. Droben huschte der scheue , gelbglänzende Kirschpirol durch die Lüfte und flötete einzelne abgebrochene Kadenzen ; auch ein erschrockener Frosch , der seinen fleckigen Leib auf einem der weißgebleichten Uferkiesel gesonnt hatte , plumpste klatschend ins Wasser – sonst war es lautlos ruhig auf dem See und in den Wipfeln , und nur die schwarze Hummel , den kleinen zottigen Pelz voll gelben Blütenstaubes , zog durch das hohe , geschonte Ufergras , und ihr monotones Surren und Summen machte die Waldstille noch traumhafter . Die braunen Augen der jungen Dame blickten finster sie hielt Einkehr in sich selbst . Die einfache Pfarrersfrau hatte kräftig an dem Boden gerüttelt , auf dem sie bis jetzt selbstbewußt , mit festem Fuß gestanden ... Sie hatte , so lange sie denken konnte , nur mit dem kalten erwägenden Verstande gelebt . War je einmal das Herz zum Durchbruch gekommen , dann hatten die drei Menschen , die sie eben auf der Waldwiese verlassen hatte , sofort den Schatten der Großmama heraufbeschworen , und mit dem Hinweis : » Es schickt sich nicht für dich ! « war der Riegel vor die aufbrechende Gefühlswelt geschoben worden . » Der Geist in Neuenfeld geht mit der Liebe zusammen , die das Christentum zu allererst predigt ! « hatte die Pfarrerin gesagt – das war ' s ... Nahezu achtzehn Jahre hatte das junge Mädchen gelebt und nie einen Menschen lieb gehabt ! In ihrer Großmutter hatte sie zu allen Zeiten den Inbegriff der Erhabenheit verehrt , aber niemals war ihr als Kind das Verlangen gekommen , die kleinen Arme um den schönen weißen Hals der stolzen Frau zu legen – jetzt noch schlug ihr das Herz ängstlich bei dem Gedanken , wie wohl eine solche Zudringlichkeit würde aufgenommen worden sein ... Und wie sie sie der Reihe nach musterte , mit denen sie ausschließlich ihr junges Leben verbringen mußte – Seine Exzellenz mit dem eiskalten Gesicht und undurchdringlichen Blick , die schöne Stiefmutter , die kleine , fette , fromme Frau , den Arzt , Lena – , da schauerte sie selbst unter der tödlichen Kälte und Feindseligkeit , mit denen sie ihnen stets und immer gegenübergestanden – und das wurde nie anders ... ! Denkfaul und blind hatte sie sich selbst genannt , und das mit allem Recht ... Sie hatte ihren Puß zärtlich geliebt , sie konnte eine schöne Blume inbrünstig an ihre Lippen drücken ; nie aber war die Betrachtung in ihr aufgestiegen , daß es auch Menschen gäbe , die man so lieb haben könne ? ... Ganz von selbst , fast zu ihrem eigenen Erschrecken , war die unbekannte Knospe in ihrem Gemüt vor wenig Augenblicken gesprungen ; sie hätte an das Herz der kraftvollen , mutigen Frau flüchten und sie bitten mögen : » Habe mich auch lieb ! « In Neuenfeld wartete die Liebe . Sie baute den Bedürftigen Häuser , gab ihnen geistige und leibliche Nahrung und machte ihr Leben sonnenlicht ; sie nahm die Verwaisten schützend in ihre Arme und ersetzte ihnen Vater und Mutter ; und der diese Liebeswerke auf deutschem Boden schuf , er war ein Fremder – und sie , die reiche Erbin , fuhr täglich an den elenden Baracken ihrer Greinsfelder Gutsangehörigen , an den zerlumpten , verwilderten Kindern vorüber , ungetrübt in der von Kindesbeinen an fest eingeprägten Überzeugung , daß es so und nicht anders sein müsse . Der Mann im Waldhause mit der finsteren Stirne und den rätselhaften Augen hatte recht , wenn er sie verachtete , wenn er das durch die Gouvernante in ihrem Namen hochmütig gebotene winzige Scherflein mit dem Fuße fortgestoßen hatte . Gisela blieb einen Moment wie atemlos stehen ; eine Feuerflamme schlug über ihr Gesicht , und ihr Herz klopfte so stürmisch , daß sie meinte , es hören zu können ... Sie dachte an jenen Augenblick , als er scheu vor ihr zurückgewichen war , um ihres vermeintlichen Gebrechens willen ; sie dachte an die sprachlose Bewunderung , mit der sein Auge an dem schönen Gesicht der Stiefmutter gehangen hatte ... Sie schritt längst nicht mehr am Ufer hin – die tiefe Waldesnacht hatte sie umfangen . Der Pirol schwieg , und die surrenden Hummeln waren an den Blütenkelchen des sonnigen Ufers hängen geblieben . Weit , weit da drüben lag die kleine Lichtung mit dem silberschimmernden Frühstückstisch und den Menschen , die jedenfalls noch zu Gericht saßen über das unschickliche Benehmen der Gräfin Sturm . Plötzlich hob das junge Mädchen den nachdenklich gesenkten Kopf und horchte – das Weinen eines kleinen Kindes drang , wenn auch aus ziemlich weiter Entfernung , zu ihr herüber . Es klang so verlassen und hilflos , so ununterbrochen , als fehle eine beschwichtigende Stimme gänzlich . Gisela nahm ohne weiteres ihr Kleid zusammen und drang quer durch das Dickicht dem Schalle nach . Sie kam an den Holzweg , der von Neuenfeld nach A. führte – und da kauerte ein Weib mit geschlossenen Augen , in totenähnlichem Zustande , am Stamm einer Buche . Es war eine jener armen sogenannten Porzellanfrauen , die jahraus , jahrein nach Brot gehen müssen . Sie kaufen den Ausschuß in den Porzellanfabriken hoch auf dem Thüringer Wald um ein Billiges und schleppen die Last oft viele Meilen weit ins Land hinab , um sie unten gegen kärglichen Gewinn wieder zu verhandeln . Den schweren Korb auf dem Rücken , das kleinste Kind auf dem Arm , und öfter auch noch ein größeres an der Hand , wandern die armen Kreuzträgerinnen mit wunden Füßen durch Wind und Wetter , elender noch als das Lasttier ; denn sie leiden nicht allein – sie sehen ihre Kinder frieren und hungern ... Die Frau war offenbar aus Erschöpfung ohnmächtig geworden . Der Korb mit dem Geschirr stand neben ihr , und der kleine Schreihals , ein Bübchen von vielleicht acht Monaten , hockte auf ihrem Schoße . Die Augen des Kindes waren vom Weinen dick verschwollen , aber seine heiser geschriene Stimme