. Sollte er sie alle für Verräter halten , sie alle verachten ? » Nein « , rief das Mädchen , » mir soll er nichts vorwerfen können ! « Sie kam mit dem Vorsatze heim , dem Vater einstweilen kein Wort von der Sache zu sagen . Sie hielt ihn auch , als der Vater sich etwas besorgt über die Anwesenheit eines Grenzjägers im Dorfe aussprach und dabei merken ließ , daß ihm jetzt eine Durchsuchung des Hauses nicht lieb wäre , da man sich für den Winter , wo die Schleichwege über die Berge ganz ungangbar seien , mit manchem einrichten müsse , was so ein Grünrock nicht zu sehen brauche . Am anderen Tage berichtete die Magd , auf dem Stighof sei laut die Rede davon , der Soldat , Dorotheens Bruder , werde im Winter den Knechtsdienst dort versehen ; allem nach müsse die Sache schon abgekartet sein ; wenigstens Hans und Dorothee täten so gegenüber der alten Stigerin , die sich immer noch nicht recht darein ergeben wolle . » Hat Hans denn einen Narren gefressen an diesem Gesindel ? « fuhr der Krämer auf . » Was soll aus dem Tropfen werden , wenn er in Haus und Stall und Feld nicht mehr von diesen Leuten loskommt ? « Zusel war über den Bericht der Magd sehr erfreut . Eine Zentnerlast ward ihr damit vom Herzen genommen . Unbefangen teilte sie dem Vater das Geheimnis mit , welches sie belastet und ihr eine schlaflose Nacht gemacht hatte . » Es ist dem Burschen doch zu gönnen , daß er wieder auf einen ordentlichen Platz kommt « , schloß sie . » Er soll nicht sein Lebtag uns fluchen und alle Schuld an dem , was er tut oder unterläßt , auf uns werfen können . « Zu einer anderen Zeit hätte dem Krämer diese Rede auffallen und ein scharfes Verhör seines Kindes , das noch nie in der Art mit ihm von Hansjörg redete , hervorrufen müssen ; jetzt aber war er so mit seinen Gedanken beschäftigt , daß er den Vorwurf gar nicht merkte , der für ihn in dieser Rede lag . » Schleichhändler « , murmelte er , in der Stube herumschreitend , » erst Schwärzer und dann Knecht , erst ein freies , bewegtes Leben , wie es dem Waghals ansteht , und nun in das Einerlei auf dem Stighof , wo er in der Woche kaum den Schwärzertaglohn verdient bei aller Plage . Das geht nicht mit rechten Dingen zu . Gewiß , er wird nicht Hansens , er wird Dorotheens Knecht . Für sie will er arbeiten und Hansen dabei sagen , was alles er ihm habe opfern und für ihn tun müssen . Will doch dem Trotzkopf einmal sagen , was er da macht und - ja , das muß gehen . « Der Krämer sah in dem Soldaten so gut den Rächer als Angelika . Drum sollte , mußte er bei seinem Stolz und Trotz erfaßt , gebunden und in eine Tiefe gezogen werden , wo auch Zusel ihn schaudernd sah , ohne daß noch ihr Mitleid sich regte . Der Krämer hatte seinen Plan fertig , einen in jeder Weise vorteilhaften Plan . Tatendrang trieb ihn aus der engen Stube und ließ ihn nicht mehr ruhen , obwohl er nicht gleich ans Werk schreiten durfte . Noch nie kam es ihn so hart an , den geeigneten Zeitpunkt ruhig abwarten zu sollen , als jetzt . Lange stand er unter der Haustüre und sann auf eine Zerstreuung . Plötzlich schoß sein Kopf in die Höhe . Dann verschwand er im Haus , um eine Minute später mit Hut und Stock wiederzukommen . Rasch lief er hinunter zur Brücke , und eine Minute später war er auf dem Wege , der an der grauen , vielköpfigen Fluh neben der Ach zu den Dörfern der Sonnenseite führt . Beim Schneeschmelzen oder wenn die Ziegen im Wald ob dem kahlen Felsen weideten , sah er von seinem Hause aus hier schon manchen Stein herunterstürzen , der dann , auf dem eingesprengten Felsenweg zu vielen Stücken zerschlagen , weiße Ringe in die blaue Ach graben zu wollen schien . Freilich ging er hier auf dem Kirchweg für die guten Bauern da droben , die ihn frommgläubig einen Glücksweg nannten , aber sein Blick blieb wie gebannt an den in den Felsen gehauenen Kreuzen , die , geschehenes Unglück verkündend , jenes Glaubens zu spotten schienen . Wie leicht konnte aus hundert Ursachen da droben einer der vielen Steine sich lösen und ihn unversehen in die Ewigkeit bringen . » Ich will beichten , nächstens , sobald ich mit Hansjörg im reinen bin , und dem steht es ja frei , zu tun , was er will . Ich werde ihn nicht zwingen , nur reden mit ihm « , rief er aus , immer zu den hervorhängenden Tannen aufschauend , als ob er damit den Geist beschwichtigen wollte , welchen die Sage als Wächter für fromme Kirchgänger da oben hausen ließ . Er rief so laut , daß der Geist , wenn er auch nur mit Menschenohren versehen war , es trotz dem Tosen der Ach hören mußte . Dabei lief er immer schneller , denn zurück durfte er fast noch weniger als vorwärts , und der Schweiß stand ihm auf der Stirn , als er endlich mit einem fröhlichen » Gott Lob und Dank « unter dem letzten über den Weg herausragenden Felsenkopfe vorüber war . » Wenn jetzt Hansjörg da droben gestanden wär ' ! « dachte er noch zitternd und schloß die Augen ; aber der Bursche stand drohend vor ihm , bis er sie wieder öffnete und beinahe erstaunt die friedlich nebeneinander stehenden Häuser vor ihm sah , umkränzt vom herbstlich buntfarbigen Wald unter dem Felsen , der die wunderbar blaue Decke des Himmels zu tragen schien . Alles war so friedlich und still , daß er sich seine Aufregung nicht mehr zu erklären vermochte