Möglichkeit zugebe , daß ein solcher Phönix nicht platterdings ein bloßes Hirngespinnst sey : so wirst du mir auch die Möglichkeit einer Republik , worin ein freies , edeldenkendes und zu jeder sittlichen und bürgerlichen Tugend erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten Gesetzen freiwillig regieren läßt , zugeben , und zugleich bekennen müssen , daß eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist . Alle anwesenden Syrakusaner klatschten , nickten oder lächelten ihrem edeln Mitbürger Beifall zu , und schienen zu erwarten , daß ich billig oder wenigstens urban genug seyn würde mich überwunden zu geben . Aber so ganz leicht wollt ' ich ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen . Ich sehe nur ein Einziges hierbei zu bedenken , sagte ich , und hielt ein . Und was wäre das , wenn man fragen darf ? sagte mein Antagonist . - Nichts , versetzte ich , als daß ein so verständiges und tugendhaftes Volk , wie es mein edler Gegner voraussetzt , ganz und gar keiner Regierung bedürfte . Laßt uns so ehrlich seyn , einander zu gestehen , daß die Unentbehrlichkeit aller bürgerlichen Verfassungen und Regierungen keinen andern Grund hat , als die Schwäche und Verkehrtheit des armen Menschengeschlechts . Sie sind ein nothwendiges Uebel , das einem ungleich größern abhilft oder vorbeugt , und bloß dadurch zum Gut wird . Indessen , da die Regierer nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedürftigen , so wäre wohl nichts billiger , als daß wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten , und niemand dafür büßen ließen , daß er eben so wenig vollkommen ist als wir . Warum wollten wir uns das Gute , das wir haben , dadurch verkümmern , daß es uns nicht gut genug ist ? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzüge und Gebrechen ; wiegt man sie gehörig gegen einander , so gleichen sich , wechselsweise , diese durch jene und jene durch diese aus , und was übrig bleibt , ist so unendlich wenig , daß es die Mühe nicht verlohnt , darum zu hadern . Die Mehrheit der Stimmen erklärte sich für meinen Vorschlag zur Güte , und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu vereinigen : daß ein Volk , das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl befunden , durch den Verlust derselben wenig verloren habe , und bei einem klugen und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen würde , wenn es weise genug seyn könnte , das Bestreben des Regenten , sich seines , wiewohl gesetzwidrigerweise , errungenen Platzes würdig zu beweisen , durch Zutrauen und guten Willen aufzumuntern , anstatt ihn durch Mißtrauen , Unzufriedenheit und heimliche Anschläge gegen seine Person zu tyrannischen Maßregeln zu zwingen , die ihm , als zu seiner Sicherheit nothwendig , endlich zur Gewohnheit werden , und das Verderben des Fürsten und des Volks zugleich zur Folge haben könnten . Ich bin etwas ausführlich in Erzählung dieser politischen Conversation gewesen , edler Learchus , weil ich dein Verlangen , die gegenwärtige Stimmung der Syrakusaner zu kennen , besser dadurch zu befriedigen hoffe , als durch allgemeine Bemerkungen , die bei einem so kurzen Aufenthalt ohnehin wenig Zuverlässigkeit haben könnten . Unsre Gesellschaft bestand größtentheils aus Männern der ersten aristokratischen Familien zu Syrakus , und ich glaube daß man von ihnen , mit ziemlicher Sicherheit nicht zu irren , auf die übrigen schließen könne . Es war sehr natürlich , daß sie , so oft des Tyrannen erwähnt oder auf ihn angespielt wurde , eine gewisse Gleichgültigkeit und Zurückhaltung affectirten , die einen ganz unkundigen Fremden ungewiß lassen konnte , ob sie seine Freunde oder Feinde wären ; mir aber , der von ihren Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet ist , war es leicht ihre wahre Gesinnung durch die übel passende Larve durchscheinen zu sehen . Nie werden sie zu dem Tyrannen , nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen ; beide Theile haben einander zu viel Leides gethan , als daß jemals eine aufrichtige Aussöhnung möglich wäre ; auch wissen beide sehr wohl , wessen sie sich zu einander zu versehen haben , und nehmen ihre Maßregeln darnach . Aber stärker als alles dieß fiel mir eine andere Bemerkung auf , die ich an diesem Abend zu machen Gelegenheit hatte . Unter allen diesen eifrigen Republikanern und Patrioten , solltest du es denken , lieber Learchus ? war nicht Einer , der sich auch nur den Schein zu geben gesucht hätte , als ob ihm das wahre Interesse Siciliens , oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes am Herzen liege . Ein Blinder hätte sehen müssen , daß weder dieses noch jenes bei ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam . Sie hatten eine gewichtigere und ihnen näher liegende Ursache ihn zu hassen ; und ich halte mich überzeugt , keiner von ihnen würde das geringste Bedenken tragen , sich selbst noch heute auf den Thron des Dionysius zu setzen , wenn er es möglich zu machen wüßte . - Und doch muß ich hintennach über mich selbst lachen , daß mir so etwas auffallen konnte . Verstand sich ' s nicht von selbst ? Was für einen Grund hatte ich , etwas anders zu erwarten ? Mein Reisegefährte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde Philistus bei Hofe aufgeführt , und gefällt dem Tyrannen so wohl , daß er ihm fast immer zur Seite seyn muß . Dionysius sieht sehr gut , was ihm ein Mann wie Hippias seyn könnte , und scheint große Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu fesseln : aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und Unabhängigkeit zu sehr , als daß er sich nur einen Augenblick versucht fühlen sollte , sie um die unzuverlässige Gunst eines Fürsten zu vertauschen , mit welchem er den öffentlichen Haß und die Gefahren eines immer schwankenden Thrones theilen müßte . Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt ,