so enorme Kornvorräte und Silberschätze die Hand gelegt , daß damit ihre etwaigen Ansprüche auf Erstattung von Kriegskosten im voraus gedeckt seien . Der böse Korporal und seine Soldaten hatten sich auch gleich an dem allgemeinen Geschäft beteiligt . Bald schmückten die merkwürdigsten chinesischen Gegenstände ihre Quartiere . Abends verkleideten sie sich mit golddurchwirkten Mandarinengewändern und sprangen und tanzten wild darin herum . Auch Stücke führten sie auf ; sie spielten » Die böse Tzü Hsi « oder » Li hung tschang « . Denn das waren ihnen die geläufigsten Namen , und es ging ihren Trägern in diesen Vorstellungen stets jämmerlich schlecht . Dazu erklangen die leiernden Weisen europäischer Spieldosen , die in allen chinesischen Häusern zu finden waren . Und die vielen Uhren , die ebenfalls einen Gegenstand chinesischer Sammelpassion bildeten , tickten und schlugen die Stunden - diese sonderbarsten Stunden Pekinger Geschichte . Manchmal drangen die Fremden in Tschun , er solle sie führen , denn er kenne gewiß gute Gelegenheiten . Aber er wehrte sich gegen solche Zumutungen , und konnte er sich ihnen gar nicht entziehen , so wählte er absichtlich Straßen , von denen er genau wußte , daß da andere vorher gewesen und nichts mehr zu holen war . Solche Enttäuschungen erbitterten aber den Korporal und die Soldaten , und ihr Verkehr mit Tschun ward auf immer unfreundlichere Töne gestimmt . Tschun wünschte sich aus alledem oft heraus . Er war , ohne es selbst zu wissen , überreizt und abgespannt von allen Entbehrungen und Schrecknissen der Belagerungszeit und hätte Ruhe und Vergessen gebraucht . Aber schon Kuang yins halber , dem sonst vielleicht Unannehmlichkeiten daraus erwachsen wären , mußte er bei diesen neuen Herren aushalten . So diente er ihnen denn , so gut er es vermochte , und ließ sich , des eigenen Ansehens halber , nie etwas zuschulden kommen ; aber er tat es verdrossenen Gemüts , und immer größer wurde die Geringschätzung , mit der er im stillen auf all diese zeitweiligen fremden Machthaber herabschaute . Zu diesen Gefühlen den Fremden gegenüber gesellte sich aber auch Empörung gegen die eigenen Landsleute . Tschun wußte oft nicht , welche dieser Empfindungen stärker war . Würdelos fand er es schon , daß sie , wie er es zuerst bei Sin schen erlebt , mit Fahnen und Zetteln herumliefen , die sie als Anhänger der Fremden proklamierten ; würdelos , daß gar manche , die vor wenigen Tagen noch die Boxergeister angerufen hatten , sich jetzt christliche Rosenkränze umhingen und , sobald sie Ausländern begegneten , auf sich selbst deutend , » Katholik , Katholik « schrien . Aber viel schlimmer noch erschien es Tschun , daß seine Landsleute , anstatt ihre Zwistigkeiten untereinander auszutragen , jetzt oft die Ausländer um Hilfe und Schlichtung anriefen , daß einer gegen den anderen Vorteile durch die fremden Herren zu erlangen suchte . Denn so wie vor wenigen Monaten noch private Feindschaft bei den Boxern Christen und Christenanhänger zu denunzieren liebte , so äußerte sich jetzt manche Rache , indem sie Verhaßte den fremden Machthabern als Boxer und Boxerhehler angab . Das war ein einfaches Mittel , sich Unbequemer und Beneideter zu entledigen . Denn es war bekannt , daß in solchen Fällen die Prozesse meist kurz geführt wurden . Dazu war man ja auch in das Land gekommen , um Boxer auszurotten und Exempel zu statuieren ! Auch Tschuns neuer Herr erhielt eine Anzeige , daß in seiner Nachbarschaft ein früherer Boxer hause , der bei der Zerstörung und Plünderung von Häusern der Fremden tätig gewesen sei , und der noch jetzt Waffen bei sich verberge und schlimme Anschläge führe . Der Denunzierte war ein junger Händler , den ursprünglich Sin schen an Tschun empfohlen hatte , und dem dann auch , da er vorteilhafte Bedingungen stellte , bestimmte Vorratslieferungen für die Truppe von dem Offizier übertragen worden waren . Da er den Händler vorgeschlagen hatte , wäre es Tschun sehr peinlich gewesen , wenn er sich als unzuverlässig erwiesen hätte , aber Tschun glaubte vorläufig nicht recht an die Beschuldigung , sondern witterte dahinter die Rache eines enttäuschten Konkurrenten . Es ward nun ein Zug nach dem Hause des angeblichen Boxers unternommen . Der ließ die Fremden bereitwilligst ein und zeigte ein ganz unbefangenes Wesen . Als Tschun ihm im Auftrag seines Herrn eröffnete , wessen er beschuldigt würde , beschwor er entrüstet , das sei alles erlogen . Allein bei der Haussuchung , die der Korporal und die Soldaten alsobald unternahmen , erwies sich ein Teil der Beschuldigungen sofort als richtig , denn in rückwärts gelegenen Teilen des weitläufigen Hauses entdeckten sie wohlverborgen eine Anzahl Kisten , und als sie diese nun , trotz des Protestes des Händlers , daß sie ihm nicht gehörten , in den Hof schleppten und aufbrachen , fanden sich darin nicht nur Waffen , sondern auch allerhand europäische Gebrauchsgegenstände , die offenbar aus den geplünderten Missions- und Gesandtschaftsgebäuden stammen mußten . Der Mann beschwor nun wieder , daß dies Kisten seien , die ihm ein Freund zur Aufbewahrung anvertraut hätte , und von deren Inhalt er selbst keine Ahnung gehabt habe . Aber er wurde nun doch sofort gefesselt in das Yamen des Offiziers abgeführt . Zu seiner Vernehmung war dann einer der gelehrten Herren , die Chinesisch konnten , aus der Gesandtschaft gebeten worden . Es kam aber nichts dabei zutage . Der angebliche Boxer blieb ebenso hartnäckig bei seinem Leugnen , wie der herbeigeeilte Ankläger bei seiner Beschuldigung ; ja , dieser sagte jetzt sogar aus , er selbst habe den Beklagten bei den Zerstörungen im Fremdenviertel mit Fackel und Schwert wüten sehen . Aufgefordert , den Freund zu bezeichnen , für den er vorgab , die Kisten aufbewahrt zu haben , weigerte sich der Händler , seinen Namen zu nennen . Alle Indizien sprachen gegen ihn . Schließlich wandte sich der Herr , der das Verhör führte , an Tschun , den er von seiner früheren Dienstzeit bei der Taitai her ja kannte ,