uns Beiden , ich möchte sie nicht zur Schülerin , wohl aber zur Frau ! “ Ein Ausruf des Schreckens entschlüpfte den Lip ­ pen Aller . „ Woher kennst Du sie ? Woher kennt er sie ? “ riefen die Herren durcheinander , mit Ausnahme Heims und Hilsborns . „ Wie Ihr erschreckt , schon bei dem Gedanken , das Mädchen könnte mir gefährlich sein ! “ sagte Johannes gutmütig lächelnd . „ Ist sie denn ein böser Geist , eine Hexe ? Nein — sie ist ja nur ein Weib ! Wie kann man denn ein Weib fürchten ? Was sie Euch schrecklich macht , das macht sie mir eben interessant und wenn es mich treibt , sie von einem Irrwege abzubringen , was laufe ich dabei für Gefahr ? Ja — wenn sie sogar meine Gattin würde — „ „ Gott bewahre Dich vor einer solchen Frau , “ schaltete die Staatsrätin ein . „ Noch sind wir nicht so weit , Mutter , noch ist es nur eine rein menschliche Teilnahme , käme es aber auch weiter , was wäre es ? Der Mann , der sich von einer Frau unglücklich machen läßt , ist lediglich selbst Schuld , denn die Frau ist niemals etwas Anderes , als was wir aus ihr machen . “ „ O übermütiger Mann “ — klagte die Staats ­ rätin — „ es gibt weibliche Charaktere , die Dich furchtbar Lügen strafen könnten ! Und diese Hartwich war mir schon als Kind unheimlich , wie wird sie jetzt erst sein ? “ „ Ein Weib , wie aus einer anderen Welt , Mut ­ ter , eine Erscheinung , die der nie vergißt , der sie ein ­ mal sah ! “ „ Mein Gott , “ sagte die Staatsrätin tief be ­ kümmert , „ wo und wann bist Du ihr denn begegnet ? War sie doch seit fast zwölf Jahren ganz verschollen und wären nicht ihre atheistischen Bücher vorigen Winter erschienen , kein Mensch hätte mehr an sie gedacht . “ „ Also Sie kannten sie früher ? “ fragten mehrere Herren neugierig . „ Ja , wir waren einige Zeit Spielgefährtinnen “ , erzählte Angelika , „ aber zuletzt mochte ich sie nicht mehr leiden , weil sie so altklug war und meine Pup ­ pen herabsetzte . “ Die Herren lachten . „ Sie war das bedeutsamste Kind , das mir in meinem Leben vorkam ! “ sagte der alte Heim . „ Ja , das war sie “ , bestätigte Möllner , „ aber sie hatte etwas Abschreckendes , weil sie durch grausame Behandlung verbittert wurde und ihren Jahren geistig ebenso unnatürlich vorausgeeilt , als körperlich hinter denselben zurückgeblieben war . Ein solches Mißverhältnis ist immer etwas Häßliches , und deshalb scheuten die Menschen sie — wie sie die Menschen ! Bald gedachten wir ihrer nicht mehr , denn sie war als zehnjähriges Mädchen von ihrer und unserer Heimat fortgezogen und weder sie noch ihr Vormund , der mit ihr gegangen , ließen mehr etwas von sich hören . — Vor einem Jahr oder länger erschienen ein paar Broschüren von ihr , die namentlich unter den Damen wegen ihres rationalistischen Inhaltes einen Sturm von Unwillen erregten . Ich fand es nicht der Mühe wert , sie zu lesen , da mir die kleine bleiche Hartwich gleichgültig geworden . Niemand wußte etwas von ihr und wir kümmerten uns auch nicht um sie , denn meine Mutter und Schwester waren aufs Tiefste von dem Atheismus des jungen Mädchens verletzt und gaben sie gänzlich auf . Vor einiger Zeit wollte ich Freund Hilsborn besuchen , traf ihn aber , als er eben in den Wagen stieg , um nach dem Dorfe Hochstetten , zwei Meilen von hier , zu fahren . Er war zu dem dortigen Schullehrer gerufen . Hilsborn forderte mich auf , ihn zu begleiten und , da es ein schöner Tag war , willigte ich ein . Als wir bei dem Schlößchen ankamen , welches den Anfang des Dorfes bildet , stie ­ gen wir aus . Hilsborn suchte die Wohnung des Lehrers auf , ich blieb , ihn erwartend , zurück und schritt gemächlich an dem großen , aber vernachlässigten Gar ­ ten vorbei , der das Schloß umgibt . Ein frischer Wind sauste über die wallenden Kornfelder hin und die Abendsonne durchglühte die ganze Gegend und die stürmisch bewegte Luft . Da hob sich plötz ­ lich , wie ein mittelalterliches Heiligenbild auf Gold ­ grund , vor mir eine dunkle Gestalt von dem strahlen ­ den Horizont ab , ein schwarz gekleidetes Weib , so schön und düster , als sei sie eine Botin der Nacht , die der Sonne zu sinken gebiete . Sie stand mit un ­ terschlagenen Armen regungslos auf einer Anhöhe des Gartens und starrte festen Blickes in den Feuerball , während der Sturm ihr faltiges Gewand hin und her wehte . Die Abendröte warf einen Schein von Glut auf ihr marmorweißes ernstes Gesicht , der Glanz ihrer großen Augen schien nicht aus der Sonne , die sie widerspiegelten , sondern aus ihrem eigenen Innern zu kommen . Ich bewunderte wie ein Knabe diese schöne schweigende Erscheinung und vergaß ganz , daß mein Gaffen ihr unangenehm auffallen müßte , wenn sie es gewahrte . Und so kam es auch . Sie ergriff einige neben ihr liegende bunte Gläser , woraus ich mit Staunen ersah , daß sie Nachbilder-Versuche17 mache und dabei fiel ihr Blick auf mich . Ein düste ­ rer Schatten legte sich über das nun dem Licht abge ­ wandte Gesicht und gab ihr etwas Kaltes , Strenges . Sie raffte , ohne mich eines zweiten Blickes zu wür ­ digen , ihre optischen Geräte zusammen und schritt ruhig die Anhöhe hinab ; gleichzeitig versank auch die Sonne wie auf ihren Befehl und trübe Dämmerung breitete sich über den schweigenden Garten , hinter des ­ sen Mauer sie langsam verschwand . Ich stand lange und blickte