als daß sie saß . Allert , auf dem Stuhl daneben , etwas vorgebeugt , die Hände zwischen den Knien gefaltet , sah aufmerksam zu ihr herab - dies Exemplar von Frau betrachtend und bedenkend : so was von versucherischer Koketterie , von unbekümmertstem Evatum hat sich doch nur durch männliche Schwachheit entwickeln können . » Ja , « sagte sie mit einem Seufzer , der durchaus offen für gekünstelt genommen werden sollte , » nun müssen wir uns auf die Seite der Engländer schlagen . « » Der Engländer ? « » Na ja . Als ich Marieluis einlud , dachte ich mit den Franzosen : le troisième fait la conversation , und hoffte , daß sie , als die unterhaltende Dritte , uns mal allerlei aus ihrer sozialen Tätigkeit beichten solle . Ich sage Ihnen , da gibt es gewagte Situationen und die heikelsten Geschichten . - Aber das ficht Marieluis nicht an . Ich habe sie ja dabei beobachten können . Bewundernswert , sage ich Ihnen . Eine heilige Priesterin , die gewissermaßen mit vollen Händen in den Schlamm greift , um da irgendein Individuum herauszufischen und zu säubern . « Das war für ihn gesagt . Er ahnte es . Und er konnte sich doch nicht dagegen wappnen . Es schmerzte . Sie fuhr angeregt fort : » Das ist nun mal ihre Mission . Ich glaube schon , daß sie wahrmacht , was sie vorhat : ihr ganzes Leben sich dieser Tätigkeit zu widmen - o Gott - das könnte ich nicht - einen beglücken - ja . Aber so Volksbeglückung « - sie schüttelte sich ein bißchen . Und aus dem schmeichlerischen Dämmerlicht leuchteten die Augen heraus , mit glutvollen Blicken - sie waren wie Schauspieler , diese Augen , und führten für sich allein eine ganze Komödie der Lockung auf . Allert schwieg . So merkwürdig versagte ihm , dieser Frau gegenüber , immer sein flinkes , fröhliches Reden . » Also nun müssen wir sehen , ob die Engländer recht haben : two are company , three are no . Zwei sind eine Gesellschaft , drei nicht ! Wunderlich - dieses Wort sollte doch viel eher von den Franzosen kommen als das vom Dritten , der die Konversation macht . Zweisamkeit - das Bezauberndste zwischen zwei Menschen , die sich verstehen ... « Und ganz jäh den leichten Plauderton verlassend , sagte sie voll bebender Leidenschaft : » Eine Zweisamkeit mit mir ist Ihnen Last - ja , ich weiß es - Sie verstehen mich auch nicht ... « » Aber , gnädige Frau ... « » Wie durften Sie meine armen Blumen so mißhandeln ! « Also doch ! dachte Allert und unterdrückte den Seufzer starken Aergers . Nun wußte er , daß dieser ganze Abend auch nur eine genau vorherbedachte , klug angeordnete Szene gewesen war . Er sagte kälter noch , als er selbst wußte : » Ich bitte Sie , beruhigen Sie sich . Wie kann , wie darf ich Zeichen solcher Güte von Ihnen annehmen ... « » So - und jene Nacht - wo wir vom Feuer heimfuhren - da dacht ' ich doch - da durfte ich glauben ... « » Nichts , als daß Erregung der allermenschlichsten Art , daß Weichheit , Nervosität - mich in Ihnen eine schwesterlich Mitfühlende sehen ließ . « » Wenn Sie wüßten , wie ich oft leide ... « Und sie warf sich , plötzlich aufschluchzend , herum und versteckte ihr Gesicht in den Kissen ... Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser , reisemüder , überarbeiteter Mann aus den Wagen gestiegen , die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach Hamburg gebracht . Es war Dornes fester Vorsatz gewesen , in Berlin noch den Abend mit seinem Studienfreund Professor Rädels allerlei Fachmännisches durchzusprechen . Auf der Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen . - Sein Gehirn durchsiebte rastlos alles , was es aufgenommen hatte - verglich eigene Resultate mit den in Wien gesehenen , ging bohrend und konzentriert all diesen unerhört schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach . - - Und dann - ganz jäh fuhr , wie ein Blitz , der Gedanke an die vergötterte Frau dazwischen . - Und sein erschöpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er wüßte - wenn es eine Wissenschaft gäbe - das geheimste Leben solcher Frau zu erforschen - auseinanderzulegen - wie eine chemische Verbindung . - - Weil es seine Frau war , und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor anderen Männern , sah er sie als etwas Geheimnisvolles . - Zuweilen - - In Berlin gönnte er sich kaum rechte Muße zu Mahlzeiten und dachte : Heute abend werde ich mit Rädels vortrefflich essen und in Ruhe mit ihm sprechen ... So bei Tisch - das ist keine Anstrengung mehr . - Und inmitten aller Hetze kam ihm dann immer die Vorstellung : sie will morgen so früh aufstehen ... Das rührte ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und plötzlich fragte er sich : was sie wohl heute abend tut ? Montag hatte sie einige Gäste , daß sie sich die zusammenbitten wollte , erzählte sie noch , ehe er ging ... Aber Dienstag abend ? Und heute abend ? - Oh , und das frühe Aufstehen ... Morgen früh halb sechs Uhr schon an die Bahn ... Solch ein Unsinn ... Aber sie machte manchmal solche törichte Aufopferungen - nur um ihm zu zeigen , wie teuer er ihr war ... Und ganz aus den dunkelsten Gründen seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck - eine Beobachtung meldete sich - - Immer fielen diese Beweise von Zärtlichkeit in Zeiten , wo er voll Unruhe war - wo es ihm schien , als stehe ein anderer Mann an seinem Wege und wollte seine Straße als Räuber kreuzen ... Aber welche Tollheit ... Nein ! Und er zwang das nieder -