den Kirchenrat Schäpe , mit zu großer Jugend-Ergrimmung ( die durch das nach der Bruderstimme sehnsüchtige Zuhören Lianens nicht kleiner wurde ) sich erklären gegen viel - gegen das ewige tote Vexierleben der Menschen - gegen den zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt - gegen dieses Darben an Liebe bloß aus Vorspiegeln derselben - - ach sein ganzes Herz brannt ' auf seiner Lippe .... Der redliche Schäpe , den ich oben einen Halunken genannt , trat ihm mit mehreren Mienen bei . - Aber ich gar nicht ; Freund Albano ! du mußt erst noch lernen , daß die Menschen in Rücksicht der Zeremonien , Moden und Gesetze , gleich einem Zug Schafe , insgesamt , wofern man nur den Leithammel über einen Stecken setzen lassen , an der Stelle des Stabes , den man nicht mehr hinhält , noch aus Vorsicht aufspringen ; - und die meisten und höchsten Sprünge im Staate tun wir ohne den Stecken . Aber ein Jüngling wäre mittelmäßig , der das bürgerliche Leben sehr zeitig lieb hätte ; so gewiß auch er und wir alle über die Fehler eines jeden Amtes zu bitter richten , das wir nicht selber bekleiden . Die Gesellschaft hörte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur innerlich ; auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst . Man stand auf- die Enge verschwand - sein Eifer auch ; aber ich weiß nicht , kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens , oder von einem jugendlichen Überspringen der Visiten-Zäune - ( von Mangel an Lebensart kams aber nicht her ) , genug das Faktum ist nicht zu leugnen ( und ich tu ' auch am besten , es geradezu zu geben ) , daß der Graf die arme alte , von ihm hergeführte Dame - Hafenreffer weiß selber nicht , wie sie heißet - stehen ließ und , ich glaube unbewußt , zum Führen Lianen nahm . - Ach diese ! Was soll ich sagen von der magischen Nähe der geträumten Seele - vom leichten Aufliegen ihrer Hand , das nur der Arm des innern Menschen , nicht des äußern spürte - von der Kürze des Himmelsweges , der wenigstens so lang hätte sein sollen als die Friedrichs-Straße ? - Wahrhaftig er selber sagte nichts - er dachte bloß ans abscheuliche Inhibitorial-Zimmer , wo ihre Scheidung vorfallen mußte er zitterte unter dem Suchen eines Lauts . » Sie haben wohl « ( sagte Liane leicht und offen , die gern die befreundete Stimme , zumal nach der warmen Rede hörte ) » unser Lilar schon besucht ? « » Wahrhaftig nicht , aber Sie ? « sagt ' er zu verwirrt . - » Ich und meine Mutter wohnten gern in jedem Frühlinge da . « Nun waren sie im Scheide-Zimmer . Leider stand er so mit ihr , die nichts sah , einige Sekunden fest und sah geradeaus , willens , etwas zu sagen , bis die Mutter ihn aufweckte , die für ihre von dem ganzen Abend so genährte Liebe eifrig eine abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte . - Und so war alles vorbei ; denn beide schwanden wie Erscheinungen weg . Aber Alban war wie ein Mensch , den ein herrlicher Traum verlässet und der den ganzen Morgen so innig-selig ist , aber ihn nicht mehr weiß . - Und wie , steht ihm nicht Lilar offen , und sieht ers nicht gewiß , sobald nur Liane es auch sehen kann ? Nie war er sanfter . Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen fruchtbaren Säezeit einigen guten Samen ein . Er sagte , als sie miteinander noch in die Mondnacht heraussahen , Albano habe heute fast bloß stachlichte und sperrige Wahrheiten vorgebracht ; die nur erbittern , nicht erleuchten . - Zu einer andern Zeit hätt ' ihn der Graf befragt , ob ers wie Froulay und Bouverot hätte machen sollen , die einander ganz tolerant Theses und Antitheses vortrugen wie ein akademischer Respondent und Opponent , die vorher bei einander logische Wunden und Pflaster von gleicher Länge bestellen ; - aber heute war er ihm sehr gut . Augusti hatte so delikat und liebreich für Mutter und Tochter gesorgt - er hatte ohne Schwärzen und Schminken viel Gutes , aber nicht hastig gesagt , und man hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehört - er hatte weder geschmeichelt noch beleidigt . Albano versetzte also sanft : » Aber erbittern ist doch besser , lieber Augusti , als einwiegen . - Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als denen , die sie nicht haben und nicht glauben ? Doch nicht den andern ? « - » Man kann jede sagen , « sagt ' er , » aber man kann nicht jede Art und Stimmung , womit man sie sagt , zur Wahrheit rechnen . « » Ach ! « sagte Albano und blickte hinauf ; unter dem Sternenhimmel stand wie eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Palastes sanft beglänzt - und er dachte an ihre Schwester - und an Lilar - und an den Frühling - und an viele Träume - und daß sein Herz so voll ewiger Liebe sei und daß er doch noch keinen Freund und keine Freundin habe . - Achte Jobelperiode Le petit lever des Doktor Sphex - Steig nach Lilar - Waldbrücke - der Morgen in Arkadien - Chariton - Lianens Brief und Dankpsalm - empfindsame Reisen durch einen Garten - das Flötental - über die Realität des Ideals 41. Zykel Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessen - denn ich kann keinen fremden Dechiffreur darüberlassen - , um die Jobelperiode bis zum letzten Worte zu entziffern , so fest hielt mich ihr Reiz ; ich hoffe aber , da schon das dünne Blätterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat , so soll jetzt das Blatt , wenn ich seine Adern mit Saftfarben und gleißendem Grüne durchziehe , vollends Wunder tun . Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrübt . Denn die duldende