Hausvaters . Verstummt waren die hellen Stimmen ; der kleine Vogel sang nicht mehr , Ludwig sang nicht mehr , Luise sang nicht mehr . Der alte Mann erduldete die größten körperlichen Schmerzen , welche es gibt , die Qualen , die das Feuer dem menschlichen Leibe zufügt , und die treueste Pflege konnte diese Pein nicht im mindesten lindern , sowenig wie die Kunst des Sanitätsrats Pfingsten es vermochte . Nur Mannesmut konnte hier helfen , und mit dem Mut des Mannes trug Johannes Tellering , was ihm auferlegt worden war . Gewöhnlich erdulden die niedern Klassen körperliche Leiden und Anstrengungen gewisser Art mit weniger Ausdauer als die höhern , da ihnen das moralische Gegengewicht fehlt ; aber hier war das nicht der Fall . Mit eiserner Kraft wehrte sich der verstümmelte Greis gegen seine Schmerzen , und nur selten verkündete ein leises Stöhnen den Seinigen , was er litt . Sie wußten es aber darum doch ; denn sie kannten den Mann , den Vater ; und die alte Frau rief mehr als einmal , die Hände ringend : » Schrei doch ! schrei dich doch aus , Johannes ! Es lindert - schrei dich aus . O Gott , Gott , beiße die Zähne nicht so zusammen ! « Aber Johannes Tellering schrie nicht ; er lächelte sogar und ächzte : » Gute Alte - noch nicht ! Vielleicht später ! « Er hatte das Augenlicht verloren ; aber hinter den geschlossenen wunden Lidern tanzten noch immer die blutigen Flammen , in welche er geblickt hatte , ehe er unter dem niederstürzenden Balken die Besinnung verlor . Alles trug der alte Held standhaft , das vollständige Gegenbild zum Bankier Wienand . Mit einem Teile der Hausgenossenschaft von Nummer zwölf wurde die wackere Familie durch das Unglück , welches sie betroffen hatte , noch fester verknüpft . Zu allen Tageszeiten sprachen der Polizeischreiber Fiebiger und sein Robert in der Hofwohnung vor , und der Schreiber war auf seine Weise ein unbezahlbarer Trostbringer am Krankenlager ; seine Gegenwart half der Familie , half dem Leidenden über manche trostlosen Augenblicke hinweg . Von noch größerm Wert aber war für den Meister Tellering die Gegenwart des Sternsehers Ulex , der von seinem Giebel niederstieg und halbe Tage lang neben dem Bette des Meisters saß . Der Gelehrte und der Handwerker verstanden sich vortrefflich ; - ein großes Stück Phantasie steckt im Volk und in der Philosophie , und damit bewegen beide alles , was sie erfassen . Zu den höchsten Höhen des Reichs der Geister vermag die ungeschulte Phantasie des Volkes sich zu erheben ; nieder zu den Kindern und Einfältigen kann die echte Philosophie steigen ; sie stehen ja doch beide vor denselben unlösbaren Fragen - Immanuel Kant , der Königsberger Professor , wie Jakob Böhme , der Görlitzer Schuster . Mit dem armen Meister Johannes hob sich der dichterische Denker über die Finsternis und den gewaltigen Schmerz empor zu jenen Regionen , in welchen es keine Finsternis und keine Schmerzen gibt . In den Momenten verhältnismäßiger Ruhe , welche dem Verwundeten zuteil wurden , erzählte der Gelehrte dem Handwerker von jenen philosophischen Helden der klassischen Welt , welche den Schmerz durch Willenskraft gebändigt , welche Armut , Sklaverei , den furchtbarsten Tod mit stoischem Gleichmut ertragen hatten . Der Mann der harten Arbeit begriff vollständig , wenn Ulex von jenem Theramenes sprach , welcher den Giftbecher lächelnd leerte und dabei sagte : dies sei dem schönen Kritias - seinem Hauptankläger - zugetrunken . Wie fest faßte Johannes Tellering die Hand des Sternsehers , als dieser vom Sokrates erzählte , wie der sich gegen die Richter wandte , nachdem er sein Todesurteil vernommen hatte : » Wohlan denn , wir gehen nun jeder seines Weges ; ihr an eure fernem Geschäfte , ich zum Sterben ; aber die unsterblichen Götter wissen , wem das Beste zuteil geworden ist ! « » Es ist ein großes Drängen in der Welt « , sagte der Sternseher , » was uns nicht gewaltig stößt und quetscht , das zupft uns wenigstens . Wann gehen wir den Weg , den wir gehen wollen ? In der Jugend achten wir nicht darauf . Solange das Blut frisch durch die Adern rinnt , folgen wir dem Zuge des Blutes ; aber nachher ... ? ! Drei Cherubim , drei Engel des Todes , gibt es , Schaddai , Uriel und Adonai , vor ihnen müssen alle Engel des Lebens , alle Seraphim , die glänzenden Flügel zusammenfalten ; aber auch die Todesengel stehen nicht am Ende der Dinge : über allen Göttern sitzt Gott . Wer ist glücklich ? Es war einmal ein großer Feldherr und zugleich ein tugendhafter Mann in einer verderbten Zeit , Phokion hieß er und war aus der Stadt Athen in Griechenland ; - niemand hatte gesehen , daß er weinte , niemand hatte gesehen , daß er lachte ; man behauptete , der Mann sei glücklich . Noch einen andern hat ' s gegeben , der wollte mit den Göttern um die Glückseligkeit streiten , vorausgesetzt , daß er Wasser und Brot hätte - man hat ihn später viel verlästert , er war sehr gut und sehr weise , Epikuros hieß er . Lieber Meister Johannes , der Himmel ist uns in jedem Augenblick , an jedem Orte gleich nah und gleich fern ; - der rechte Mann berührt ihn auch in der dunkelsten Stunde mit der Hand , und keine Erdenmacht ist imstande , ihm das kleinste Stück davon zu entreißen . - Es gibt soviel Trost in der Welt , Meister , und ein nicht gering anzuschlagender liegt in folgendem , welches vor fast zweitausend Jahren gesagt wurde . « Der Sternseher zog das » Encheiridion « des Epiktet aus der Tasche , blätterte einen Augenblick darin und paraphrasierte dann dem Kranken das dreiundzwanzigste Stück : » Bedenke immer , das Leben sei dir gegeben , wie dem Schauspieler eine Rolle im Drama vom Dichter gegeben wird . Spiele