gehabt , und weil das damals nicht als standesgemäß gegolten , ein solches Studium zu beginnen , so habe er sich von seiner Neigung abwenden lassen ; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet , denn indem er zu dem andern , das er nun wirklich getrieben , keine innere Neigung gehabt , sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen . Deshalb , weil er selbst das durchgemacht habe , wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben , und es freue ihn , daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle , denn das Leben der Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt , die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne , wie sie eben mit Vater und Brüdern durchgemacht . Nach solchen Worten schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn ; und dann ermahnte er sie nochmals , sie solle bei ihrem Mute verharren , denn der komme aus einem guten Gewissen ; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden , daß es ihre natürliche Pflicht sei , daß sie ihre Eltern pflege , so solle sie nicht darauf hören , sondern solle ruhig tun , was sie sich vorgenommen . Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl verheiratet . Um wenigstens äußerlich zu zeigen , welche geringe Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten , waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen , welche Freunde von Weiland waren , in Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen ; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten eingetreten , der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte . Der prüfte die Papiere der Zeugen , nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten , füllte das Formular in seinem dicken Buche aus , las dann seine Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben , indem er mit ärgerlichen Worten mahnte , daß sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen , auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten . Dann unterschrieb er selbst , und indem das Paar und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen , winkte er ungeduldig mit der Hand , daß sie entlassen seien und gehen müßten . Im Vorzimmer wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück , und das Brautpaar lud sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein . So gingen die vier mit leerem und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft , da bestellte der junge Ehemann nach der Karte das Essen , und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich , indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten ; nur die junge Frau blieb fast stumm , und man sah , daß sie sich bezwang , um nicht zu stören . Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort , sondern nachdem sie gegessen hatten , standen sie auf und gingen , und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem Glückwunsch , und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen ihrem Heim zu , das sie sich schon vorher eingerichtet hatten . Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe , und immer niedergedrückter wurden sie , wie sie so immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe . Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen , an der bereits das neue Namenschild befestigt war , hatten sie ein glücklicheres Gefühl , aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem engen und dunkeln Korridor standen , fiel sie ihm um den Hals , schluchzte und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf , und die Erinnerung an die schmutzige Treppe , die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand , bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen , freudeleeren und gedrückten Leben , das heute armen Leuten bevorsteht , wenn sie ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen . Und wiewohl sie ja jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten und ein fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen , und die Sonne schien hier oben in ihre Fenster , so standen doch vor ihrem Sinn die vielen beladenen , mißmutigen , vergrämten und besorgten Menschen , die sie in ihrem Leben schon gesehen , und sie wußten , daß nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden . Aber wie den armen Leuten gegeben ist , daß sie die Gegenwart zu genießen vermögen , so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg , freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche , des neuen Sofas und des Salontisches , auf dem eine Visitenkartenschale stand , und des Vertiko ; und wiewohl Sofa , Tisch und Schränkchen , neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen , ja neben den bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden , genau gleich waren tausend andern Sofas und Tischen , Schränkchen und Stühlen , die in tausend andern Wohnungen junger Leute standen , so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und Schönes zu sein , das kein anderer Mensch hatte ; und wenn sie zwar der festen Meinung lebten , daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben viel vernünftiger ordnen werde , wie es jetzt ist , so waren sie doch jetzt glücklich und zufrieden , wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen , auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguß in der Sonne blitzte . So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr , die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen