ihnen begreifen , daß sie , die so allgemein Ausgezeichnete , kein einziges der ihr von allen Seiten gebotenen Herzen annahm , daß man nirgends die Anknüpffäden eines werdenden Verhältnisses gewahrte , obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewöhnliche Theilnahme entgegenleuchtete , obschon unter dieser Männerschar mehre einer mühsam gezügelten Glut der Leidenschaft für sie beschuldigt wurden ; die anmuthige Frau nahm das Alles hin , als müsse es so sein , es überraschte sie nicht , - vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefährlich . St. Luce schien in ihre Nähe gebannt , er hing an ihrem Auge , am flüchtigsten Ausdruck ihrer Züge ; er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den kleinsten ihrer Wünsche zu errathen . Es hatte etwas seltsam Rührendes dies stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch . Er stand noch im kräftigen Mannesalter , aber die schweren , schlecht geheilten Wunden , der bei Montmartre zurückgelassene Arm , das steif gewordene , gelähmte Bein hatten ihn fast zum Greise gemacht , sie ließen ihn um zehn bis zwölf Jahre älter erscheinen , als er war . Daß ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefühl zur schönen Deutschen hinzog und ihn an ihre Schritte fesselte , ließ sich leicht bemerken , doch lag in der sonderbar verlassenen Stellung der jungen Gräfin eine wunderliche Entschuldigung ; daß sie eines führenden Arms , eines freundlichen Beachtens bedürfe , sah Jedermann , und somit schien die Wahl des ältesten ihrer Verehrer zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu können . Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft , wie im Leben . Ohne das Gefühl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu haben , hatte Roderich damit begonnen , ihr eine volle , ja vielleicht übertriebene äußere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen . Nach und nach hatten sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfältig verhehlten Leidenschaft noch andere Gründe zugesellt , seine Frau auf eine Weise zu vernachlässigen , die weder mit seiner öffentlichen Stellung , noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und Sitten der großen Welt im Einklange stand , so leicht dieselben auch waren . Daran thut er indessen nicht besonders Unrecht , sagte Baron Luthbert ; man kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben ! Und übrigens ist ihr alter Verehrer St. Luce auch nur - eine Uebergangsperiode . Die kleine Capacelli ist allerliebst ! Man sagt , Kronberg wird sie gar nicht wieder auftreten lassen . Ganz gut , erwiderte Herr von Feldenau , aber man muß die Dehors beobachten ! Daß er die Sängerin in seiner eigenen Equipage fährt , ist unverantwortlich , er kann ihr ja ihren besondern Wagen halten ! Sie meinen , weil sie keine Frau von Stande ist ? Ja , schauen ' s , mein bester Baron , Verhältnisse der Art wird es geben , so lange die Welt steht . Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade erzeigen , unserer Equipage sich zu bedienen , das fällt nicht auf , da ist nichts dagegen zu sagen ; aber so ein hübsches Weibchen sie ist , die Capacelli - Das Gespräch ging in leises Flüstern über . Ach , was , sagte endlich Luthbert , wir haben es Alle nicht besser gemacht ! Es schlug zehn Uhr ; Kronberg trat eben mit einigen Herren vom Diplomatencorps in den Saal . Die Theater waren zu Ende , die Gesellschaft vergrößerte sich und wurde lebendig . Es ward Musik gemacht und in einem Nebensaal tanzten die jungen Leute . Nein , sagte eine schöne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen , ich mag dies kalte Feuer nicht ; man hat keinen solchen Blick ohne innere Empfänglichkeit ! Die Gräfin Kronberg spielt Komödie und täuscht uns Alle ; ich mag dies Andersscheinen , als man ist , nicht . Mein Gott ! erwiderte ihre Nachbarin , sieht denn Niemand , daß diese arme Frau nur kalt scheint , weil sie an innerer Glut zusammenbricht ? Die Meisten sehen es wirklich nicht ; ich möchte aber das Zauberwort kennen , das ihr inneres Leben löst , ich lese es auf keiner dieser Stirnen . Geben Sie Acht , da ist er ! bemerkte hinter ihnen eine Stimme . Aus der Thüre des Nebensaals trat Gotthard ! sein fragender Blick suchte Annen . Ein interessanter Kopf ! sagte die blasse Frau . Wer mag das sein ? Gotthard war eine halbe Stunde früher von Berlin zurückgekommen , wo er mehre Monate zugebracht . Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt . Mitten in der ernstesten Unterhaltung mit einigen Koryphäen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet , daß er Beide beobachten konnte . Gotthard sah es im Spiegel ; aber er hatte sie drei volle Monate nicht gesehen , seine Züge drückten das Aufjubeln seines Herzens aus . Anna ' s Gesicht überflog ein brennendes Roth . Beide grüßten sich zugleich und begannen schon nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gespräch , in dem sie eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen meinte . Den liebt sie ? fragte die blasse Frau . Aber wer ist es ? wiederholte sie . Ein junger Envoyé des preußischen Hofs , nicht eigentlich der Gesandtschaft attachirt , aber doch mit ihr in Beziehung ; er soll bereits im Ministerium als Geheimer- und Cabinetsrath Sitz und Stimme haben , erzählte Gräfin Schlichten . Man sagt , er sei ein - sie flüsterte ihrer Freundin einen Namen in ' s Ohr - und werde eine enorme Carrière machen . Jetzt sieht er sie - jetzt redet er sie an ! Die blasse Frau seufzte und versank in wahrscheinlich düstere Träume und Erinnerungen , denn sie wurde noch starrer und bleicher , und sagte kein Wort mehr . Da ist der junge Gotthard wieder , bemerkte ein ungarischer Offizier seinem Nachbar . Sehen Sie doch , welche