, ernste , gesetzte Fräulein Heidling für Stunden durchmachte ! Einmal sich aussprechen — ja , das mußte eine Erleichterung sein . Hören , wie es den anderen erging , wie sie sich durchhalfen , ob sie resigniert waren oder traurig — ob sie ihr Los tapfer oder verzagt trugen . . . Sonderbar — als kleine Schulmädel hatten die Freundinnen sich in die Ohren getuschelt , was sie von den Geheimnissen des Lebens , die man vor ihnen verbarg , nur herauskriegen konnten . — Als naseweise Backfische unterhielten sie sich ganz frech und vergnügt von allem Möglichen , und jede steuerte aus dem Schatz ihrer Kenntnisse bei . Nun sie achtundzwanzig bis dreißig Jahre über diese Erde gewandelt waren und keine von ihnen doch das Unglück hatte , blind oder taub geboren zu sein — nun hatten sie alle ihre Erfahrungen vergessen . Sie wußten von nichts , sie ahnten von nichts — selbst wenn sie ganz unter sich waren . Zuweilen beklagten sie sich sogar , daß sie noch so dumm wären . “ . . . Denke Dir , neulich habe ich mich schrecklich blamiert , ” sagte Lisbeth Wendhagen . “ Ich fragte nach der Geschichte mit der Russin , von der jetzt immer so viel die Rede ist . Findest Du da etwas dabei ? ” Agathe fand natürlich nichts dabei . “ Eugenie sagte nachher , danach hätte ich als junges Mädchen nicht in Gegenwart von Herren fragen dürfen . Ich verstehe gar nicht , was sie meinte . ” “ Na ja — die jungen Frauen — die sind natürlich au fait . ” Agathe ekelte sich oft geradezu vor ihren Freundinnen . Aber man mußte doch auch selbst sehr vorsichtig sein . Da hatte sie neulich ein wundervolles Buch in Papas Bibliothek aufgestöbert . Bei der großen Herbstreinigung war es entdeckt . Nachdem sie , in Staub und Zug vor dem Bücherschrank knieend , ein Kapitel gelesen , konnte sie sich nicht wieder trennen , nahm es mit in ihre Schlafstube und las alle Abend im Bett — denn es wurde im Zimmer nicht geheizt — und auch nach Tisch , wenn Mama schlief . Sie hätte geglaubt , es wäre für Frauen einfach unverständlich . Zu ihrem größten Erstaunen konnte sie dem Verfasser ganz gut folgen — sie brauchte nur aufzumerken und am Tage bei ihren Beschäftigungen das Gelesene in ihrem Kopfe sinnend zu bewegen . Wie es sie aufrüttelte von dem geistigen Halbschlaf , dem mißmutigen Hindämmern , daß sie sich die Augen rieb , sich auf feste Füße stellte und wißbegierig um sich blickte . Einer weiten Weltreise war es in seiner Wirkung zu vergleichen — einer Weltreise mit erhabenen Rückblicken in ungeheure Vergangenheiten und Fernsichten auf eine von Entwickelungskräften erfüllte Zukunft — mit Vergessen des Ich und erstaunlicher Erkenntnis des eigenen Werdens durch zahllose Ahnenreihen — mit Entdeckung neuer Verwandtschaften . . . . mit Gewitterstürmen und brechenden Masten — mit Verlieren des Reisegepäcks und der Erwerbung ungeahnter Reichtümer . Daß solch ein Buch existierte , und sie hatte es nicht gewußt ! In dem Glasschrank stand es , unbeachtet — sie hatte beim Abstäuben seinen Titel wer weiß wie oft gesehen : Häckels “ Natürliche Schöpfungsgeschichte . ” Und ihr Vater hatte nicht vor Freude geschrieen , als er es las — wie seltsam ! — Immer nur die Witze über unsere Abstammung von den Affen , die eine Zeit lang Mode waren , bis man ihrer überdrüssig wurde und man in guter Gesellschaft nicht mehr davon redete . Agathe erinnerte sich auch , vom Domprediger gehört zu haben , daß die Gelehrten längst über Darwins und Häckels Standpunkt zur Tagesordnung übergegangen seien . Wie mochte es sich damit verhalten ? Agathe konnte es nicht glauben . Von einer so großartigen neuen Welt-Anschauung kehrt man nicht einfach zu der langweiligen Tagesordnung zurück . Ach , Männer , die sich hier vertiefen — die weiter forschen und grübeln durften — die Glücklichen ! Die Glücklichen ! Denen brauchte freilich die dumme Liebe nur etwas Nebensächliches zu sein ! Am Ende fand auch sie in den neuen Gedanken ihren Frieden . Sie sah doch nun , daß es so sein mußte — daß die Natur unerhört grausam war , daß Millionen Keime fortwährend untergingen , damit die andern Raum bekämen , sich zu entwickeln . So war sie eben auch einer von den schwächlichen , unnützen Keimen — was war da weiter ? Daß es eine solche Verschwendung gab , hatte sie allerdings vorher auch schon gewußt . Aber sie bezog das nie auf sich , sie hatte immer für sich selbst einen Platz außerhalb der Natur gesucht und mit einem Gotte gehadert , der Wunder thun konnte und nur keins ihr zu Liebe thun wollte ! Versinken in diesem vielgestaltigen , unermeßlich reichen All ! Ganz still werden — ganz still . Und doch wieder lebendig ! Wie war die Natur ihr interessant geworden . Wie konnte man sich von den widerwärtigen Menschen erholen bei den Käfern und Blumen und den fabelhaften Rädertierchen . Und dann wieder die unglaublichen Beziehungen zu den Menschenwesen . Von allem mußte sie noch viel , viel mehr erfahren . Als Weihnachten kam , freute sie sich endlich einmal wieder auf das neue Jahr . In der “ Natürlichen Schöpfungsgeschichte ” fand Agathe auf der letzten Seite ein Verzeichnis von Büchern , die empfohlen wurden , falls man sich auf naturwissenschaftlichem Gebiet weiterbilden wollte . Von Häckel selbst empfohlen — von diesem herrlichen Manne ! Sie schrieb sich eine Menge von den Namen auf . — Hätte sie nur noch ihr Toilettengeld gehabt , wie früher ! Es war eine alberne Gutmütigkeit gewesen , darauf zu verzichten , im ersten Schrecken über die notwendigen Einschränkungen , die die Eltern sich auferlegen mußten . Jetzt bat sie nur um Geld , wenn eine Anschaffung durchaus nicht mehr umgangen werden konnte . So wählte sie lange , ehe sie zwei oder drei der Bücher