sie nach Neuhaus fuhr . Herr von Palmer stand an seinem Fenster hinter dem Vorhang und hörte das Gefährt vom Schloßhofe rollen . Er drehte seinen langen , sorgsam gefärbten Schnurrbart mit den wachsbleichen Fingern . Er wußte ja , der Pfeil lag auf der Sehne , der Bogen war gespannt , es bedurfte nur eines Anstoßes , dann war ein armes Menschenherz zu Tode getroffen – » unmöglich gemacht « nannte es Herr von Palmer . Es war nötig , es war sogar die höchste Zeit , die Freundschaft nahm überhand ; die Herzogin behandelte ihn jetzt erbärmlich , noch schlechter als früher , er wußte , woher dieser Wind wehte . Wenn der Pfeil auch sie streifte – es geschah ihr recht . » Lächerlich , daß die Berg sagt , die kleine Prinzeß fürchte für Ihre Hoheit . Diese Naturen sind zähe . Wundervoller Gedanke , die kleine eifersuchtstolle Durchlaucht auszuwählen , diejenige zu sein , die das Geschoß abdrücken sollte . » Großartig , großartig ! « sagte er und ging im Zimmer auf und ab . » Das konnte auch nur ein Weiberkopf aussinnen . Es gibt einen Knalleffekt , einen riesigen , schöne Klaudine ! Die Säle des Residenzschlosses sehen dich nicht wieder . Lothar denkt sowieso nicht an sie , dieser Hochmutsnarr mit seinen fürstlichen Freiereien . Wie die Berg darauf kommt , ist mir rätselhaft . Der Herzog aber mag an sie denken , so viel er will , hat Ihre Hoheit erst Verdacht , dann hilft es Euer Liebden nichts , geschieden muß sein ! Wer nachher vor Euren herzoglichen Augen Gnade finden soll , das wird von mir abhängen . Die Berg ist noch schön genug und – alte Liebe rostet nicht . Sie liebt ihn auch noch immer und würde doch dabei mit dem größten Verständnis auf meine Pläne eingehen . « Eine endlose Reihe glänzender Geschäfte entwickelte sich vor den Augen des Mannes , zunächst aber winkte der verlockende Titel » Hofmarschall « . Die alte kopfwackelnde Exzellenz von Elbenstein , die zugleich das Amt des Oberstallmeisters vertrat , und deren Geschäfte er , Palmer , bereits seit Monaten versah , konnte unmöglich noch lange leben . Seine Hoheit hatte auch bereits ein verheißungsvolles Wort gesprochen . Er nahm seinen Hut und ging zur Tafel , wo eben der Rittmeister eine Pfirsichbowle braute , die ersten köstlichen Früchte aus den herzoglichen Treibhäusern waren angelangt . Klaudine ließ den Wagen am Eingang der Neuhäuser Lindenallee halten , sie wollte unbemerkt ins Haus , in Beates Stube treten . Die Halle vermeidend , gelangte sie ungesehen durch die Hintertür , huschte leise durch den Flur und pochte kaum hörbar an die Wohnstube . Ein Schritt kam durch das Zimmer und die Tür wurde geöffnet . » Ich bin es , Beat « , flüsterte sie , » störe ich dich nicht ? Nur einen Augenblick . « » Also wirklich , du ! « rief die Cousine und zog das Mädchen in das noch finstere Gemach und zu einem Sessel . » Laß nur , laß « , wehrte Klaudine , » ich wollte dir nur sagen , daß ich übermorgen dennoch komme , wenn du erlaubst . « Beate lachte herzlich und küßte sie . » Nun « , rief sie in die Dunkelheit hinein , » wer hat denn recht , Lothar ? Mein Gang ist gar nicht einmal nötig . « Klaudine erschrak . Am Fenster hatte sich eine Gestalt erhoben . Um ihre Stirn flatterte es heiß . » Die Herzogin befahl « , sagte sie stotternd . » Es ist außerordentlich liebenswürdig von Ihrer Hoheit « , sprach er , und seine Stimme klang sonderbar heiser . » Soeben erwies auch Seine Hoheit mir die Ehre , die bereits erfolgte Absage zurückzuziehen . « Klaudine griff in das Polster des Sessels , sie zitterte plötzlich , aber sagte kein Wort . Welch peinlicher Zufall ! » So setze dich doch « , drängte Beate , » man sieht und hört ja jetzt nichts mehr voneinander . Ich habe begreiflicherweise wenig Zeit , aber da du einmal hier bist , hilf mir die Tischplätze ordnen . Ich kenne ja alle diese Menschen nicht , die da eingeladen sind und zugesagt haben . « » Verzeih , Beate , ich habe etwas Kopfweh und der Wagen wartet draußen « , sagte Klaudine ablehnend und wandte sich zum Gehen . » Laß doch losen « , setzte sie dann hinzu , als empfinde sie die Unart , Beate diese kleine Gefälligkeit zu versagen . » Natürlich ! « pflichtete Lothar bei . » Mitunter bringt der Zufall das große Los und erhört fromme Wünsche . Darf ich mir gestatten , Sie zu Ihrem Wagen zu geleiten ? « Beate schmollte wirklich ein wenig , sie blieb zurück . Lothar schritt neben dem erregten Mädchen durch die erleuchtete Halle in den Garten hinaus . Sie sprachen nicht miteinander . Im Schlosse war die ganze Fensterreihe des ersten Stockes erleuchtet , Prinzeß Helene liebte viel Licht . Sie hatte sich früh von der Tafel zurückgezogen , um Kostüme anzuprobieren . Der Schein , der von dort herniederfiel , verbreitete sich noch bis unter das Dunkel der Bäume . Die Lindenblüte duftete betäubend , es war ein warmer feuchter Sommerabend , der Mond verbarg sich hinter dunkeln Wolken . Sie kamen raschen Schrittes nebeneinander daher , vor ihnen huschte ein Schatten hinter einen der riesenhaften Bäume , ein zweiter folgte nach . Er hatte es wohl nicht bemerkt , Klaudine aber war unwillkürlich stehen geblieben . » Sehen Sie nichts ? « fragte sie ängstlich . » Nein ! « erwiderte er . » So war es wohl eine Sinnestäuschung ? « entschuldigte sie sich . Und nun ging sie rascher vorwärts bis zu dem Wagen , neigte den kleinen Kopf mit einem kühlen » Gute Nacht ! « und schlüpfte hinein . Das Rollen verklang in dem schweigenden Garten .