aus der Zeit seines Hauslehrerlebens - und er wird sich ohne Zweifel freuen , an diesem Abend unter so viel halb oder ganz fremden Gesichtern auch einigen Bekannten zu begegnen . Diese zarte Rücksicht ehrt Sie , Collega , sagt Professor Snellius , dem Director die Hand drückend , wobei der elegische Zug um seine Nasenflügel deutlich hervortritt . Aber ich denke , Frau Director , die Rollen sind alle vertheilt , sagt Doctor Wimmer , der den » Max « hat und jeder Veränderung umsomehr entgegen ist , als seine geliebte Thusnelde , die » Thekla « lies ' t und er auf die Einstudirung seiner Rolle vier Wochen angestrengtesten Studiums verwandt hat . Ich habe Doctor Stein den Hauptmann gegeben , der noch nicht besetzt war , sagt Frau Director Clemens in dem Tone Jemandes , der keinen Widerspruch gewohnt ist und keinen Widerspruch duldet . Das ist eine hübsche kleine Rolle und er kann darin zeigen , ob er zu lesen versteht oder nicht . Ich hätte sie freilich gern einmal vorher mit ihm durchgelesen , aber er mag nun sehen , wie er fertig wird . Was Jägers betrifft , so habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald , die ebenfalls noch unbesetzt waren , zuertheilt . Aber , verehrte Frau Director , meint Doctor Kübel , sollten diese Rollen für unsere Debütanten wohl ganz geeignet sein ? Weshalb nicht , lieber Doctor ? fragt die Frau Director mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln . Ich meine nur , weil es ihnen gerade nicht besonders lieb sein dürfte , sich bei uns gleich das erste Mal als Mörder zu introduciren ? ruft Doctor Kübel . Frau Director , deren Stirn sich bei diesen Worten des scherzhaften Collegen in noch tiefere Falten gelegt hat , will etwas erwidern , vermag es aber nicht , da sich in diesem Augenblick die Thür öffnet , um Herrn und Frau Professor Jäger in ' s Zimmer zu lassen . Ah , mein würdiger Freund ! ruft Professor Jäger , nachdem er Clemens und Snellius begrüßt , dem Doctor Kübel , bei dem er selbst noch Unterricht gehabt hat , mit Wärme die fetten , weißen Hände drückend ; wie freue ich mich doch , mein hochverehrter Lehrer , Sie in so herrlichem Wohlsein anzutreffen ! Wahrhaftig , man möchte von Ihnen , wie Wallenstein von sich selbst sagen ; daß über Ihrem braunen Scheitelhaar die schnellen Jahre machtlos hingezogen . Ja , ja : mens sana in corpore sano - das habe ich in jener Zeit von Ihnen gelernt ; aber Sie haben selbst geübt , was Sie lehrten . - Herr Doctor Wimmer , ich freue mich ausnehmend , Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen ; Sie sind mir und meiner Frau durch ihre reizenden » Maiglöckchen « schon lange lieb und werth . Erlauben Sie , daß ich Sie meiner Gustava vorstelle ; ich möchte die Kornblumen und die Maiglöckchen gern zu einem Strauß vereinigt sehen ! Herr Doctor Breitfuß , ich bin glücklich , einem jungen Gelehrten von Ihren Verdiensten zu begegnen . Ihre herrlichen Monographien über Origines und Eusebius haben mir bei Abfassung meiner » Fragmente « die wesentlichsten Dienste geleistet . Ich bin entzückt , meinen Dank jetzt endlich persönlich abtragen zu können . Während so Professor Jäger im Kreise der Herren sich schlangengleich von einem zum andern windet , durchflattert Primula sylphenhaft den Cirkel der Damen . Sie sagt den älteren Damen ein verbindliches Wort ; sie beneidet Thusnelde und Fredegunde Clemens um ihre » reizenden , tiefpoetischen « Namen ; sie gratulirt Ida Snellius zu ihren Fortschritten im Portugiesischen und klopft Marie Kübel auf die erröthenden Wangen und nennt sie ein liebes , gutes Kind . Aber der College bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange , sagt Director Clemens , nach der Uhr sehend ; ich dächte , Auguste , Du ließest den Thee serviren . Wen erwarten Sie noch , Werthgeschätzter ? fragt Pastor Jäger den Director . Wessen Fuß trat noch über diese Schwelle nicht ? fragt Primula die Directorin . In demselben Moment , wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort öffnen , öffnet sich auch die Thüre und Oswalds hohe Gestalt erscheint in dem Rahmen derselben . Neunzehntes Capitel Das Eintreten des Nachzüglers erregte eine gewisse Sensation , um so mehr , als man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte . Oswald war in diesem Kreise vollkommen fremd . Er hatte bis jetzt nur mit dem Director , und auch mit diesem nur geschäftlich , verkehrt . Die anderen Herren und Damen vom Gymnasium hatte er zum Theil bei Gelegenheit seines früheren Aufenthalts in Grünwald hier und da in Gesellschaften gesehen , ohne ihrer besonders zu achten , oder von ihnen besonders beachtet zu werden . Heute Mittag , als er seine Visiten machte , hatte er , mit Ausnahme der Familie Kübel , Niemand zu Hause getroffen . Die Herren waren begierig , den neuen Collegen , die älteren Damen , einen jungen Mann , der möglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte , die jungen Damen die neue Acquisition für ihre geselligen Zusammenkünfte zu sehen , zu mustern , zu kritisiren . In Folge dessen entstand eine Pause in dem munter schwirrenden Gespräch und Aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn . Oswald schritt , uneingeschüchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken , auf die Frau Director zu , küßte ihr die Hand , entschuldigte sich mit wenigen Worten wegen seines späten Kommens und bat sie , ihn den übrigen Damen , die zu kennen er noch nicht das Glück habe , vorzustellen . Nachdem diese Ceremonie in aller Form ausgeführt , wandte er sich zum Director mit der Bitte , ihn mit den Herren bekannt zu machen ; darauf wieder zu den Damen , um noch einmal der Frau Director einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gespräch anzuknüpfen , auf welches die Dichterin mit ganz besonderem , auffälligem Eifer einging .