hörte nur das schwere Athmen des alten Mannes . Seine Hand zitterte , als er sich über die Stirn fuhr , und die Stimme zitterte noch mehr , als er endlich leise sagte : „ Deine Hand war nicht dabei ? Ob es nun gerade die Hand war , und wie es überhaupt gekommen ist – sie meinen ja alle , da ließe sich nichts untersuchen und nichts beweisen , Gott sei Dank , wenigstens nichts für die Gerichte . Mach ’ s mit Dir allein aus , Ulrich , was da unten geschehen ist , aber poche nicht mehr auf Deine Cameraden ! Du hast ganz recht gesehen , seitdem fürchten sie Dich bloß noch . Sieh zu , wie lange Du es noch mit der Furcht allein zwingst ! “ Er ging . Der Sohn machte eine Bewegung , als wolle er ihm nachstürzen ; dann auf einmal blieb er stehen und schlug die geballte Hand vor die Stirn . Der Laut , der sich dabei aus seiner Brust hervorarbeitete , klang fast wie ein unterdrücktes Stöhnen . – Es mochten wohl zehn Minuten vergangen sein , da wurde die Thür von Neuem geöffnet , und Martha trat wieder ein . Der Oheim war fort , und Ulrich lag im Lehnstuhl , das Gesicht in den Händen vergraben . Das schien sie aber nicht weiter zu befremden ; sie warf nur einen Blick auf ihn , trat dann an den Tisch und begann ihre Arbeit zusammenzulegen . Ulrich hatte sich bei dem Geräusch ihrer Schritte emporgerichtet . Er stand jetzt langsam auf und kam zu ihr hinüber ; sonst pflegte er sich nie viel um das Thun und Lassen des Mädchens zu kümmern , am wenigsten mit ihr darüber zu sprechen . Heute that er beides . Vielleicht war auch für diese starre , verschlossene Natur der Moment gekommen , wo sie sich nach irgend einem Wort , irgend einem Zeichen der Theilnahme sehnte , gerade jetzt , wo alles sie floh , alles vor ihr zurückwich . „ Du und Lorenz , Ihr seid also einig ? “ begann er . „ Ich habe noch nicht einmal mit Dir darüber gesprochen , Martha . Mir gingen in der letzten Zeit so viel andere Dinge durch den Kopf . Ihr seid ein Brautpaar ? “ „ Ja ! “ war die kurze , halb abweisende Antwort . „ Und wann wird die Hochzeit sein ? “ „ Damit hat ’ s noch Zeit . “ Ulrich blickte auf das Mädchen nieder , das mit fliegendem Athem und zuckenden Fingern sich mit der Arbeit beschäftigte , ohne ihn auch nur anzusehen , und ein geheimer Vorwurf schien doch in ihm aufzusteigen . „ Du hast recht gethan , Martha , “ sagte er leise , „ ganz recht ! Karl ist brav und hat Dich lieb , mehr vielleicht als Andere es hätten thun können . Und doch ließest Du ihn noch einmal fortgehen ohne Bescheid , nach unserer letzten Unterredung ? Wann bekam er denn Dein Wort ? “ „ Heute vor drei Wochen . “ „ Heute vor drei Wochen ! So ! Das war der Tag nach unserem – Schachtunglück . Da also hast Du es ihm gegeben ? “ „ Ja , da ! Bis dahin habe ich ’ s nicht gekonnt ! Erst an dem Tage wußte ich , daß ich seine Frau werden könnte . “ „ Martha ! “ In der Stimme des jungen Mannes wallte es auf , halb wie Zorn und halb wie Schmerz . Er wollte die Hand auf ihren Arm legen . Sie bebte zusammen und zuckte wie unwillkürlich seitwärts . Ulrich ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück . „ Du auch ? “ sagte er dumpf . „ Nun freilich , ich hätte es mir denken können ! “ „ Ulrich ! “ brach das Mädchen aus in wildem , verzweiflungsvollem Schmerze . „ O mein Gott , was hast Du uns , was hast Du Dir gethan ! “ Er stand ihr noch gegenüber . Die Hand , welche er auf den Tisch stützte , zitterte ; aber seine Züge hatten einen Ausdruck furchtbarer Härte und Bitterkeit angenommen . „ Was ich mir gethan habe , damit werde ich wohl auch allein fertig werden . Euch – ? Nun , es will mich ja Keiner auch nur anhören ! Aber nun sage ich Euch auch , “ – hier schwoll seine Stimme wieder drohend an – „ jetzt ist ’ s genug mit den ewigen Andeutungen und Quälereien ; ich halte das nicht länger aus . Glaubt , was Ihr wollt und wem Ihr wollt ! Mir soll ’ s künftig gleich sein . Was ich angefangen habe , werde ich durchführen , Euch Allen zum Trotz , und wenn es wirklich vorbei ist mit dem Vertrauen – Gehorsam werde ich mir wohl noch zu erzwingen wissen ! “ Er ging . Martha machte keinen Versuch , ihn zurückzuhalten , und es wäre wohl auch umsonst gewesen . Er schmetterte wüthend die Thür hinter sich zu , so daß das ganze kleine Haus davon erbebte ; in der nächsten Minute hatte er es bereits verlassen . Drüben im Berkow ’ schen Landhause hatte die Ankunft der Gäste wohl einiges Leben , aber keine größere Zusammengehörigkeit in den so kalt getrennten Haushalt der beiden Gatten gebracht . Obgleich die Dauer dieses Besuches nur auf einige Tage festgesetzt war , fand Arthur doch Gelegenheit und Vorwände genug , sich dem öfteren Zusammensein möglichst zu entziehen , eine Aufmerksamkeit , für die ihm sein Schwiegervater sowohl als sein junger Schwager außerordentlich dankbar waren . Der Baron kehrte erst jetzt , nach einem mehrwöchentlichen Aufenthalte auf den Rabenau ’ schen Gütern , nunmehr den seinigen , nach der Residenz zurück . Er hatte damals bei dem ersten Besuche seine Tochter schon am folgenden Morgen wieder verlassen müssen , und zwar trotz der furchtbaren Katastrophe , die sich