den Kaffeehaustisch . » Sie freut es « , erwiderte Leo , » daß Sie mich zufällig wieder einmal zu Gesicht kriegen , und mir war es ein Bedürfnis , Sie noch einmal zu sehen , das ist der Unterschied . « Seine Stimme klang noch zärtlicher als gewöhnlich . Er sah Georg ins Auge , gütig , beinahe väterlich . In diesem Moment zweifelte Georg nicht mehr , daß Leo alles wußte , war ein paar Sekunden so verlegen , als wenn er sich vor ihm zu verantworten hätte , ärgerte sich über seine Verlegenheit und war Leo dankbar , daß er sie nicht zu bemerken schien . Sie sprachen beinahe nur über Musik an diesem Abend . Leo erkundigte sich nach dem Fortgang von Georgs Arbeiten , und im Verlaufe der Unterhaltung ergab es sich , daß Georg sich bereit erklärte , Leo am morgigen Sonntag Nachmittag einiges aus seinen neuesten Kompositionen vorzuspielen . Aber als sie sich voneinander verabschiedeten , hatte Georg plötzlich das unangenehme Gefühl , als wenn er eben eine theoretische Prüfung mit mäßigem Erfolg bestanden hätte und ihm für morgen das praktische Examen bevorstünde . Was wollte dieser junge , weit über sein Alter sich reif gebärdende Mensch eigentlich von ihm ? Sollte Georg ihm gegenüber erweisen , daß sein Talent ihn berechtigte , Annas Geliebter zu sein , oder der Vater ihres Kindes zu werden ? Er erwartete Leos Besuch mit innerm Widerstand . Einen Moment dachte er sogar daran , sich verleugnen zu lassen . Aber als Leo erschienen war , so harmlos und herzlich , wie er sich manchmal zu geben liebte , wurde Georg bald milder gestimmt . Sie tranken Tee , rauchten Zigaretten , Georg zeigte seine Bibliothek , die Bilder , die in der Wohnung hingen , Antiquitäten und Waffen , und die Prüfungsstimmung verschwand . Georg setzte sich ans Klavier , spielte ein paar seiner Stücke aus früherer Zeit und die letzten , auch die Ballade , viel besser als gestern bei Ehrenbergs , dann einige Lieder , zu denen Leo ohne Stimme , aber mit sicherem , musikalischen Gefühl die Melodie markierte . Endlich begann er das Quintett aus der Partitur vorzutragen , es gelang ihm nicht recht , und Leo stellte sich mit den Noten zum Fenster hin und las sie aufmerksam . » Eigentlich weiß man noch gar nichts « , sagte er . » Manches ist wie von einem Dilettanten mit sehr viel Geschmack und anderes wie von einem Künstler ohne rechte Zucht . In den Liedern spürt man noch am ehesten ... aber was ... Talent ? ... ich weiß nicht ... daß Sie eine vornehme Natur sind , spürt man jedenfalls , eine musikalisch vornehme Natur . « » Na , das wäre nicht viel . « » Es ist sogar ziemlich wenig . Aber da Sie noch so wenig gearbeitet haben , beweist das auch nichts gegen Sie . Wenig gearbeitet und wenig durchfühlt . « » Sie glauben ... « Georg zwang sich zu einem spöttischen Lächeln . » O , erlebt wahrscheinlich sehr viel , aber gefühlt ... wissen Sie , was ich meine , Georg ? « » Ja , ich kann mirs schon denken . Aber Sie irren sich entschieden . Ich finde sogar eher , daß ich eine gewisse Neigung zur Sentimentalität habe , die ich bekämpfen muß . « » Ja , das ist es eben . Sentimentalität ist nämlich etwas , was in einem direkten Gegensatz zum Gefühl steht , etwas , womit man sich über seine Gefühlslosigkeit , seine innere Kälte beruhigt . Sentimentalität ist Gefühl , das man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat . Ich hasse Sentimentalität . « » Hm , und doch glaube ich , daß Sie selbst nicht ganz frei davon sind . « » Ich bin Jude , bei uns ist es eine Nationalkrankheit . Die Anständigen arbeiten dran , daß Grimm oder Zorn daraus werde . Bei den Deutschen ist es schlechte Gewohnheit , innere Nachlässigkeit sozusagen . « » Also bei Ihnen zu entschuldigen , bei uns nicht ? « » Auch Krankheiten sind nicht zu entschuldigen , wenn man im vollen Bewußtsein seiner Anlage versäumt hat , sich dagegen zu wehren . Aber wir fangen an , aphoristisch zu werden , befinden uns also auf dem Wege zu Halb- oder Viertelswahrheiten . Kehren wir zu Ihrem Quintett zurück . Das Thema des Adagio ist mir das liebste daran . « Georg nickte . » Das hab ich einmal in Palermo gehört . « » Wie « , fragte Leo , » sollte es eine sizilianische Melodie sein ? « » Nein , aus den Wellen des Meeres ist es mir entgegengerauscht , wie ich eines Morgens allein am Strand spazieren gegangen bin . Das Alleinsein tut meiner Produktion überhaupt gut . Auch fremde Gegenden . Ich verspreche mir darum von meiner Reise allerlei . « Er erzählte ihm von Heinrich Bermanns Opernstoff , der für ihn von Anregungen erfüllt sei . Wenn Heinrich wieder zurückkäme , sollte Leo ihn doch veranlassen , den Text ernstlich in Angriff zu nehmen . » Wissen Sie noch nicht « , sagte Leo , » sein Vater ist gestorben . « » Wirklich ? Wann denn ? Woher wissen Sies ? « » Heute früh ist es in der Zeitung gestanden . « Sie redeten über Heinrichs Verhältnis zu dem Hingeschiedenen , und Leo sprach aus , daß es um die Welt vielleicht besser stünde , wenn die Eltern öfter von den Erfahrungen ihrer Kinder lernten , statt zu verlangen , daß diese sich ihrer Altersweisheit anbequemten . Sie kamen in ein Gespräch über die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen , über echte und falsche Arten von Dankbarkeit , über das Sterben von geliebten Menschen , über die Verschiedenheit von Trauer und Schmerz , über die Gefahren des Erinnerns und die Pflichten des Vergessens . Georg fühlte , daß Leo den ernstesten Dingen nachsann , sehr allein