt an . Mein gutes Glück gewährte mir einen wissenschaftlich und weltmännisch gebildeten Reisebegleiter , der sich mir , wenn auch nicht dem Namen nach , als eine ärztliche Notabilität Berlins dokumentierte . Das Gespräch , wie das heuzutage kaum anders mehr möglich ist , sprang von unseren beiderseitigen friedlichen Neigungen bald genug hinüber auf das wildbewegte Zeitwesen , auf die phänomenalen Entwickelungen , welche dasselbe gleichsam aus dem Staube in die Höhe wirbelt , um sie ebenso jach wieder in Staub und Kot zurückzuschleudern ; und wie hätte da der jugendliche Feldherrngenius unerwähnt bleiben sollen , der sich , zur Stunde kaum noch geheimnisvoll , zu einem Zuge rüstet , um über Meer und Land den letzten unbezwungenen Feind des republikanischen Frankreich in der Grundfeste seiner weltgebietenden Macht zu erschüttern . Ich habe , so erzählte im Verlaufe der preußische Herr , über den General Bonaparte die interessantesten Aufschlüsse erhalten durch einen Augenzeugen seiner vorjährigen italienischen Gloria . Dieser Augenzeuge , mit dem ich kürzlich meine kleine Erholungsreise antrat , ist ein Mann meines Fachs , der seit etlichen Wochen unser nach Kuriositäten so lüsternes Berliner Völkchen in ein wahrhaftes Fieber versetzt , und , wennschon mir ein gefährlicher Rival , in der Tat verdient , als merkwürdiges Beispiel aufgeführt zu werden , wie eine superiore Natur das rohe , blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff für einen eng begrenzten , friedfertigen Beruf mit Geschick und Glück zu verwerten vermag . Denken Sie sich , mein Herr , einen blutjungen sächsischen Barbier , lediglich als Autodidakt in einer mühsam aufgesuchten Praxis geschult , der in Preußens kriegerischen Rüstungen einen günstigen Spielraum für sein