Ring vom Finger , und rollte weit hin auf den trocknen Boden . Ehe ihn seine Blicke noch trafen , hatte ihn Stephano mit vieler Gewandheit auf die Spitze des Degens aufgefangen , indem er lachend sagte : ist das auch so ein verschollnes Andenken , das sich fliehend noch einmal meldet ? Rodrich war , als führe eine eiskalte Hand über sein Herz , er hatte nicht den Muth , irgend einen Gedanken festzuhalten . Mit sichtlicher Verwirrung nahm er den Ring , und ließ ihn gedankenlos zwischen seinen Fingern spielen . Du siehst ja heute gewaltig schwerfällig in den unbedeutendsten Scherz , sagte Stephano nach einer Weile . Ich merke wohl , wo das hinaus will . Die Welt ging an dir , wie die Bilder eines optischen Kastens vorüber , du stehst am Ende , wie zu Anfang , in der engen , dunkeln Stube , und läßest die übersättigten Blicke auf alltäglichen Umgebungen ausruhen ; nun Gott befohlen , über kurz oder lang , fährst du wohl einmal wieder wie die Flamme durch das niedre Dach , und kämpfst mit den Elementen . Für jetzt laß dir wohl seyn . Mit diesen Worten wandte er sein Pferd , und ritt einen andern Weg . Lächerlich , sagte Rodrich , halb trotzig halb verlegen , steckte den Ring an den Finger und eilte bei Alinen jede lästige Störung zu vergessen . Das holde Kind empfing ihn mit einer wehmüthigen Innigkeit , die sein ganzes Wesen durchdrang . Er hatte nie etwas Reizenderes gesehen , als jenen Streit zarter Schaam und wachsender Zärtlichkeit , in welchem sie sichtlich gefangen war . In heiliger , hingebender Selbstverläugnung , ruheten ihre Blicke auf den seinen , einzelne Thränen rannen ihr selbst unbewußt , über die frischen Wangen , ihre Stimme zerrann fast in leisen Bebungen , die wie abgerißne Töne einer Harfe die innern Akkorde bewegter Natur offenbaren . Der Geistliche war indeß bei seinem Eintritt zum erstenmale mürrisch an ihm vorüber gegangen , und hatte die Mutter in einer ähnlichen Stimmung zurück gelassen . Es ist Friede , sagte diese endlich , ihr augenblickliches Schweigen mit losbrechender Redseligkeit ersetzend ; nun , lieber Gott ! ich freue mich gewiß von ganzer Seele darüber , aber sagen werde ich doch wohl dürfen , daß es nun recht todt und weitläuftig in unserem Häuschen seyn wird , und daß wir uns alle ungern von so lieben Gästen trennen . Was liegt denn darin Gottloses und Sündliches ? Meine Klagen werden überdies nichts ändern , und was man einmal recht aus Herzensgrunde fühlt , das kann man auch ohne Schaam vor aller Welt bekennen . Und , lieber Gott , jeder hat seine Weise , muß man denn gleich in so anzüglichen Worten die Meinung Andrer bestreiten . Ich will wahrhaftig nicht Hader und Zwietracht unter die Menschen säen , und wie der Bruder meint , thörichte Wünsche durch das allgemeine Verderben befriedigen . Ich bin nicht hoffärtig und stolz , ich wirthschafte in De- und Wehmuth , und halte das bischen Armuth zusammen , aber ich will andre Gesichter sehen , und andre Begebenheiten erleben , als die ich nun seit drei Jahren , Tag ein , Tag aus in den trübseligen Legenden und Märtyrergeschichten zu Gesicht bekomme . So manchmal ist die Selbstverläugnung und Ergebung der heiligen Männer wohl recht tröstlich , und man sieht und fühlt , wie alles Irdische weicht , aber die Welt ist doch kein offnes Grab , und das blühende Kind da , soll mir doch nicht immer wie in ein Leichentuch gehüllt erscheinen . Er hat gut reden , er steht allein , von ihm geht kein neues Leben aus , wie er altert und welkt , so erbleicht auch alles um ihn her , ihn zieht nichts in die frische Jugend zurück . Im Grunde ist er zu bedauern , solch ein Mann , der niemals liebte , wird am Ende so schroff , allen Weltfreuden abgestorben , daß man sich nicht mehr eines gesunden Appetits und Schlafs von ihm erfreuen darf . Hier trat der Bruder unvermuthet herein , und der breite Strom der Rede stockte plötzlich . Aline , hob er nach einer Weile an , stelle nur die nächtlichen Wanderungen zur Kapelle ein , Menschen oder Geister duldeten es so wohl nicht , du mußtest wahrscheinlich entfliehen , denn ich fand am Eingange dies Kettchen mit Benedikts Locke , und die Perlenschnur aus deinem Haar , so etwas giebt ärgerliche Gerüchte . Aline nahm zitternd die zerbrochene Kristal-Kapsel aus seiner Hand , während die Mutter mit unsichrer Stimme sagte : nun , Beten ist doch keine Sünde ? Wenn es aus reinem Herzen zu Gott und seinen Heiligen dringt , erwiederte der Geistliche , sicher nicht , wenn aber irdische Wünsche die Gott geweihete Stätte beflecken , dann ist es dem Herrn ein Gräuel . Ich bitte dich , Aline , flüsterte Rodrich dem weinenden Mädchen zu , fasse dich doch jetzt nur , und suche den keimenden Argwohn durch ein ruhiges Betragen zu ersticken . Warum ? sagte sie matt und ergeben , Gott und Benedikt kennen mein Unrecht , mögen es die Menschen denn auch wissen . Ach , Mutter , Mutter ! rief sie aus gepreßter Brust , ich bin sehr unglücklich ! Der Geistliche trat gerührt zu ihr hin , legte die Hand auf ihre Stirn , und sagte , Gott giebt uns allen Frieden . In dem reinen Herzen der Mutter stieg eine trübe Ahnung aus , sie blickte fragend umher , aller Augen senkten sich , Rodrich strebte vergebens untheilnehmend und ruhig zu erscheinen , er fiel auf ' s neue aus allen seinen Himmeln , in die fest gestaltete , nothwendige Ordnung der Dinge , die ihn mit allen Quaalen peinigender Gegenwart gefangen hielt . Zagend stand er neben Alinen , deren trübes Auge schmerzlich aus den alten geliebten Umgebungen ruhete , als sagten sie ihr , nun werden unzählige Thränen hier fließen