eine ziemliche Misere dabei heraus . Nur gut , daß wir immer zwei sind , die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst angewiesen , und wir teilen gute und schlechte Tage wie früher . Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt , wo ich wollte , mein Leben gehört nur noch mir , ich kann daraus machen , was ich will . Ich bin auch noch jung genug - wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen . Wenn ich daran denke , wie ich mich in ganz jungen Jahren fürchtete , ich möchte nicht genug erleben ! - Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren . Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmütig gemacht - Detlev , Friedl und all die andern . - Wir waren ja noch halbe Kinder damals , in unserer Begeisterung und unserem Pathos , fühlten uns als die Vorkämpfer einer neuen Zeit - jeden Augenblick wären wir bereit gewesen , uns dafür zu opfern . Ich weiß wenig davon , was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem Damals » treugeblieben « sind . - Aber wer mag so dafür geblutet haben wie ich ? - Ja , » der letzte Mut zu sich selbst « - ein blutiger Weg , der dahin führt - , der die Füße wund und müde macht . Und manchmal möchten Heimweh und Sehnsucht rufen : Komm zurück ! - Als ich anfing , mich zu erholen , den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster saß und daran dachte , wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt - , da haben sie oft nach mir gerufen - - Aber dann der erste Besuch bei Johnny - , er trug mich die Treppe hinauf , die ich so lange nicht mehr gegangen war - , und da droben , wo alles an unsere wilden Stunden erinnerte - , da fühlte ich wieder den heißen Hauch der Stürme , die draußen wehen , wo man frei ist . Die am warmen Kamin sitzen , wissen nichts davon - nur wir , die auf der Landstraße gehen . Januar 94 Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit , und der Stab Wehe ist verbannt . Allmählich fangen nun die Erfahrungen an , die man mir früher so oft weissagte - , daß wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen dürfen . - Ich wollte in unsere frühere Malschule eintreten , aber man hat etwas von Ehescheidung gehört und erhebt Bedenken . - So bin ich denn in eine andere gegangen , wo es nicht so strenge genommen wird . Und das andere ist dem gleich . - Bei meinem ersten Münchener Aufenthalt verkehrte ich noch in einigen Familien - trotzdem ich damals doch ein ziemlich extravagantes Leben führte , aber man wußte nicht , wie weit es in Wahrheit ging , und vor allem wußte man , daß ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich heiraten wollte . - Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf aufmerksam , daß man an mir irre geworden sei - aus dem , was sie sagt , fühle ich wohl heraus , daß ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht - man könnte ja vielleicht eingreifen , helfen - tout comprendre et tout pardonner - man weiß ja nichts Genaues . Aber ich danke schön - ich suche niemand mehr auf , der nicht zu mir kommt . Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf . Wenn mir etwa Steine in die Fenster fliegen sollten , so werde ich sie mit Vergnügen aufsammeln und für meine Kinder aufheben . - Ich habe eine stille Freude dabei , all diesen guten Leuten in Gedanken die Tür recht weit aufzumachen . 2. Februar Diesen Winter hat sich eine etwas merkwürdige Freundschaft angeknüpft - ich war abends bei strömendem Regen in der Stadt , wollte beim Marienplatz in den letzten Fiaker steigen . Als ich ankam , stand schon jemand daneben , will mir aber aus Höflichkeit den Wagen überlassen , hält sogar seinen Regenschirm über mich . Mir machte das so tiefen Eindruck , daß ich sagte , er könne ja mitfahren , wenn wir denselben Weg hätten . Das Ende war , daß wir dreimal zwischen dem Hoftheater und dem letzten Stück der Theresienstraße hin- und herfuhren und uns noch nicht darüber geeinigt hatten , wer wir eigentlich wären . Dann trafen wir uns am Weihnachtsabend wieder auf der Straße , hatten beide nichts anderes vor und feierten ihn zusammen in einer Weinstube , gerieten so tief in ein Gespräch über Boheme , Gesellschaft , guten Ton und Etikette , daß wir eine Stunde vor meiner Haustür standen und ich ihn schließlich zu einem Kaffee bei mir einlud . So ähnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen , er kommt oft abends zu mir herauf , und wir schwätzen die halbe Nacht durch - trotz allem guten Ton , an dem wir übrigens aufs strengste festhalten . Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt in Gedanken , Worten und Werken , man könnte es eigentlich nicht einmal Freundschaft nennen , wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblöcke , die irgendwelchen Gefallen aneinander finden . Bel-ami - den Namen hat er bekommen , wie ich seinen wirklichen noch nicht wußte - gehört der sehr guten Gesellschaft an - ist immer sehr elegant und scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu führen . - Jetzt im Karneval , kommt er einmal im Frack , einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei mir angestürzt , um sich auszuruhen . Wir suchen erst lange nach einem geeigneten Platz für seinen Zylinder , dann sitze ich auf dem Bett , er auf dem einzigen Klappstuhl und erzählt mir seine Erlebnisse . Einmal schlief er dabei im Stuhl ein - und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang . Ich versicherte ihn meiner Nachsicht , und so ist es allmählich Brauch geworden , daß