sich schließlich Alles in dem kleinen Hauswesen . Wir können ihr das mit dem besten Willen nicht bieten . Wir leben zu sehr in der Welt ; unsere gesellschaftlichen Formen , die Elemente unserer Kreise sind so ganz andere , daß sie sich bei uns entschieden unbehaglich und bedrückt fühlen muß “ – sie trat näher und streichelte [ WS 1 ] mit linder Hand die Wange des jungen Mädchens – „ hab ’ ich nicht Recht , mein Kind ? “ „ Es tut mir leid , aber ich muß ‚ nein ‘ sagen , Frau Präsidentin , “ versetzte Käthe mit ihrer festen Stimme ; dabei bog sie den Kopf mit einer entschiedenen Bewegung zurück – es nahm sich aus , wie ein Protest gegen jegliche fernere Liebkosung . „ Ich werde nicht vergöttert , und es dreht sich auch nicht Alles um ‚ den Goldfisch ‘ “ – sie lachte leise und schalkhaft aus – „ der arme Goldfisch spürt die Zügel einer konsequenten Erziehung mehr als je ; ein Versehen im Hauswesen wird mir weit schwerer verziehen , seit ich die reiche Erbin bin . Und so bedrückend fremd , wie Sie meinen , sind mir die vornehmen Elemente Ihrer Kreise auch nicht . Der Staatsminister von B. ist einer der Auserwählten , die zu dem kleinen Abendzirkel meiner Pflegeeltern gehören . Unser Salon ist freilich so eng , daß keine Spieltische aufgestellt werden können , aber einige Professoren der Akademie , Freunde des Doktors , halten interessante Vorträge ; öfter kehren auch musikalische Celebritäten bei uns ein , und dann wird unverdrossen , mit wahrer Lust auf meinem schlechten Pianino musiciert . “ Um ihre Lippen schwebte wieder der ganze Liebreiz jugendlicher Heiterkeit , aber auch ein Zug von Sarkasmus trat hervor – sie hatte in der That eine „ streitbare Ader “ in sich . „ Ich bin , Gott sei Dank , so erzogen , daß ich dem Heimweh nicht die geringste Macht einräume , sobald ich weiß , daß ich irgendwo nöthig bin , “ wandte sie sich an den Kommerzienrat . „ Damit lasse Dich nicht schrecken , Moritz ! Erlaube mir vielmehr , auf unbestimmte Zeit hierzubleiben – Henriette ’ s wegen ! “ „ Mein Gott , ich habe ja selbst keinen anderen Wunsch , als Dich hier zu behalten , “ rief er mit einem Feuer , das selbst dem jungen Mädchen verwunderlich erschien . Die Präsidentin stand wieder am Tische und ließ die Blätter eines vor ihr liegenden Buches unter ihrem Daumen hinlaufen , und die gesenkten Augen hingen so nachdenklich an diesem Spiel , als sehe und höre sie nichts anderes . „ Es versteht sich ja von selbst , daß Du bleibst , so lange es Dir gefällt , meine liebe Käthe , “ sagte sie gleichmüthig , ohne aufzusehen . „ Nur darf dieses Bleiben beileibe nicht den Anstrich einer Aufopferung erhalten ; dagegen müssen wir uns entschieden verwahren . Nanni pflegt unsere Kranke musterhaft , und auch meine Jungfer ist angewiesen , Nachts beizuspringen , wenn es nöthig ist . Du könntest sie ohne Sorge verlassen . “ „ Mag doch das Motiv sein , welches es will , theuerste Großmama , es genügt , daß Käthe in unserer Mitte zu bleiben wünscht , “ fiel der Kommerzienrat lebhaft ein – er konnte den Blick nicht wegwenden von dem Mädchen , das sich unverkennbar die eigene Ueberzeugung durch beschwichtigende Worte nicht übertäuben ließ . „ Sieh , im frohen Vorgefühl , daß wir Dich hier behalten werden , mein Kind , habe ich den neuen Flügel “ – er unterbrach sich und küßte ekstatisch Daumen und Zeigefinger der rechten Hand – „ Du bekömmst ein Instrument , Käthe , gegen welches das drüben im Musiksalon ein Klimperkasten ist ; ich habe es , sage ich , gleich direct hierher dirigiert . “ „ Aber , Moritz , so ist das nicht gemeint , “ rief das junge Mädchen rückhaltslos mit großen , erschrockenen Augen . „ Gott bewahre mich ! Dresden ist und bleibt meine Heimath und die Villa Baumgarten meine Besuchsstation “ – sie lachte mit ihrem ganzen Mutwillen auf ; „ soll ich den Flügel immer als Gepäckstück mitschleppen ? “ „ Ich bilde mir ein , daß Du eines Tages in Bezug auf Dresden ganz anders denkst , “ versetzte er mit einem feinen , ausdrucksvollen Lächeln . „ Der Flügel wird morgen hier eintreffen und bis auf Weiteres in Deinem Zimmer placiert werden . “ Die Präsidentin klappte denn Deckel des Buches zu und legte die schmale , weiße Hand darauf . „ Du triffst andere Dispositionen , als ausgemacht war , “ sagte sie anscheinend gelassen . „ Das bringt mich zwar sehr in Verlegenheit , aber ich bescheide mich gern . Ich werde heute noch an die Baronin Steiner schreiben , daß ihr für den Monat Mai angekündigter Besuch unterbleiben muß . “ „ Aber ich sehe nicht ein , weshalb – “ „ Weil wir sie nicht unterbringen können , bester Freund . Käthe ’ s Zimmer war für die Gouvernante bestimmt , die sie mitbringen wollte . “ Der Kommerzienrat zuckte die Achseln . „ Dann tut es mir leid – meine Mündel bleibt selbstverständlich , wo sie ist . “ Er opponierte ! Er wagte es , mit kühler Ruhe in das zornblitzende Auge der empörten alten Dame zu sehen und es natürlich zu finden , daß die Frau Baronin von Steiner Käthe weichen müsse – er , der sonst Himmel und Erde in Bewegung setzen mochte , der kein Opfer scheute , wenn es galt , vornehme Gäste in sein Haus zu ziehen ! Es wich von ihm plötzlich der im Verkehr mit exclusiven Kreisen angeflogene feine Lack der Außenseite , und die plumpe , gemeine Natur des Parvenü kann zum Vorschein . Er war ja nun selbst von Adel , und dazu reicher als die meisten seiner jetzigen Standesgenossen – hatte er