Mensch . Es war das letzte Mal , daß ich ihn gesehen , er soll dann ein wildes , tolles Leben geführt haben – wie mochte sein Herz im lauten Jammer schreien ! In Derenberg ist er nie wieder gewesen , und jetzt wird er lange todt sein . Möge Gott ihm eine sanfte Ruhe schenken ! Die tolle Fränzel aber war auch verschwunden ; Niemand wußte , wohin . Und auf dem Schlosse und im Dorfe sagten sie Alle , der junge Baron sei mit ihr auf und davon , und da hab ’ ich auch noch einmal gezweifelt an seiner Treue . Aber dann , als die Lisett begraben war , da ging ich gegen Abend mit meinem Christian auf den Kirchhof zu dem frischen Grabe , und wie ich dort stehe und weine und die Kränze all zurecht lege , die ihr die Leute geschickt hatten , da sagte Christian : ‚ Guck , Mariechen , dort liegt was Weißes wie ein Zettel , ‘ und richtig , es war auch ein Steinchen darauf gelegt , damit es nicht wegfliegen sollt ’ , und wie ich ihn aus einander falte , da steht darauf in großen ungelenken Buchstaben : ‚ Es ist nicht wahr , was sie sagen ; er hat mich niemals angeschaut ; ich weiß nicht , wo er ist , und er nicht , wo ich bin . Mich sieht nimmer Einer wieder von Euch – denkt nicht zu schlecht von mir ! Das goldene Herz hab ’ ich umgehängt , weil es meine Herrin befohlen ; sie sagte , es gelte nur einen Spaß mit der Lisett . Die Sanna war dabei – Ihr könnt sie fragen . Gott soll mir vergeben ; ich hab ’ nicht wollen so Böses thun . Franziska . ‘ So hat sie es damals gemacht , sie da droben , um des Lumpenmüllers Lisett nicht in ihre stolze Familie zu bekommen und – Kind “ – die alte Frau streichelte weich das Haar des tief erschütterten Mädchens zu ihren Füßen – „ Du , unser Einziges , thu ’ Dir und uns das nicht an , daß Du ihr wieder zu einer Gelegenheit verhilfst , solch ein Teufelsstück auszuüben ! Sie wird es ausüben – verlaß Dich darauf ! – sie haßt uns hier in der Mühle , weil sie von der Lisett her ein böses Gewissen hat . Sieh ’ , mein armes Herzel , wenn ’ s mir auch bitter weh um Dich ist , ich kann Dir nur eines sagen : begrabe , was Du heute erlebt hast ! “ „ Ich vermag es nicht , Muhme , “ unterbrach sie das junge Mädchen thränenmüde , aber mit unverkennbarer Bestimmtheit ; und plötzlich erhob sie sich und stand in fester Haltung vor der alten Frau . „ Die Geschichte von der Tante Lisett ist sehr traurig . Aber ich habe Army das Versprechen gegeben , daß ich ihn retten will , und das muß ich halten . Und wenn ich ihm die Geschichte der Tante Lisett erzählt haben werde , dann wird er gewarnt sein . Sei barmherzig , Muhme , ubd rede mir nicht ab ! “ fügte sie nach kurzer Pause in ausbrechender Leidenschaft hinzu , indem sie auf ’ s Neue zu den Knieen der sprachlos Dasitzenden niedersank , „ wir haben uns ja so lieb , so lieb – hilf uns , daß wir glücklich werden ! Sag ’ es dem Vater drunten und der Mutter und rede ihnen zu – nicht wahr , Du thust es , liebe , süße Muhme , nicht wahr ? “ Und die feuchten Augen des gequälten Mädchens blickten flehend zu der Muhme hinauf , und diese fühlte , wie zwei weiche Hände die ihren faßten und sie ängstlich festhielten . „ Mein Gott “ – klang es im Herzen der alten Frau , „ es hat nichts geholfen ; es ist die Lieb ’ wie sie immer war , die niemals klug wird , außer durch eigenen Schaden . Und er hat sie doch nicht lieb ; es ist nicht wahr , wenn ich nur das Herz hätte , ihr das zu sagen ! – und der Friedrich wird ’ s nie zugeben – “ „ Willst Du mit den Eltern sprechen , Muhme ? “ flüsterte es so wehmütig und schmeichelnd zugleich zu ihr herauf . „ Ja , mein Herzchen ! Ich seh ’ s schon , es hilft nichts – aber schlaf ’ nur ruhig heut ! Morgen , morgen – “ „ Nein , heut , gleich jetzt ! Morgen kommt er ja , “ flehte sie , „ Vater muß sich in der Nacht doch überlegen , was er ihm sagen will – bitte , bitte , Muhme ! “ „ Hast Recht , mein Kind , es ist besser gleich , “ bestätigte die alte Frau , und die Stimme klang so eigenthümlich gepreßt , „ laß mich aufstehen ! Ich will hinunter , Du aber schlaf ’ süß ! Morgen früh erfährst Du zeitig genug , was sie sagen , mein Liebling . “ „ Wie könnt ’ ich schlafen , Muhme ! “ rief sie aufspringend und legte die kleine zitternde Hand auf die Schulter der alten Frau . Die alte Frau antwortete nicht ; sie öffnete hastig die Thür und ging hinaus . Lieschen folgte ihr in den dämmerigen Vorsaal und bog sich über das Treppengeländer ; da schritt sie die breite gewundene Stiege hinunter , aber wie langsam ging es ! Die alten Füße konnten doch sonst noch so flink trippeln ; heute wollten sie gar nicht vom Fleck ; langsam – langsam , Stufe um Stufe ging es ; die Treppe ächzte ordentlich unter den schweren Tritten der Alten , und ihre Hände faßten so fest das geschweifte Geländer – nun verschwand die Gestalt den Blicken Lieschens ; die schleppenden Tritte über den steingepflasterten Flur tönten in ihr Ohr , und jetzt