. Die Soldaten aber sind auf die gefährlichen Stellen in Wall und Zwingmauer gelegt und haben allhie kampieren müssen . Mit Zagen freilich sahe man , wie die 5000 Wehrhaften , die man zusammengebracht , über die weitläufige Fortifikation verteilt , nur eine dünne Verteidigungskette bildeten , indessen draußen die sechs- bis siebenfache Armada wohlgerüstet und emsig arbeitete . Leider stellete sich heraus , daß manche Teile des Walles und Grabens nicht in gutem Stande ; und etliche Bürger murreten wider den Kommandanten , der , ein kecker Kibitz , ins Feld geflogen sei , anstatt zuvörderst das Nest zu verwahren . Schlimm auch , daß die Bürgerschaft uneins war . Der Arme mißgönnete dem Reichen seine Wohlfahrt und mochte nicht dulden , daß jener länger zu Hause bleiben oder sein Gesinde an seiner Statt zu Walle schicken durfte . Die Reichen aber wollten ihre Licenz mißbrauchen , und haben etliche , insonderheit die heimlich Kaiserischen , sich nicht ein einzigmal auf dem Walle sehen lassen . Ging man zu Walle , so geschah es weniger , um dem Feinde Abbruch zu tun , als vielmehr umherzulungern und Neues zu hören . Ein großer Teil wußte sein Bier und die dargereichten Würste besser anzuwenden als die Muskete . Gleichwohl haben die Unseren in einem Ausfalle dem überraschten Pappenheim Schanzkörbe und Schippen weggenommen , auch 18 Leute erschlagen . Einen größeren Sieg gewann der Oberstleutnant Trost auf der Elbinsel , genannt der Stadtmarsch . Dorten hatte er die Ligisten also weit zurückgetrieben , daß er die Rote-Hagen-Schanze hätte zurückerobern gekonnt , hätte er nur zweihundert Leute mehr gehabt . Aber weil der geschlagene Feind Sukkurs erhielt , mußten die Unsrigen mit der halben Viktoria zufrieden sein . In den Trancheen gab es mehr denn hundert Feinde tot , also daß man die ligistischen Truppen den ganzen Tag damit hat schleppen sehen . Nach einem dritten Ausfalle , so dem Feind 40 Mann gekostet , hat Tilly sich abermals aufs Paktieren gelegt und Briefe durch seinen Trompeter geschickt . Ist aber nichts aus den Traktaten worden . Des Feindes Arbeit ist inzwischen besser vorwärts gegangen . An manchen Orten ist er mit seinen Trancheen bis an die Kante des Grabens gelangt , hat auch Brandkugeln und Granaten , etliche einen Zentner schwer , in die Stadt geworfen . Nur weil wenig Heu und Stroh bei uns vorhanden , dazu gute Aufsicht gewesen , so ist kein anderer Schaden angerichtet , als daß eine Kuh zerschmettert worden und an etlichen Stellen Feuer aufgegangen , das jedoch mit nassen Häuten und Wasserkübeln allsogleich gelöscht worden . Es war für uns schädlich , daß bei der Zerstörung der Neustadt nicht Zeit übrig , alle Mauern und Keller zu ebenen . Diese Deckungen wurden nun von Pappenheim genutzt . Von der Elbe bis zum Krökentor wühlete er Laufgräben durch die Neustadt und machte Approchen bis an unsere Fausse-braye , ließ hier die Pallisaden ausheben und mehrere hundert Leitern zum Sturme ansetzen . Die Pappenheimschen Laufgräben waren so dicht mit Musketen besetzt , daß , sobald von den Unseren einer hinter der Brustwehr herfürlugte , augenblicklich sechs bis acht Schüsse auf ihn fielen . Am 7. Mai fing der Feind an , aus seinen vollendeten Batterien auf das heftigste zu schießen , und seine Truppen waren in Bewegung , daß wir gläubten , gleich werde der Sturm losgehen . Es gab ein Hin- und Wiederschießen , daß der Erdboden erzitterte und wie Hagel die Kugeln prasselten . Gleichermaßen ging es auch den folgenden Tag . Ein Turm bei der Hohenpforte , so allbereits an die 300 Kartaunenkugeln empfangen , hielt sich nicht länger , sondern stürzte krachend und stäubend zusammen . Immer düsterer dräueten die Wolken . Eine dumpfe Feierlichkeit lag auf der Stadt , gemahnend , wie nunmehro das schwanke Zünglein unserer Schicksalswage sich neigen solle zum Leben oder zum Tode . Am Abgrund der Ewigkeit stund die Bürgerschaft , starrte schaudernd hinab und besann sich in banger Selbstprüfung auf die letzten Dinge . Aus war es auf einmal mit hoffärtigen Gebärden , mit bunten Röcken , stolzen Hutfedern und güldenen Zieraten . In Trauerkleidung oder gar verwahrlost als Büßer strömten Frauen und Jungfern , Greise und Kinder , sowie die wenigen Männer , so gerade vom Kriegsdienste abkömmlich , in die Kirchen zum Tisch des Herrn , das Abendmahl zu nehmen - vielleicht ihr letztes . Und seltsam , in diesen schwierigen Tagen fanden überaus viele Trauungen statt . Manch armes Menschenherze wollte die anoch vergönnte , vielleicht ganz kurze Lebensfrist nützen , einen inniglichen Wunsch zu erfüllen . Bei solchen Trauungen nun kam die Sitte auf , daß vor dem Altare rings um das Hochzeitspaar Junggesellen und Jungfern , so heimliche Liebe zueinander im Herzen trugen , Hand in Hand niederknieten , um für den Fall des Todes als Verlobte für das Jenseits zu gelten . Am Morgen des 8. Mai , da ich von der Nachtwache heimkehrte und bei Sankt Johannis Kirche vorüberkam , ward ich im Kirchgängerzuge Theklas ansichtig und folgte ihr allsogleich in die Kirche . Unter der Wölbung , im Anblicke des Gekreuzigten und der frommen Gemälde , erschüttert von der Orgel , oft die Augen auf Theklas holdes Haupt gerichtet , fühlte ich Flammen der Andacht und der zärtlichen Liebe in meinem Herzen zusammenschlagen . Der Prädikant sprach über die Schriftworte » Sei getreu bis in den Tod , so will ich dir die Krone des Lebens geben « und schloß mit dem Gebete : » Erwecke denn in uns die rechte Treue bis in den Tod , so nichts anderes bedeutet , als eine heilige Märtyrschaft , darin unsere Seele erstarket , lieber Haus und Heimat , Gut und Blut dahinzugehen , als ihren Glauben , ihre Liebe , ihre Hoffnung . « Inbrünstig sang die Gemeinde : » Nehmen sie uns den Leib , Gut , Ehr , Kind und Weib , Laß fahren dahin , Sie haben ' s kein Gewinn , Das Reich muß uns