verlangten Aushülfe ; nicht mehr zu frühe , denn schon war es dunkel geworden . Um so weniger wollte Theobald und selbst Adelheid es geschehen lassen , daß Elisabeth neben dem Gefährt herging . Allein sie war nicht zu überreden , und so rückte man immerhin rasch genug vorwärts . Indes die Geschwister nun unter sehr verschiedenen Empfindungen , jedoch einverstanden über die nächsten Maßregeln , sich auf diese Weise dem väterlichen Orte nähern und Theobald endlich der Schwester die ganze wundersame Bedeutung des heutigen Tags entdeckt , ist man zu Hause schon in großer Erwartung der beiden , und der Vater machte seine Verstimmung wegen des längern Ausbleibens der jungen Leute bereits auf seine Art fühlbar . Um übrigens einen richtigen Begriff von der gegenwärtigen Stimmung im Pfarrhause zu geben , müssen wir , so ungerne es geschieht , schlechterdings eine gewisse Gewohnheit des Hausvaters anführen , welche soeben jetzt wieder in Ausübung gebracht wurde . Der Pfarrer nämlich , ein Mann von den widersprechendsten Launen , wohlwollend und tückisch , menschenscheu , hypochondrisch , und dabei oft ein beliebter Gesellschafter , hatte neben manchen höchst widrigen Eigenheiten den Fehler der Trägheit in einem fast abscheulichen Grade und sie verleitete ihn zu den abgeschmacktesten Liebhabereien . Konnte es ihm gefallen , mit gesundem Leibe ganze Tage im Bette zuzubringen und über ein und dasselbe Zeitungsblatt hinzugähnen , so machte dieses wenigstens niemanden unglücklich . Nun aber fand er , der in früheren Tagen gelegentlich ein Jagdfreund gewesen war , eine Art von Zeitvertreib darin , vom Bette aus nach allen Seiten des Zimmers hin mit dem Vogelrohr zu schießen . Zu diesem Behuf knetete er mit eigenen Fingern kleine Kugeln aus einem Stücke Lehm , das stets auf seinem Nachttisch liegen mußte . Er selbst war so gelegen , daß er von seinem Schlafgemach aus fast das ganze Wohnzimmer mit seinem Rohr beherrschen konnte . Das Ziel seiner Übungen blieb jedoch nicht immer der große Essigkrug auf dem Ofen , oder das Türchen des Vogelkäfigs , oder das alte Portrait Friedrichs von Preußen , sondern der Pfarrherr betrachtete es mitunter als den angenehmsten Teil seiner Kinderzucht , gewisse Unarten , die er an den Töchtern bemerken wollte , durch dergleichen Schüsse zu verweisen . Jungfer Nantchen , bei Licht am Nähtische beschäftigt , brauchte z.B. vorhin etwas längere Zeit , als dem Vater billig vorkam , um ihren Faden durch das Nadelöhr zu schleifen , und unerwartet klebte eine Kugel an ihrem bloßen Arm , die denn auch so derb gewesen sein muß , daß das gute Kind recht schmerzhaft aufseufzte . Es kamen diesen Abend noch einige Fälle der Art vor , wobei doch Jungfer Ernestine verschont blieb , ein Vorzug , welchen gewöhnlich auch Adelheid , Theobald ohnehin , mit ihr teilen durfte Allein welchen Empfang können wir den letztern unter solchen Umständen versprechen ? Es wurde acht Uhr , bis sie gegen das Dorf herfuhren . Sie waren inzwischen übereingekommen , man wolle Elisabeth , welche jedes Nachtquartier fortwährend mit Hartnäckigkeit ausschlug , zum wenigsten über Tisch behalten , wozu sie sich zuletzt auch verstand . Die endliche Ankunft der Vermißten war indessen im Pfarrhause schon durch einen Burschen hinterbracht , den man entgegengesandt und welchem der ehrliche Johann im Vertrauen das Merkwürdigste zugeraunt hatte . Dies veranlaßte denn ein groß Verwundern , ein gewaltig Geschrei im Haus . Dem Pfarrer sank das Spielzeug aus der Hand , da von einer Zigeunerin , von der Chaise des Rittmeisters , von Unpäßlichkeit seines Sohns verlautete . Er stand vom Bette auf und warf den Schlafrock um unter den Worten : » Was ? eine Kartenschlägerin ? eine Landfährerin ? alle Satan ! eine Hexe ? und deswegen mein Sohn plötzlich unwohl geworden ? - und ein Fuhrwerk - eine Heidin , was ? Ich will sie bekehren , ich will ihr die Nativität stellen ! gebt mir mein Rohr her ! nicht das - mein spanisches ! Wie hat Johann gesagt ? Die Pferde seien scheu geworden , wenn die Zigeunerin neben ihnen hergelaufen ? « Die Tür ging auf . Adelheid und Theobald standen im Zimmer ; jene mit stockender Stimme , an ihrer Angst schluckend , dieser mehr beschämt und vor bitterem Unwillen glühend über das unwürdige Benehmen seines Vaters . Umsonst stellte er sich dem hitzigen Manne beschwörend in den Weg , als er mit dem Licht in den Hausflur treten wollte , wo Elisabeth in einer Ecke unbeweglich hingepflanzt stand und ihm nun groß und unerschrocken entgegenschaute . Jetzt aber folgte eine den gespannten Erwartungen aller Umstehenden völlig entgegengesetzte Szene . Denn Pfarrer erstickt die rauhe Anrede auf der Zunge , wie er die Gesichtszüge der Fremden ins Auge faßt , und mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens tritt er einige Schritte zurück . Auf der Schwelle des Zimmers wirft er noch einen Blick auf die Gestalt , und in lächerlicher Verwirrung läuft er nun durch alle Stuben . » Wie kommt sie denn zu euch ? was wißt ihr von dem Weibsbild ? « fragt er Adelheiden , während Theobald sich auf den Gang hinausschleicht . Das Mädchen berichtete , was es wußte , und setzte zuletzt noch hinzu , daß der Bruder von einem Bilde gesagt , welches er schon als Kind öfters in einer Dachkammer gesehen und das die wunderbarste Ähnlichkeit mit dem Mädchen habe . Der Pfarrer winkte verdrießlich mit der Hand und seufzte laut . Er schien in der Tat über die Person der Fremden mehr im reinen zu sein , als ihm selber lieb sein mochte , und der letzte Zweifel verschwand vollends während einer Unterredung , welche er , so gut es gehen mochte , mit Elisabeth unter vier Augen auf seiner Studierstube vornahm . Er ward überzeugt , daß er hier die traurige Frucht eines längst mit Stillschweigen zugedeckten Verhältnisses vor sich habe , das einst unabsehbares Ärgernis und unsäglichen Jammer in seiner Familie angerichtet hatte . Was jedoch Elisabeth jetzt über ihr bisheriges Schicksal