trotzdem 260 sah die Mutter alles , was wir , die Brüder und ich , im Garten taten . Da drüben an der Wand stand das Sofa mit schwarzem Roßhaar bezogen , man glitt immer von demselben hinunter , wenn man sich noch so fest in sein Polster setzen wollte , der alte Sattler Hühnerbein hat es verbrochen , ein Verbrechen an der Bequemlichkeit war es entschieden . In die Ecke dort müßt ihr euch den Glasschrank denken . Da hatte Mutterchen ihre Teebüchse drin , in der stak stets eine Stange Vanille , damit das Getränk recht lieblich schmecken sollte , auch Vaters Frühstücksschnäpschen kam aus dem Schrank . Vor dem Fenstertritt von Mutters Fenster stand mein Kindertischchen mit dem winzigen Stuhl , da lehrte sie mich lesen und schreiben und Puppenkleiderchen nähen an den Winternachmittagen , wenn der Schnee draußen stiebte . Und da am Ofen war das Brettchen , an dem die vielen Schlüssel zu den Stuben im Schlosse hingen , und ich kannte jeden einzelnen und ging ohne Furcht des Abends durch die dämmerigen Zimmer , um nachzusehen , ob alle Fenster geschlossen seien , wenn Mutter einmal unpaß war , obgleich es hier spuken sollte . » Und nun kommt und seht , in dem zweiten Zimmer da schliefen die Eltern , hinter dem war die Stube der Brüder . Wie ich dann größer wurde und die wilden Jungens aus dem Hause kamen , wurde mein Bettchen und meine Kommode da hinein gestellt . 261 Nicht wahr , dies Stübchen ist besonders freundlich und licht ? Ach , Kinder , hier bin ich einmal sehr unglücklich gewesen ! « Sie standen alle drei in dem einfenstrigen Raum , dem einzigen , der eine Tapete aufwies , rosengeblümt und verblichen . Die jungen Mädchen sahen sich fragend an . Ihre Mutter war einmal unglücklich gewesen ? Und Anne Dora trat schließlich zum Fenster und sah still hinaus . » Mutter , « sagte sie nach einer Weile , als diese neben sie trat , » sieh , da ist ein Herzchen in das Fensterglas geritzt , da steht dein Name drin – Helene – und über ihm ein anderer , ich glaube Karl soll er heißen . « Aber die Mutter antwortete nicht , sie wandte sich rasch ab und ging aus der Tür in die hofseitigen Räume . Dort waren ein paar Kammern und die Küche . Und am aufgemauerten Herd blieb die Frau stehen und sagte : » Seht , hier hat meine liebe Mutter mich das Kochen gelehrt , und hier habe ich meine letzte Ohrfeige von ihr bekommen . « » Hast du denn als Kind schon kochen müssen ? « fragte Lori . » Nein ! « antwortete die Professorin . » Damals war ich sogar schon Braut , vier Wochen vor meiner Hochzeit war ' s , und Mutter sagte zur Strafe : › So , Kind , nun wirst du wohl für alle Ewigkeit nicht wieder das Schwitzmehl verbrennen lassen , zum Butterverhunzen wird deinem Mann das Geldverdienen zu sauer . ‹ « Die stattliche Frau lächelte , und dabei vertieften sich die Grübchen in ihren Wangen wieder und sie sah jung und reizend aus einen Augenblick . » Das ist aber doch unerhört ! « sagte Lori . » Andere Zeiten sind ' s gewesen ! « erwiderte die Professorin , » ich habe der Mutter Hand geküßt und habe niemals das Schwitzmehl wieder verbrannt . Mutter hatte recht , wir hätten ' s zu solchen Dummheiten nicht gehabt . – Aber kommt , ich will euch das Haus zeigen , in das mich euer Vater gebracht hat , wie er mich als seine Frau hier hinausführte . « Der Diener , der im Nebenzimmer stand und gelangweilt aus dem Fenster auf den Hof schaute , wurde gerufen . Er erhielt sein Trinkgeld und die Damen verließen das Haus auf der Gartenseite . Es regnete ein wenig jetzt , es mochte ein Aprilschauer sein , 262 deshalb verschoben sie einen Rundgang durch den Garten auf den morgenden Tag , wanderten durch die Gassen des Dorfes an der Kirche vorüber und gelangten hinter dem Pfarrhause auf einen kleinen , von Häusern umgebenen Platz . Mitten darauf standen drei alte Lindenbäume , unter jedem eine Steinbank , und zwischen diesen drei Stämmen war das Denkmal derer aufgerichtet , die im letzten großen Krieg ihr Leben gelassen hatten . Auf eines der Häuser , das ein wenig stattlicher aussah als die übrigen , zu dessen Tür steinerne Treppen hinausführten , deutete jetzt die Professorin . » Da hinein bin ich gezogen mit eurem Vater . Am 7. März 1864 war es und ein furchtbares Wetter . Regen und Schnee sind in mein Gesicht geflogen bei den wenigen kurzen Schritten die Treppe dort hinauf , und euer Papa merkte nicht , daß auch Tränen zwischen den Tropfen waren , die er mir in dem kleinen Stübchen vom Gesicht wischte . › Regen bringt Glück , Lenchen , ‹ sagte er freundlich . Er hat recht gehabt . « Sie hatte dabei schon den Messingklopfer der Haustüre gehoben und ihn gegen die Platte fallen lassen . Gleich darauf kam eine alte Frau und öffnete . » Dürfen wir wohl eintreten ? « fragte die Professorin , » ich möchte meinen Töchtern gern das Haus zeigen , in dem ich als junge Frau gewohnt habe . « Die Alte heftete ihre kleinen , noch immer hellen Augen auf die Eindringlinge , dann sagte sie : » So sind Sie Frau Doktor Bodenstedt , von deren Mann wir damals das Haus gekauft haben ? Kommen Sie näher , Frau Doktorin , ich hätt ' s nicht geglaubt , daß Sie noch an das Häuschen denken , wo Sie nun vornehm geworden sind und der Herr Doktor so berühmt . « Sie öffnete linker Hand eine Tür und die Damen traten in ein winziges Stübchen , das die › gute Stube ‹ der Bewohnerin war .