Dich sollen Dir eine kindisch frohe und mitfühlende Beschreibung aller dieser Wienerischen Lustbarkeiten liefern . Auch von der herrlichen , wunderbar großartigen Stephanskirche , vor der ich noch immer in staunender Ehrfurcht vorübergehe , und von der Aussicht über die Stadt , welche ihr alle übrigen an Höhe überragender Thurm gewährt , rede und schildere ich Dir heut nichts , gute Madonna ! Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Schildern und zum Beschreiben , und ich könnte denken , ich wäre krank , so schreit mein Herz in mir , wie eine zersprungene Saite . Ich fuhr am heutigen Morgen in die schöne Vorstadt Mariahilf , um die Esterhazysche Gemälde-Gallerie zu besuchen . Und davon laß Dir jetzt erzählen , liebe Heilige ! Dies trifft mit der Stimmung meiner Seele zusammen , und hat auch in die Deinige etwas hineinzureden . Ich war ganz allein in den schönen , regelmäßig nach der Schulen Ordnung abgeheilten Sälen . Diese Gallerie ist besonders reich an spanischen Malern , von denen sie große und seltene Schätze besitzt , aber nachdem ich nur erst eine flüchtige Ueberschau durch die Reihen dieser Schule gehalten , blieb ich vor einem ungeheuern Bilde des Niederländers Rembrand stehen , vor dem ich wie eingewurzelt verweilen mußte , und nicht wieder mich abzuwenden vermochte . Dies Bild traf mich wie ein Schlag auf die Brust , und es war , als gerönne mir das Herzblut und als stiegen Thränen in meine Augen , die des Daseins ganzen Schmerz ausweinten . Mit wankender Stimme bat ich den Aufseher , mir doch dies Bild aus der Wand herauszuschrauben , damit seine dunkelbräunlichen Töne in eine noch schärfere Erhellung gegen das Licht sich mir rückten . Er that es , und nun traf es mich blitzend klar , nun traf es mich mit seiner ganzen niederschmetternden Gewalt und überirdischen Hoheit . Nun stellte ich mich bald hier , bald dort hin vor das Bild , und hielt die Hand vor die Augen , und griff an mein zuckendes , scheu zurückbebendes Herz . Wer hat nicht von diesem Bilde gehört ? Es ist Christus vor Pilatus , und Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld ! Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld ! O , es ist ein ungeheuerer Weltgedanke , der da in diese stille erhabene Gruppe sich zusammengedrängt hat ! Und der Maler hat mit einem tiefsinnigen Ernst die ganze Größe des Moments in sich durchempfunden , und ein mächtiger Geist der Erfindung ist in seinen schöpferischen Pinsel geströmt . Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen Richter ! Diese Gestalt des Christus ist die merkwürdigste ; sie ist unvergleichlich und unbeschreibbar . In dem kräftig gedrungenen Körper , in der herausgehobenen Stärke der gefesselten Glieder , liegt ein heimlich gewaltiges Bewußtsein des Gottes , das sich nur selbst verschweigt , aber zugleich überstiegt sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer , die es ausspricht , daß der Gott seine Stunde und sein Schicksal erfüllt . Die große welterschütternde Frage : cur deus homo ? stürmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein . Und der Blick gleitet hinüber auf den Knecht , welcher den gebundenen Gott festhält . Dies Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht , und nicht minder darin die Größe seiner Anschauung ausgedrückt . Es ist die nichtsahnende Dummheit , die auch von Gott erschaffen ist , damit Einer da sei , der in der Welttragödie die Bedientenrollen versehe . Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts desto weniger tragisch ; sie gehört eben in die Tragödie hinein . Die welthistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer schneidenden Kälte und Ruhe des Pinsels ausgemalt . Der Knecht hält den Gott , damit der Gott nicht etwa entlaufe . Fest hält der Knecht den Gott , und doch ist der Gott keinem ferner und unerreichbarer , als ihm . Mahnender tritt die Empfindung der göttlichen Nähe den Pilatus an . Sein wehmüthig edles Gesicht , während er sich das Wasser über die Hände schütten läßt , ist sehr schön , und ihn überkommt eine Ahnung von Dingen , die er nicht zu begreifen noch zu bewältigen vermag . Aber er muß das irdische Recht vollstrecken , und er tröstet sich mit der Pflicht . Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden , und hier wäscht die Pflicht dieser Welt ihre Hände in Unschuld . Da ist der Gott verrathen , und jetzt gedenkt man daran , wie sein Reich nicht ist von dieser Welt . Aber durch Pflicht und Dummheit muß der menschgewordene Gott in den Tod stürzen , denn er will das ganze Loos des Menschlichen theilen , weil er Fleisch geworden ist . Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt . Und doch wäscht Pilatus seine Hände in Unschuld ! Cur deus homo ? diese Frage machte mich immer ernster , diese Frage machte mir tieftraurige Gedanken . Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab , und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenständen , bald schlug ich die Augen wie geblendet nieder . In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine unendliche Zerrissenheit ausgesäet , seufzte ich ! Gott wohnte im Himmel , und die Menschen wohnten auf der Erde , und das war die ursprüngliche Weltanschauung , es gab eine andere nicht . Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die seltsame Ahnung einer längstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem , nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden , hindurch . Daher in den Urgeschichten aller Völker der wunderbare Frühsonnentraum des Paradieses . Und durch jede Brust ging nun das ewige Ziehen und Bewegen nach der Einheit , sie war der Universalschmerz des gesammten Geschlechts . Der Schmerz ist der Vater aller Bewegung , und der Schmerz trieb die Menschen , in allen Zustanden sich herumzuwerfen , es war der Schmerz um die wiedergesuchte Einheit . Der Schmerz um die Einheit machte die Geschichte . Aber es war ein seltsames Schicksal