den Fenstern eines Palastes werfen ; Männer und Frauen , die verzweiflungsvoll umschlungen in einen Abgrund stürzen ; Weinende und Lachende , Ringer und Ballspieler , Tanzpaare und Traubenpflücker . Die Fermate erschien ihr als ein Mensch , der nackt aus einem Schachte steigt , eine brennende Fackel in der Faust ; der Triller als ein Vogel , der ängstlich um sein Nest flattert . In Daniels Schöpfungen ging ihr alles nah , waren alle Bilder farbig , alle Gestalten wie voll Blut . Blieben sie tot und fern , so stockte ihr Mitgefühl , ja ihr Gesicht wurde leer und müde , und ohne daß sie ein Wort miteinander gesprochen hatten , wußte Daniel , daß er irre gegangen war . Dieses aber schmiedete ihn wie mit Ketten an das junge Weib , das von Gott eingesetzt schien als sein lebendiges Gewissen und als unfehlbare , wenn auch stumme Richterin . Er haßte sie , wenn ihr Gefühl schwieg ; hatte er sich dann nach tiefer Einkehr überzeugt , daß ihr Gefühl im Rechte war , dann hätte er die unbekannte Macht anbeten mögen , die ihm so unerbittlich seine Wege wies . Der Kantor Spindler hatte eine schöne Harfe besessen , die hatte er in seinem Testament Daniel vermacht . Die Harfe war damals in Ansbach bei der alten Wirtschafterin des Kantors geblieben , erst nach seiner Heirat hatte sich Daniel des Geschenkes wieder erinnert und die Harfe wurde ihm zugeschickt . Sie stand in der Wohnstube , Gertrud hatte sie von Anfang an gern betrachtet . Die Harfe lockte sie und einmal setzte sie sich hin und suchte Töne auf den Saiten . Ganz leise strich sie mit den Fingern über die Saiten und war vom Wohlklang entzückt . Allmählich fand sie das Gesetz ; eine angeborene Gabe machte ihr das Instrument untertan und sie vermochte auf ihm auszudrücken , was in stillen und einsamen Stunden sehnsüchtig in ihr drängte . Sie spielte meist sehr leise , suchte keine gebundene Melodie , weil sich das Wesen der Harfe am schönsten in träumerischen Harmonien offenbarte . Die Töne zogen in den Flur und auf die Stiege und empfingen Daniel , wenn er das alte Haus betrat . Kam er in die Stube , so saß Gertrud im Winkel beim Ofen , hatte die Harfe zwischen den Knien und lächelte geheimnisvoll in sich hinein , während ihre Hände gleich fremd von ihr losgelösten Wesen Akkorde suchten , Klänge , die seine eigenen waren und die sie in ihre Traumwelt übertragen wollte . 6 Des Wortes war sie noch weniger mächtig als vordem . Schmerzliches Erstaunen ergriff sie , als sie bemerkte , daß Daniels Geist im täglichen Verkehr nicht hinter die Hülle drang , in der sie lebte . Er sagte sich : sie ist zu schwer . Er verstummte gegen sie . » Das finstere Haus drückt dich , « äußerte er unbehaglich , wenn sie hilflos lächelte . » Laß uns wettlaufen , « bat er auf einer Landpartie und bezeichnete einen vom Blitz getroffenen Baum als Ziel . Sie lief so schnell ihre Füße konnten . Zehn Meter vor dem Baum brach sie zusammen . Er trug sie auf die Wiese . » Wie schwer du bist , « sagte er . » Zu schwer für dich ? « hauchte sie mit weit aufgerissenen Augen . Er zuckte die Achseln . Da entwand sie sich ihm , sprang empor und rannte wunderbar geschwind eine fast doppelt so lange Strecke als die war , die er vorhin bemessen hatte . Sie fiel nicht mehr , sie wollte nicht , durfte nicht fallen . In Stößen atmend , leichenblaß , wartete sie , bis er heran gekommen war . Aber er hatte keine Zärtlichkeit , er schalt nur . Arm in Arm gingen sie weiter ; Gertrud suchte seine Hand , und als er sie ihr überließ , preßte sie sie an ihre Brust . Erschrocken schaute Daniel in ihr Gesicht , in dem ihr Gedanke wie mit Feuerbuchstaben geschrieben stand : wir gehören einander für Zeit und Ewigkeit . Dies war ihr Glaubensbekenntnis . 7 Sie lag schlaflos , spät in der Nacht . Sie hörte , wie er in die Küche ging und Wasser zum Trinken holte , dann kehrte er wieder in seine Stube zurück . Er hatte ihr verboten , an die Türe zu schleichen und zu fragen , ob er nicht bald käme , wenn es auch noch so spät wurde . Dann lag er neben ihr , den Kopf auf den Arm gestützt und sah sie an mit Augen ohne Irdischkeit . Mann , wo sind deine Augen ? hätte sie rufen mögen . Und sie wußte doch , wo ; wußte auch , daß man die Mondsüchtigen durch Zuruf gefährdet . In einer andern Nacht hatte er sein Werk nicht fördern können , kauerte stundenlang auf dem Bettrand und stierte voll Selbsthaß in die Flamme der Lampe . Gertrud fühlte , wie er gegen sich wütete und mit Wollust seine Zweifel nährte . Sie war nicht fähig , zu sprechen . Ein Verleger hatte ihm eine Arbeit zurückgeschickt und ihn mit platten Höflichkeiten vertröstet . Da redete er wegwerfend von seinem Talent , hoffnungslos von seinen Aussichten und bitter von der Welt , die ihn zu einem Leben in beständiger Dunkelheit verdammen werde . Sie konnte ihn nur anschauen ; nur anschauen . Ihm war aber des Anschauens zu viel . Ein frisches , kräftiges Wort hätte ihm besser gedient , so glaubte er . Sie maß die Arbeit nicht am Lohn , Entbehrung nicht an der Hoffnung ; sie maß auch Daniels Liebe nicht an seinen Liebesbeweisen , weder an zärtlichen Äußerungen noch an Umarmungen . Sie wartete auf ihn mit großer Geduld . Mit der Zeit machte ihn diese Geduld verdrießlich . » Etwas mehr Rührigkeit stünde dir nicht übel an , « sagte er einmal und wies ihre schüchtern bittende Gebärde zurück . Er sah sich nun umfriedet