Spott ... Ein andrer Pilger war bereits dreißig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer - bei Montefiascone kehrte er um , da , wo der gute Wein wächst - Est ! Est ! sagte der deutsche Pilger . Sie , Pater Sebastus , wußten gleich ein deutsches Lied darauf , das der andre auch gekannt . Widrige Winde machten nach Jerusalem die Schiffahrt gefährlich ! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreißig Jahren . Der Schelm lebte von Hühnern und Gänsen - die man dem ewigen Kreuzfahrer nach dem heiligen Est ! Est ! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum Forttragen war , half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren , der eine Kette an den Füßen durch Spanien , Frankreich und Italien schleppte ... Nicht daß er von den Galeren kam - wenigstens sagte er ' s nicht - er kam aus Marokko , wo er der Sklaverei entronnen sein wollte , und das Stück Kette trug er jetzt ordentlich wie seinen - Orden ... Heiland , das Italien ist buntes Land ! Haben die Leute nicht falsche Briefe mit großen Siegeln , wie nur echte Siegel aussehen können ! Und wußten sie nicht alle Gebete , die den Seelen der frommen Stifter von Pilgerasylen im Himmel zugute kommen ! ... Dort drüben also auch ? ... Wird ' s besser da hergehen ? ... Der heilige Philippus hat glücklicherweise das Gebet solcher verdächtigen Kreuzfahrer und erlösten Christensklaven nicht nöthig ... Manchmal muß ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wol hingekommen sein ? ... Ich ziehe in die Katakomben ! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleyson ... Der » heilige Mynheer « , wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde , setzte beim Pater Vincente eine zu große Vollkommenheit in der Sprache voraus , die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall auf die Wohlthätigkeitsanstalten der Kirche , die in den Schriften so vieler von Rom Verzauberten prunkend verzeichnet stehen , auf die mangelhafte Polizeiverwaltung , auf das ungeregelte Paßwesen bei Vagabunden - die ehrlichen Leute werden genug damit geplagt - erntete aus dem Munde des der Hochzeit Olympia ' s wehmüthig gedenkend dahinschreitenden Priesters nur die einzige Erwiderung : Si ! Si ! Si ! ... Quest ' un ' theatro antico ... Il theatro di Marcello ! ... Selbst die Erwähnung Castellungo ' s schien der Pater Vincente überhört und von dem Pilger nichts verstanden zu haben ... Und doch war es wol nur Frà Federigo , sein Lehrer , ein Deutscher , jener Mächtige , vor dessen Lehren er einst geflohen war und der fast schon den Bruder Hubertus zu seinen Anschauungen hinübergezogen zu haben schien ... Sebastus hörte nichts von alledem ... Der starrte nur den im Schatten liegenden antiken Trümmerbau an ... Hier aber war es lebhafter geworden ... Einzelne vergoldete Kutschen mit prächtigen Livreen jagten vorüber , die Pferde aufgeputzt mit hängenden rothen Troddeln am Ohr und mit bunten Geschirren ... An die Rennbahn der Alten ließ sich denken ... Sebastus dachte , da er vom Marcellustheater hörte - an die alten Tage von Göttingen - Seltsame Ideenverbindung ! An den auch von Doctor Püttmeyer verherrlichten » Quincunx « - das Schenkenzeichen ! ... Denn die » Goethe-Kneipe « mußte ja hier in der Nähe liegen , Goethe ' s Campanella , jetzt nur noch berühmt durch ihr Fremdenbuch und ihren schlechten Wein ... Die Trümmer des Marcellustheaters waren in Hütten und Paläste verbaut ... Dicht in der Nähe lag der Palast der Beatrice Cenci ... Auf alles das besann sich Klingsohr aus seiner alten » klassischen Zeit « ... Aber auch die » romantische « wirkte mächtig ... Schon begegnete man im sich mehrenden Straßenleben andern Mönchen , die mit Körben und Säcken gleichfalls zur Porta Laterana liefen ... Kapuzinern in langen Bärten , Franciscanern aller Grade , Augustinern , Karmelitern ; selbst die vornehmen Dominicaner erinnerten sich , daß sie das Gelübde der Armuth abgelegt hatten ; auch sie schickten ihre » Brüder « auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals ... Kein Trupp stand dem andern Rede ... Kein Lächeln hatten sie oder nur eines , das nicht im mindesten die phantastischen Gestalten als in einer tollen Mummerei begriffen und sich ( Augur augurem ! ) erkennend darstellte ... Nur der Gewinnsucht galt es und dem Vorsprung , den ein Kloster vor dem andern suchte ... Die beiden Deutschen sahen ihre Mitstreiter im römischen Lager ... Welche Welt ! ... Und hier nun doch noch so spät ein Leben und Bewegen ? ... Da noch wird gekocht und geschmort auf offener Straße ? ... Da noch werden Melonen ausgeschrieen ? ... Noch Citronenwasser ? ... Frische Kirschen ? ... Klingen nicht sogar Geigentöne ? ... Lacht nicht ein Policinell im Kasten ? ... Das alles heute in der Hochzeitnacht Olympiens ! ... Roms Saturnalien ! ... Noch haftete Sebastus ' Phantasie , wie das in Rom so geht , bald an Goethe , bald an Winckelmann , bald an Ovid , bald an Horaz , die den Marcellus besungen haben , den Neffen des Kaisers Augustus , dem dies Theater da gewidmet ... Da erscholl plötzlich ein fernes Klagegeheul und ein hundertstimmiges Miserere ... Es kam , wie Pater Vincente erläuterte , von der » Bruderschaft des Todes « , den Begleitern der Leichen , die in Rom bei Nacht begraben werden ... In wilder Hast , als wenn der Todte die Pest verbreitete oder als wenn Christen einen eben gerichteten Märtyrer in die vor den Thoren gelegenen heimlichen Begräbnißstätten flüchteten , trugen Männer in langen , schwarzen oder weißen , über den Kopf gezogenen Kutten , die nur den Augen zwei kleine Lücken ließen , wie Gespenster einen Sarg dahin ... Andere dazu schwangen Fackeln ... Neben den Fackeln liefen Bursche und sammelten in Schalen das tröpfelnde Wachs , das sich wieder