. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich über das Urtheil der unausgewählten Menschen hinweg . Guido Stromer war Pietist , solange die Fürstin lebte . Jetzt aber , wo sich die äußern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten , jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüths hervor . Es war ihm oft , - seine arme Frau litt sehr darunter - als müßte er beengende Fesseln brechen , als wäre diese häusliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht würdig , als wären ihm dieses Weib , diese fünf Kinder nur wie von einem bösen Traume angezaubert worden . Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen . Die Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglücklichen , unruhigen Manne . Er sah das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt gewesenen Erscheinungen wieder so sonderbar lächeln , so eigenthümlich nicken und winken . Die nächsten Ansprüche seines Berufs kamen ihm so qualvoll , so geringfügig vor , und obgleich er daheim immer eine gewisse Tobsucht , selbst in seiner frühern demüthigen Periode gezeigt hatte , so war er doch seit einiger Zeit , wie Alle wußten , förmlich aus Rand und Band , warf , die Mägde erzählten ' s , schon in der Frühe seine Kleider dahin und dorthin , perorirte laut , wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und sogar der Spiegel Beifall schenken wollte . Er war sich unbewußt ein Vierziger geworden . Er sah , daß ihm die » Harmonie der Seele « zwischen ihm und einer fürstlichen Durchlaucht die schöne , unersetzliche Zeit von seinem achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte . Er hatte nie zurück , nie vorwärts geblickt . Er hatte sich die große Herrschaft , die er auf die Fürstin ausübte , mit all den interessanten damit verknüpften Anregungen , den Correspondenzen , den Beziehungen zu vornehmen Menschen genügen lassen . Er hatte fast mehr auf dem Schlosse als unter seinem Pfarrdache gelebt . Und nun war die Fürstin todt . Der ausgestreute Same brachte keine Früchte . Er sah , daß er seine Jugend verstreut , verzettelt hatte . Was besaß er ? Das Gefühl einer unsäglichen innern Nichtbefriedigung . Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn . Er rannte im Hause , im Felde , im Walde mit seinem langen gelbblonden , wirren Haar wie ein Besessener umher . Er quälte seine seit Jahren tief verschüchterte Frau , zankte ohne Grund die Kinder . Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter derselben , als die Fremden auf ' s Schloß kamen ! Da wurde ihm anfangs wohl , da schien sein ganzes Wesen elektrisirt . Er bekämpfte wohl Schlurck ' s Neologie , tadelte wol Reichmeyer ' s Indifferentismus , aber es waren doch Damen da , die ihn ehrten , anerkannten , die Gräfin Bensheim machte wieder einmal einen flüchtigen Gegenbesuch auf Hohenberg , Frau von Sengebusch , die liebenswürdige Frau von Sänger , ... alles Das gab wieder eine Sammlung , eine Anregung , einen Reiz und die innere schlummernde » Poesie « wachte auf ; vollends , als Melanie zuweilen an seiner Seite rauschte .... In der Art , wie manchmal Guido Stromer jetzt sein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte , wie er noch die rüstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialität aus seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte , glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre . Auch ihm war Melanie gefährlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an , was in ihm wol schlummern , in ihm gähren mochte ... Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt von der um einen runden Tisch sitzenden und Thee trinkenden Gesellschaft an die offenen Fenster postirt , wo er eine Cigarre rauchte , deren Dampf er in den Garten hinausblies , als endlich die Flügelthür aufging und Melanie eintrat . Der Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens . Sie hatte eine völlig veränderte Toilette gemacht . Etwas blaß von dem Ritt , der nach einer momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und Erschöpfung zurückläßt , hatte sie , dieser Erfahrung sich wohl bewußt , ein Kleid von rosafarbenem Krepp gewählt , das in drei mächtigen mit Atlasbändern verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloß . Hals und Arme von blendender Weiße waren unbedeckt und ließen nur an den Rändern ein gesticktes spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern . Dann und wann zog sie in einer sehr anmuthigen , graziösen Bewegung eine Echarpe von weißem Chinakrepp über Schultern , die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides verführerisch hervorglitten und den schönen gerundeten Nacken zeigten , den die Echarpe ebenso rasch wieder verbarg . Über dem vollen zierlich zusammengelegten schwarzen Haar lagen , zurückgekämmt mit goldenem Kamm , die Vorderlocken und ließen die Schläfe so frei erblicken , daß man das vollendete Bild griechischer Schönheit zu sehen glaubte . Die Centifolie , die voll und schwer noch als letzter Schmuck im Haar befestigt war , gebührte ihr mit ganzem Rechte , wie ihr jede Blume , jede Frucht gebührt hätte , wenn sie ein anderer Paris der größten Schönheit hätte zuerkennen sollen . Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre , Herr von Reichmeyer die Zeitungen von sich . Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Theetassen auf den Tisch . Sie hatten ihr Erstaunen über die rasche Metamorphose auszudrücken , deren einzelne Bestandtheile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von den Frauen analysirt wurden . Ich bitte , sagte Melanie , schweigt nun ! Löst mir nicht Alles , was da jetzt fertig und angepaßt an meiner irdischen Hülle sitzt , gleich in Stoffe und in Ellenwaren auf ! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins . Wer mir jetzt von Volants und dergleichen spricht , thut meinem Herzen weh